Mein Freund Reiner!
Die schier unglaubliche Geschichte, die ich euch heute schildern will, begann vor über einem Jahr. Für diejenigen, die es noch nicht wissen, ich habe ein kleines Puppenforum im Internet. Ab und zu nehme ich eine meiner Puppen und mache mit ihnen eine Fotostory. Im letzten Jahr stand diese unter dem Motto, Ausflug in die Vergangenheit. Dazu fuhr ich in meine Heimatstadt Essen-Werden, da es gerade September war und dort die Appeltaten Kirmes stattfand, bot es sich an.
Als erstes besuchte ich die Kemenate, in der Schule hatten wir gelernt, es sei das schmalste Haus Deutschlands, mit einer Breite von nur 80cm. Nebenan befindet sich ein Caffee. Dort fragte ich nach, ob ich das Haus einmal von innen sehen könnte. „Gerne“, antwortete die Verkäuferin und führte mich in einen Nebenraum. Verwundert folgte ich ihr, besaß man hier einen Durchbruch? Sie blieb stehen und wies auf eine Wand. Verdutzt schaute ich sie an. „Das ist es“, erklärte sie. „Von der Kemenate besteht nur noch die Fassade.“ Enttäuscht verabschiedete ich mich von ihr und ärgerte mich mal wieder über eine verpasste Gelegenheit. Warum war mir die Idee nicht früher gekommen, als es das Haus noch komplett gab? Anschließend ging es zur Post, ich atmete auf, den alten Mäuseturm, der zu den Putzräumen führte, in denen meine Oma als Putzfrau gearbeitet hatte gab es noch. Meiner Bitte dort hinauf zu dürfen gab man allerdings nicht statt. Die Räume wurden seit Ewigkeiten nicht mehr betreten, sagte man mir. Schon wieder Pech gehabt, wenn das so weiter ging konnte ich nichts Interessantes berichten. Aufgeben kam jedoch nicht in Frage, nebenan steht meine alte Schule, ich wunderte mich, dass es dort so leer war und schellte beim Hausmeister. Er war sehr freundlich und ließ mich eintreten. Als ich ihm mein Anliegen geschildert hatte, bot er mir an, die Räume aufzuschließen, die Schüler machten einen Ausflug und ich konnte mich in aller Ruhe umsehen und Fotos machen. In dem langen Flur beschlich mich ein ungutes Gefühl, wie oft hatte ich hier stehen müssen, weil ich mit meinem Unsinn den Unterricht gestört hatte. Winzig klein kamen mir die Möbel in meinem alten Klassenzimmer vor. Vor dem Fenster die Kirchturm Uhr, wie quälend langsam waren die Zeiger in der Mattestunde vorwärts gerückt. Meine kleine Lucy wirkte entzückend in der Bank, wie sie da so verträumt saß. Nachdem ich einige Bilder gemacht hatte, bedankte ich mich bei dem netten Hausmeister und machte mich wieder auf den Weg. Die nächste Station war eine Bäckerei. Dort hatten wir vor den verhassten Turnunterricht einmal in der Woche Butterkuchen geholt. Später hatte ich gefallen an dem hübschen Sohn bekommen und für eine Weile waren wir ein Paar.
Nun stand ich vor ihm und war erstaunt, wie sehr er sich verändert hatte. Aufgedunsen war er, sein ehemals schwarzes Haar war oben dem kahlen Schädel gewichen und der moderne drei Tage Bart ließ ihn eher ungepflegt erscheinen. „Hallo Klaus“, begrüßte ich ihn. Er kniff die Augen zusammen. „Kennen wir uns“, bellte er mich an? „Sagt dir der Name Gitte etwas“, half ich ihm? Er überlegte. „Warst du nicht früher schwarzhaarig“, stieß er nach. „Na also“, lachte ich „vergessen hast du mich nicht.“ Dann erklärte ich ihm meine Mission und bat in der Bäckerei Bilder machen zu dürfen. Er erlaubte es mir, weigerte sich allerdings mit aufs Bild zu kommen. „Du warst doch mit Reiner zusammen“, bemerkte der. „Der trauert dir immer noch nach, nach so langer Zeit, nicht zu fassen oder?“ Er schüttelte den Kopf und ich lächelte. Das tat gut fürs Ego, der Tag war doch nicht so schlecht, ich besuchten noch meine alte Kirche, den alten Friedhof, die Wohnung in der ich aufgewachsen war, den Zeitschriften Laden in dem ich meine Schulhefte gekauft hatte und der seit 1964 leer stand, die Folkwang Schule und zuletzt die Kirmes, ich kam mit der reichen Beute von 150 Bildern nach Hause.
Über ein Jahr war nun vergangen und wieder einmal stand ich hier in Werden. Durch Klaus Bemerkung hatte ich hin und wieder einmal an Reiner gedacht. Eigentlich könnte ich ihn mal besuchen, mal sehen was er sagt nach fast dreißig Jahren. Ehe mich die Courage wieder verließ, steuerte ich seine Wohnung an, er wohnte schon lange Jahre gegenüber dem Gymnasium. Schon hatte ich meinen Finger ausgestreckt, als ich stutzte. Sein Name war verschwunden. Zu spät, schoss es mir durch den Kopf. Was mochte geschehen sein, war er umgezogen? Oder gar schlimmeres? Klaus fiel mir ein, er hatte mit ihm Kontakt gehabt, ihn würde ich fragen. Nach einer Weile stand ich ihm in der Bäckerei gegenüber. Er grinste. „Doch wieder dunkel“, fragte er mit einem Blick auf meine Haare? „Im Winter schon“, entgegnete ich ungeduldig. „Sag mal, ich wollte Reiner besuchen, er wohnt nicht mehr dort, hast du eine Ahnung wo ich ihn finde?“ Klaus eben noch lachendes Gesicht wurde ernst. „Schlimme Sache das“, murmelte er. „Was ist geschehen, sag schon“, drängte ich ihn. „Er hatte einen Schlaganfall und wohnt nun hier im Pflegeheim, du könntest ihn ja dort besuchen“, schlug er vor. „Das mache ich auf der Stelle“, antwortete ich ihm, „wohnt er im Ludgerus Heim?“ „Nein, in dem Neuen an der Dückerstrasse, wo früher der Saalbau Maas stand“, gab er mir Auskunft. „Danke und mach es gut“, wollte ich mich schnell verabschieden, doch ein „Warte mal“, hielt mich zurück. Klaus packte einen großen Streifen Butterkuchen ein. „Gerade frisch aus der Backstube, den mögt ihr doch beide gerne, bitte nimm ihn mit und bestelle ihm einen lieben Gruß von mir.“ „Das ist eine nette Idee, das mache ich gerne“, antworte ich ihm. Mit dem Tablett auf der Hand machte ich mich auf den Weg. In meinem Bauch gemischte Gefühle, was würde mich erwarten?
Im Heim meldete ich mich an und man schickte mich in die zweite Etage. Als ich am Aufenthaltsraum vorbei kam sah ich hinein. In der Ecke, abseits der Anderen saß ein Mann im Rollstuhl, er hatte eine sehr weiße Haut und längere, immer noch schwarze Haare. Trotzdem er sehr gealtert war, erkannte ich ihn sofort und war erschüttert. Er war unglaublich gealtert, tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht. Mein Herz zog sich mitleidig zusammen. Dann hatte ich mich wieder in der Gewalt, ich setzte ein strahlendes Lächeln auf und ging auf ihn zu. „Reiner“, sprach ich ihn leise an, im ihn nicht zu erschrecken. Langsam hob sich sein Kopf und der sah mich an. Seine Augen waren immer noch von diesem unwahrscheinlich intensiven Blau. „Gitte“, fragend hing sein Blick an mir um dann aufzuleuchten. Ich nickte. „Wie schön, das du kommst, meine Gedanken beschäftigen sich seit Tagen mit dir, ich wollte dir so gerne manches erklären, ehe meine Zeit zu Ende geht. Bitte lass uns in mein Zimmer gehen, rollen verbesserte er sich sogleich und wies auf seinen Rollstuhl. Meine Gedanken kreisten in meinem Hirn. Was sagt man denn da? Wie tröstet man? Du hast noch lange Zeit? Aber sein Aussehen sagte etwas anderes. In seinem Zimmer angekommen bat er mich Platz zu nehmen. „Schau mal, den Kuchen schickt uns Klaus“, machte ich ihn aufmerksam, ich frage mal schnell, ob wir Kaffee dazu bekommen können. Beinahe fluchtartig verließ ich das Zimmer. Nachdem ich den Kaffee bekommen hatte ging ich zurück und versorgte uns. In dieser Zeit sagte Reiner kein Wort, erst als es nichts mehr zu tun gab und wir vor den dampfenden Tassen saßen fragte er: „Bereit?“ Mechanisch nickte ich, noch nicht genau wissend, ob ich wirklich wissen wollte was er mir zu offenbaren gedachte.
„Bin ich dir nie seltsam vorgekommen“, wollte Reiner von mir wissen? „Oh doch“, lachte ich, dein Lebensrhytmus, du wurdest immer erst munter wenn ich schon müde war und dann deine Wirkung auf Frauen.“ Er blickte mich merkwürdig an. „Es ist dir also aufgefallen?“ „Was“, fragte ich irritiert zurück? „Das ich immer erst Abends kam.“ „Sicher, aber du hattest nun mal so einen Beruf, bei dem du ausschlafen konntest“, merkte ich an. „Worauf willst du hinaus?“ „Ich bin ein Vampir“, gestand er mir. „Komm schon“, ich lachte. Das konnte doch nicht sein Ernst sein. Hatte sein Geist doch mehr gelitten, als es zuerst den Anschein hatte? Aber Reiner verzog keine Mine, er beobachtete mich nur. „Ha, ich hab dich besucht, am Tage“, triumphierend schaute ich ihn an. Nun hatte ich ihn. „Und“, fragte er nach. „Wann haben wir die Wohnung verlassen?“ Ich dachte nach. „Zum Abendbrot“, fiel mir ein. „Du hast dich nicht gewundert, dass ich dich nicht vom Bahnhof abholte?“ „Schon“, gab ich zu, „ich hielt es für mangelnde Erziehung.“ Reiner schmunzelte. „Und die vorgezogenen Übergardinen?“ „Ich dachte du hättest das extra gemacht, wegen der Kerze und der Romantik“, gestand ich ihm. „Oh nein, damals war das noch ein Muss, ich habe damit begonnen, mich zu desensibilisieren, immer häufiger habe ich mich dem Licht ausgesetzt, auch wenn es Qualen waren, zuletzt konnte ich bei diesigem Wetter ohne Probleme am Tag hinaus. Weißt du, ich wollte so gerne ein Mensch werden, nicht zuletzt deinetwegen.“ „Und“, fragte ich neugierig geworden, hast du es geschafft. „Nein“, Reiner schüttelte traurig den Kopf, ich bin nun nichts mehr, ein halber Vampir und ein halber Mensch. Du hast es selbst wahrgenommen vorhin, die Menschen spüren das ich anders bin, sie meiden mich, haben Angst vor mir.“ Traurig blickte er mich an. „Hast du mich geliebt“, wollte ich nun doch wissen? „Mehr als ich sagen kann, mehr als mein Leben und als es gut für mich war.“ Ich merkte dass es mir heiß wurde, ich hatte sicher einen knallroten Kopf. Es war mir peinlich, aber ich hatte diese Frage stellen müssen. „Hast du“, ich stockte. Auffordernd sah er mich an. „Das ist die Stunde der Wahrheit, also raus damit“, forderte er mich auf. „Hast du mich jemals gebissen?“ Wieder merkte ich Röte aufsteigen. Von unten her schielte ich in sein Gesicht. Er schmunzelte. „Nein, das hättest du gemerkt.“ „Du meinst, ich hätte diese Male am Hals gehabt?“ Ich konnte nicht umhin, erleichtert zu sein und aufzuatmen. „Das auch, aber ein Vampirbiss erzeugt ein starkes sexuelles Verlangen, hast du den Eindruck gehabt?“ „Nein, jedenfalls nicht ungewöhnlich“, überlegte ich, „aber Moment mal, von wem hast du dich ernährt, sagt man das so?“ „Überleg mal, wer hat ein großes sexuelles Verlangen?“ „Klaus“, kam es wie aus der Pistole geschossen. Er war der Playboy schlechthin, ich hatte das immer seinem guten Aussehen zu Gute gehalten. Reiner lächelte. „Sag schon“, bat ich ihn, doch er schwieg. „Unsere Clique“, redete er weiter, „waren sie nicht seltsam?“ Ich stutzte, in der Tat, nun da er mich mit der Nase draufgestupst hatte fand ich das auch. „Das waren auch alles Vampire“, fragte ich entsetzt? Wieder lächelte Reiner wegen meiner Naivität. Dann schüttelte er seinen Kopf.
„Fangen wir mit dem Seltsamsten an, Conny“, bat ich. „An was erinnerst du dich“, wollte Reiner wissen? „Das er immer dieses seltsame Spiel spielte, er nannte es, der irre Mörder. Immer wenn die Nebel aus der Ruhr aufstiegen versteckte er sich an der Brücke und wenn jemand kam, schlug er den Kragen seines schwarzen langen Mantels hoch und folgte ihm, immer dichter schlich er heran und dann blies er der Person seinem Atem in den Nacken, das sie vor Panik fast umkamen, er hatte dann immer den ganzen Tag gute Laune.“ Fragend blickte ich Reiner an. „Etwas hat er nicht erzählt, er hat diese Personen leicht berührt.“ „Und“, ich wartete gespannt. „Conny ist ein Energy Vampir.“ „Was ist denn das, wollte ich wissen? Das Spiel diente dazu Angst einzujagen, Angst fördert die Emotionen und damit auch die Energie und diese hat er dann bei der Berührung abgezogen, deshalb war er dann immer so guter Laune.“ Na das war harter Tobak.
„Und Wolf?“ Nun wollte ich es aber wissen. „Weißt du noch, wie er dich in dieses Zimmer mit der seltsamen „Tapete“ brachte?“ „Erinnere mich bitte nicht daran, ich hab es sogar angefasst, dieses silbrige hauchdünne Zeug, von dem er mir später gestand, dass es sich um seine Haut handelte. Er sagte, das er immer in den Süden fährt und sich dort ungeschützt Stundenlang in die Sonne legt, bis das er so verbrannt ist, das er große Stücke abziehen kann, die trocknet er dann und damit hatte er das besagte Zimmer tapeziert.“ Schweigend sah ich Reiner an. „Na, wer muss sich häuten“, wollte er wissen? „Eine Schlange überlegte ich laut, eine Schlange häutet sich.“ Verständnislos blickte ich ihn an. Er nickte. „Wolf ist ein Schlangenwesen, seine Haut verhärtet sich einmal im Jahr und dann muss er sie loswerden, um nicht aufzufallen geschieht das auf diese Art. „Deshalb seine geschmeidige Art zu gehen“, überlegte ich laut. „Stimmt und wenn du genau hingesehen hättest wäre dir auch seine gespaltene Zunge aufgefallen.“ „Daher auch sein ausgefallener Geschmack, ich dachte immer er hat so was Papagei mäßiges. „Stimmt, Farbe gilt im Tierreich als schön, daher seine Vorliebe.“ Also das musste ich nun erst einmal verdauen, andererseits wäre ich keine Frau, wenn ich nicht vor Neugierde gebrannt hätte. Auch Reiner merkte das und schmunzelte wieder. Zwischen uns herrschte immer noch ein großes Einverständnis.
„Volker“, eröffnete ich das Gespräch neu. „Was denkst du“, entgegnete Reiner? „Er war normal, oder? Er war zwar klein, aber sonst einfach normal, ich sehe noch das Hochzeitsbild vor mir, seine Frau musste sitzen, damit man den Größen Unterschied nicht so bemerkte. Dann zogen sie nach Düsseldorf und er eröffnete diese Kneipe, das Oki Doki und das lief so gut, dass er danach ein Lokal nach dem Anderen eröffnete. Moment mal, er war klein, er war reich, du willst mir doch jetzt nicht erzählen, das er ein Zwerg ist mit mächtigen Goldvorräten?“ „Nicht ganz, er ist so eine Art Rübezahl des Ruhrgebietes.“ Ich fasste es nicht. „War einer darunter, nur einer der normal ist?“ „Was heißt schon normal“, wollte Reiner wissen.
„Rene? Was ist mit ihm? Sein Spitzname war Fußpilz, ist er etwa ein mutierter?“ Langsam hielt ich fast alles für möglich. „Mit seinen Füßen hat seine Begabung schon zu tun, er ist ein Läufer?“ „Läufer, was ist ein Läufer“, fragte ich nach. „Ein Läufer ist einer, der ungeheuer schnell rennen kann“, bekam ich erklärt. „So ähnlich wie der kleine Muck“, wollte ich wissen und musste lachen. Reiner stimmte mit ein. „Ja genau so musst du dir das vorstellen, nur braucht er keine Schuhe dazu, im Gegenteil, seine Schuhe enthalten Bleiplatten, damit er nicht immer wieder aus Versehen lossprintet.“
„Was ist mit seiner Freundin, ich kenne nicht mal ihren richtigen Namen, wir nannten sie immer Ophelia, weil sie so eifersüchtig war. Sie kleidete sich immer schwarz, hatte eine sehr bleiche Haut und lächelte nie, sie hatte allerdings auch keinen Grund dazu. Sie ist auch ein Vampir, oder?“ Gebannt wartete ich auf Reiners Antwort. Er schüttelte seinen Kopf, du unterschätzt die Arten Vielfalt Ophelia, ihren Namen kenne ich auch nicht, wenn sie überhaupt einen hat ist eine schwarze Witwe.“ Erschreckt zuckte ich zusammen. „Ja und lächeln kann sie nicht, weil man sonst ihre Beißwerkzeuge sieht.“ „Halt, es reicht, ich werde kommende Nacht von Alpträumen geplagt werden, mehr will ich nicht wissen.“ „Bist du sicher? Wenn dich dann keine Alpträume plagen, wird dich die Neugier wach halten wetten?“ Nun musste ich doch lachen, er hatte ja Recht also Augen zu und durch.
„Also schön, welches Geheimnis hat der schöne Clemens? Das er schwul ist und die Damenwelt daran verzweifelt weiß ich, was weiß ich nicht?“ „Clemens ist nun beim WDR angefangen.“ „Das weiß ich“, nickte ich. „Es hat seinen Grund“, erklärte Reiner „er ist ein Guhl.“ „Was hat das mit dem WDR zu tun“, Bohrte ich nach? Obwohl ich echt nicht mehr sicher war ob ich das genau wissen wollte. „Na ja, er sieht immer zu, das er als erstes am Unfallort ist, dann kann er ein wenig an den Leichen knabbern, so fällt er nicht auf.“ „Ihhhhhhhhh und ich träumte mal von seinen Küssen“, flachste ich schaudernd und schüttelte mich.
„Sag mal. Hilmar wurde immer ein wenig gemieden, ich habe aber nie den Grund dafür entdeckt, was ist mit ihm? „Hilmar nannten wir den Inder“, hast du das einmal mitbekommen?“ „Stimmt“, erinnerte ich mich und sah Reiner auffordernd an. „Er ist ein Jungfern Jäger und die sind selbst bei und verpönt. Er leitete ja ein Restaurant in Werden. Er ist imstande eine Jungfrau zu wittern. Dann kocht er ein bestimmtes indisches Menü, das ein starkes Aphrodisiakum enthält und so verfällt ihm jede Jungfrau. Manchmal sind sehr junge Mädchen darunter, die dann am Leben verzweifeln.“ „Deshalb hat er mich immer so angestarrt, manchmal war das echt unheimlich.“ Reiner nickte. „Du hast in sehr gereizt, aber die Angst vor mir hielt ihn zurück.“
„Was war mit Boris? Der kleine dicke Aktmaler?“ Reiner lächelte wieder. „Weißt du noch, dass er bei den Partys immer umfiel?“ „Na klar, er war schicker, denn er vertrug überhaupt nichts, wir gingen dann immer heim.“ „Gut dass ihr das getan habt, er war nicht betrunken, er begann seine Metamorphose.“ „Ne oder, du willst nicht andeuten, dass er ein Werwolf ist?“ „Oh doch, man hat ihn in eine Irrenanstalt gebracht.“ „Das habe ich gehört, oh Gott“, ich war nun echt entsetzt.
„Welche Rolle hatte Lisa? Die schöne Lisa mit der durchsichtigen Haut, der pflegeleichten Bob Frisur und den Wasserblauen Augen? Als ich sie einmal am Morgen besuchte, kam sie tropfnass aus dem Bad.“ „Hättest du sie öfter besucht, hättest du gesehen dass sie das immer tat. Lisa ist eine Amphibie, sie schläft im Wasser, daher ist sie immer so rein und durchscheinend.“
„Okay, die dicke Brigitte, mit der du mich damals betrogen hast, was ist mit ihr?“ Diese Frage hatte ich mir für den Schluss aufgehoben, bisher hatte ich das Thema immer gemieden, es tat lange Zeit zu weh. „Sie war meine Tankstelle.“ Tankstelle, was kann ich mir denn darunter vorstellen?“ „Du weißt doch, sie war sexuell sehr aktiv und den Kick dazu verschaffte ihr mein Biss, im Gegenzug bekam ich ihr Blut, wir hatten tatsächlich ein Verhältnis, allerdings ein anderes als du glaubtest.“
„Dann bleibt nur noch Bubi, seinem Erzählen nach Geheimdienst Agent.“ „Oh das war er, man hatte ihn auf unsere Gruppe angesetzt, an einem Abend hat er mich betrunken gemacht und mit zu sich genommen. Er legte sich neben mich und seine Halsschlagader pulsierte aufregend neben meinem Gesicht, aber ich war nicht betrunken genug, das ich nicht bemerkt hätte, wie er seine Smith and Wessen mit einer silbernen Kugel lud, ich habe mich beherrscht, übermenschlich sozusagen.“
„Dann habe ich Jahre unter Monstern verbracht“, sagte ich gedankenlos vor mich hin. Reiners Gesicht wurde traurig. „Du hältst mich für ein Monster?“ „Nein, ach ich weiß auch nicht, entschuldige, aber deine Enthüllungen waren harter Tobak für mich. Unter nicht normalen dann eben.“ „Nicht normale? Was heißt denn das? Hast du den Film Planet der Affen gesehen? Dort waren sie die Herrscher und das fanden sie normal. Wer bestimmt was normal ist? Der Mensch? Stell dir vor, die Vampire wären in der Überzahl, dann wären sie der Maßstab und die Normalen, oder?“ Nachdenklich sah ich ihn an. „Entschuldige, du hast völlig Recht, ich bin ein bisschen neben der Spur.“ „Arme Gitte.“ Er zog mich zu sich heran und wollte mich auf die Wange küssen, ich versteifte mich für den Bruchteil einer Sekunde, aber er hatte es doch gemerkt. „Komm schon, ich beiße nicht“, scherzte er und ich lachte ein wenig gezwungen.
„Weißt du, ich habe dich so dringend herbei gewünscht, weil ich sterben werde, ich habe nicht mehr lange und wollte dich um einen Gefallen bitten.“ „Protestierend öffnete ich meinen Mund, doch seine Handbewegung gebot mir zu schweigen. „Keine Lügen bitte, ich weiß das mein Ende da ist, ich möchte verbrannt werden und dich bitte ich meine Asche zu nehmen und in alle Winde zu zerstreuen, wenigstens im Tot möchte ich frei sein.“ Erschütternd nahm ich ihn in den Arm und wunderte mich fast, dass er sich so echt anfühlte, er war unglaublich abgemagert, ich versprach ihm, seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Zu Hause ging ich gleich zu Bett, ich wollte mit niemandem Reden, ich musste Abschied nehmen von einem Freund, ein zweites Mal und diesmal für immer.
Schon nach einer Woche bekam ich Bescheid, ich konnte Reiners Asche abholen. Mit der Urne fuhr ich an einen Klaren, kalten Wintertag aufs Feld, nahm die Asche auf meine Hand und übergab sie dem Wind. „Leb wohl“ rief ich hinter ihr her.
By Gitte