Mutterliebe!
Nervös blickte ich auf die
Uhr. Dreizehnzweiundzwanzig. Wo blieb sie nur? Immer wenn ich es eilig habe,
ärgerte ich mich. Aber hatte ich das nicht immer? Ich war die Erste auf am
Morgen und die Letzte im Bett am Abend. Den ganzen Tag hetzte ich herum. Es gab
eben viel zu tun in einem vier Personen Haushalt. Wenn ich schon diese Blicke
sah. Sie sind Hausfrau? Das „nur“ schimmerte überall durch. Hatten die eine
Ahnung. Wieder blickte ich zur Uhr: Vierundzwanzig. Noch war ich weit davon
entfernt mir Sorgen zu machen. Das Telefon
klingelte. Mein Mann. Es lenkte mich ab, wir schwatzten eine Weile und
als ich dann wieder auf die Uhr blickte erschrak ich doch. Es war mittlerweile
viertel vor Zwei und von meiner Tochter Rebecca immer noch keine Spur. „Du,
Becci ist immer noch nicht aus der Schule daheim. Bis jetzt dachte ich sie habe
sich verquatscht, aber nun werde ich doch unruhig, ich gehe ihr mal entgegen“,
berichtete ich meinem Mann. Dann legte ich auf und machte mich auf den Weg. Vor
jeder Biegung dachte ich, dahinter wird sie sein, aber mit jedem Meter den ich
zurück legte schlug mein Herz heftiger. War ihr etwas geschehen? Endlich
erreichte ich die Schule und immer noch keine Spur von meinem Kind. Leer und
verlassen lag sie vor mir, alle waren längst daheim. Nun flog mein Puls vor
Angst. Wie Blei hing sie in meinen Knochen schwer und heiß. Keinen klaren Gedanken war ich zu fassen imstande. Marion
wohnte in der Nähe. Die Beiden waren zwar keine dicken Freundinnen, aber
vielleicht wusste sie etwas. Entschlossen überquerte ich die Straße und
klingelte. Als ich ihrer Mutter gegenüber stand bat ich Marion kurz sprechen zu
dürfen. Sie bat mich herein. „Marion weißt du ob Becci nach der Schule noch etwas
vorhatte?“ Nervös presste ich die Nägel
in meine Handballen und hing an den Lippen des Mädels. „Becci war heute gar
nicht in der Schule“, antwortete sie nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit
erschien. „Was“, entgegnete ich nicht gerade geistreich? Mein Kopf wollte nicht
glauben was ich da hörte und sah sie mich nicht mitleidig an, so als wollte sie
sagen, du hast ja keine Ahnung. Ihre Mutter hatte mich bei den Schultern
genommen und wollte mich auf einen Stuhl drücken. „Um Himmels Willen, setzen
sie sich doch, sie sind ja kreideweiß geworden“, sorgte sie sich, aber ich
schob ihren Arm beiseite. „Dankeschön, aber ich muss gehen“, lehnte ich ab. Vielleicht
war sie mittlerweile daheim? Ein Teenagerstreich, Schule schwänzen, harmlos,
oder etwa nicht, versuchte ich die aufkeimende Panik zu unterdrücken. Ich
hetzte den Weg zurück. Daheim nichts, keine Becci, ich würde hier bleiben,
vielleicht rief sie an, oder die Polizei, oder das Krankenhaus. Furchtbar ist
es so hilflos zu sein. Das Telefon klingelte. Das wird eine Nachricht sein, ich
stürzte hin und riss den Hörer von der Gabel. Es war mein Mann. „Na alles okay,
ist Becci daheim?“ „Nein ist sie nicht und in der Schule war sie auch nicht
habe ich gerade von Marion erfahren“, berichtete ich ihm hilflos. „Was ist da
nur geschehen?“ „Ich komme“, hörte ich noch und dann legte er auf. Wie gelähmt
saß ich herum, in meinen Gedanken malten ich mir die schrecklichsten Dinge aus.
Es dauerte knapp dreißig Minuten, dann war mein Mann da und ich warf mich in
seinen Arm. Beruhigend streichelte er meinen Rücken. Danach schob er mich auf
einen Stuhl. „Nun wollen wir mal überlegen, wie wir am Besten vorgehen“, meinte er. „Sollen wir die
Polizei anrufen“, sagte ich. Er dachte nach und schüttelte dann seinen Kopf.
„Die würden noch nichts unternehmen, sie ist ja erst etwas über eine Stunde
weg.“ „Sie weiß welche Angst ich habe, sie würde nie wegbleiben, ohne Bescheid
zu sagen“, gab ich zu bedenken. „Du hast schon Recht, aber das wird die Polizei
nicht interessieren, sie halten sich an ihre Vorgaben. Nein ich denke wir
sollten zuerst einmal ihre Lehrerin anrufen.“ „Das ist eine gute Idee“, meinte
ich und holte mein Adress- und Telefonbüchlein. Dreimal klingelte es, dann
meldete sich Frau Largo. „Bitte verzeihen sie die Störung“, bat ich, unsere
Tochter Becci ist nicht aus dem Unterricht nach Hause gekommen und wir machen
uns schreckliche Sorgen, das ihr etwas zugestoßen ist“, klärte ich sie über den
Grund meines Anrufes auf. Einen Moment war es still in der Leitung. „Frau
Largo“, fragte ich nach? „Ich hätte sie in den nächsten Tagen auch um ein
Gespräch gebeten“, eröffnete sie mir. „Können sie vorbei kommen, damit wir
reden können?“ „Selbstverständlich, wir sind so gut wie unterwegs“, antwortete
ich ihr und legte auf. Was mochte sie uns zu sagen haben? Wenige Minuten später
saßen wir Beccis Lehrerin gegenüber. Sie blickte uns sinnend an, als wisse sie
nicht recht, wie sie beginnen sollte. „Becci hat sich verändert in der letzten
Zeit, haben sie das nicht bemerkt“, begann sie vorsichtig das Gespräch? Ich
dachte nach. Dann schüttelte ich den Kopf. „Nein eigentlich war sie wie immer.
Vielleicht ein wenig ruhiger“, fiel mir dann ein. „Ruhiger? Nein, ich würde es eher
verschlossen nennen.“ Sie legte ihre Hand auf meinen Arm. „Ich weiß, wie sehr
sie sich um ihre Töchter kümmern, wenn alle Eltern so wären hätten wir weniger
Probleme, daher habe ich das Gespräch mit ihnen auch immer wieder aufgeschoben,
nun weiß ich das das vermutlich ein Fehler war. Becci schwänzt seit einiger
Zeit immer wieder mal die Schule.“ Völlig entgeistert blickte ich Frau Largo
an, die mich mitleidig betrachtete. „Auch sonst hat sie sich verändert“ fuhr
sie fort, „früher war sie so frei und offen und nun verschlossen und in sich
gekehrt. Sie ist mit Sabrina befreundet, auch die benimmt sich in der letzten
Zeit auch so“……….., sie sucht nach Worten, „merkwürdig, abwesend würde ich sagen,
Katrin gehört auch zu ihrer Clique, ich beobachte sie oft wenn ich
Pausenaufsicht habe, dann hören sie sofort auf zu tuscheln und blicken betont
harmlos. Da stimmt etwas nicht, bisher war es eher ein Bauchgefühl, aber
nun……….“Sie schwieg und betrachtete uns forschend. Ich erhob mich und streckte
ihr meine Hand entgegen. „Vielen Dank für ihre Offenheit, ich denke wir werden
zu den Mädchen fahren und schauen, ob wir etwas erfahren, ich informiere sie
dann.“ Frau Largo drückte meine Hand. „Viel Glück“, wünschte sie uns
verabschiedend.
Als erstes statteten wir
Sabrina einen Besuch ab. Ihre Mutter und ich hatten bei der Geburt unserer
Mädchen im gleichen Zimmer gelegen. Sabrina war einen Tag jünger als Becci. Sie
war allein daheim, ihre Mutter arbeitete wieder. Als sie uns erblickte wurde
sie bleich, keine Frage sie hatte etwas zu verbergen. Nun hieß es behutsam
vorgehen. „Hallo Sabrina“, begann ich. „Du kannst dir sicher denken warum wir
kommen, können wir mit dir reden?“ Sie zögerte einen Moment, dann gab sie die
Türe frei und ließ uns eintreten. Im Haus bot sie uns einen Platz an und
starrte dann auf ihre Hände. „Sabrina, wir machen uns große Sorgen um Becci“,
begann ich, „hast du eine Ahnung wo sie stecken könnte?“ Ohne uns anzusehen
schüttelte sie ihren Kopf. Ganz offensichtlich hatte sie Angst und es lag nun
an mir sie ihr zu nehmen. Ich ging zu ihr und legte den Arm um ihre Schultern.
„Sabrina, wir waren alle einmal jung und haben eine Menge Unsinn gemacht, aber
ich weiß aus Erfahrung, das es Momente gibt, da sollte man sich trotz aller
Angst einem Erwachsenen anvertrauen. Es gibt Situationen mit denen wird ein
junger Mensch nicht allein fertig.“ Ich fasste ihr unters Kinn und hob behutsam
ihren Kopf, so dass sie mich ansehen musste.
„Bitte“, bat ich sie
eindringlich, „sag mir was los ist, ist Becci schwanger? Traut sie sich nicht
heim? Bitte hilf uns sie zu finden.“ Sabrina wendete den Blick ab und sah
wieder auf ihre Hände. „Das ist es nicht“, begann sie leise. Mein Magen
rebellierte, ich musste mich gewaltsam zur Ruhe zwingen, am liebsten hätte ich
dieses ängstliche Mädchen genommen und die Wahrheit aus ihr herausgeschüttelt,
aber das wäre völlig falsch, sie würde sofort dichtmachen, nur mit Ruhe und Verständnis
kam ich weiter, wenn es mir auch noch so schwer fiel. So warteten wir
angespannt bis sie zu reden begann. „Erinnern sie sich noch als wir in der
Disco waren“, begann sie sehr leise, wir hatte Mühe sie zu verstehen. „Aber
sicher, warte Mal, das ist nun ungefähr acht Wochen her“, hakte ich ein.
Sabrina nickte. „Was ist da geschehen“, wollte ich wissen, als sie erneut
schwieg. „Da war dieser Typ“, begann sie wieder. Unsicher betrachtete sie mich,
als sei sie nicht sicher ob es richtig war mir davon zu erzählen. Ich nickte
nur. „Er fragte uns, ob wir mal richtig cool sein wollten und legte jeder von
uns einen Kaugummi hin. Wir lachten und nahmen sie. Was sollte schon geschehen?
Katrin veränderte sich zuerst, sie war plötzlich wie aufgedreht, stürmte auf
die Tanzfläche und tanzte wie sie noch nie getanzt hatte, so enthemmt würde ich
sagen. Becci und mir wurde plötzlich schlecht. Der Kerl, der uns die Gummis
gegeben hatte war da und bot uns an, uns heim zu bringen. Dankbar nahmen wir
das Angebot an, uns war viel zu elend um es abzulehnen. Die warme Luft im Auto
benebelte uns zusätzlich. Er brachte uns zu einem Freund, der erwartete uns
schon.“ Sabrina schluckte, ich konnte mir schon denken was dann geschehen war
und eiskalte Wut erfasste mich. „Sie vergingen sich an euch“, fragte ich
vorsichtig? Sabrina nickte und dann weinte sie. Wie ein Sturzbach flossen die
Tränen über ihr Gesicht, ich nahm sie in meine Arme und streichelte sie
beruhigend. „Du musst dich jemandem anvertrauen“, riet ich ihr. Sie blickte
mich entsetzte an. „Niemals“, heftig schüttelte sie den Kopf. „Sabrina war das
alles“, wollte ich wissen? „Warum ist Becci dann verschwunden? Das gibt doch
keinen Sinn.“ Sabrina besann sich, dann schüttelte sie den Kopf. „Das war noch
nicht alles. Wir sahen den Typ wieder. Gestern tauchte er in der Schule auf.
Becci war rasend vor Wut und hätte sich am liebsten auf ihn gestürzt. Mit Mühe
konnte ich sie davon abhalten. Der Typ grinste nur. Er verteilte auch dort
Kaugummistreifen, wir vermuten, dass sich darin Stoff befand. Als er ging
zischte er uns zu: „Wenn ihr redet seit ihr tot.“ „Und“, drängte ich
ungeduldig, denn sie hatte wieder eine Pause eingelegt. „Becci wollte nach der
Schule zur Polizei, ich habe sie gebeten noch einmal darüber zu schlafen. Heute
Morgen hab ich das Auto von dem Kerl in der Nähe der Schule gesehen und Becci
kam nicht, vielleicht hat er ihr aufgelauert.“ Sie schlug die Hände vors
Gesicht. „Ich weiß, ich hätte ihnen Bescheid sagen müssen, oder Frau Largo,
oder der Polizei, aber ich hatte solche Angst. Hoffentlich ist Becci nichts
geschehen.“ Hast du dir die Autonummer gemerkt“, fragte ich ohne viel Hoffnung?
Sabrina nickte und nannte sie mir. Hastig bat ich sie darum sie zu notieren und
dazu den Namen der Disco in der sie gewesen waren.
„So, nun gehen wir zur
Polizei, nun haben wir Beweise“, sagte ich draußen zu meinem Mann. „Hoffentlich
nehmen die die Aussage eines Teenagers ernst“, gab er zu bedenken. „Becci ist
verschwunden, oder nicht, das spricht doch Bände, sie MÜSSEN was unternehmen“,
behauptete ich. Wir fuhren zur Wache und erzählten die ganze Geschichte. „Das
ist nicht so leicht“, dämpfte man dort meinen Optimismus. Man wird ihre Tochter
ganz sicher nicht in der Wohnung des Verdächtigen festhalten, die Gefahr entdeckt
zu werden ist viel zu groß.“ „Was werden sie unternehmen“, wollte ich wissen,
ich war der Verzweiflung nahe. „Leider kann ich ihnen da nicht viel Hoffnung
machen“, meinte der Beamte. „Na dann danke schön mein Freund und Helfer“, sagte
ich zynisch und zog meinen Mann am Arm aus der Wache.
Draußen ließ ich erst einmal
Dampf ab, ich stampfte mit dem Fuß auf die Erde. „Da hört sich doch nun alles
auf, wir liefern ihm den Typen quasi auf einem Silbertablett und er unternimmt
selbst dann nichts, vermutlich müssen wir ihm erst Beccis Leiche auf den
Schreibtisch legen.“ „Bitte beruhige dich“, bat mein Mann. Ich sah ihn an und
bemerkte erst jetzt wie blass er war. Die Sache ging ihm mächtig an die Nieren.
Becci war so ein fröhliches, problemloses Kind und nun das. Wenn die Polizei
nichts unternahm, ich würde mein Kind finden und sie daraus holen und wenn es
das Letzte war das ich tat. Schweigend fuhren wir heim. Zu Hause nahm mein Mann
meine Hand. „Bitte unternimm nichts, die Polizei wird wissen was zu tun ist,
sie werden ihn beschatten, wenn es um Rauschgift geht, verstehen die keinen
Spaß. „Na das hörte sich ganz so an, als rissen sie sich ein Bein aus“,
antwortete ich bitter. Mein Mann blickte mir in die Augen. „Bitte“, sagte er
noch einmal eindringlich, „wenn ich dich auch noch verlieren würde, das packe
ich nicht, versprich mir vernünftig zu sein.“ „Schon gut“, sagte ich halbherzig
und wendete mich mit schlechtem Gewissen ab. Verstand er das denn nicht? Ich
konnte doch nicht tatenlos herum sitzen, es handelte sich doch um mein Kind.
Am nächsten Tag fieberte ich
dem Moment entgegen bis mein Mann das Haus verließ. Um zur Arbeit zu gehen. Ehe
er ging blickte er mich noch einmal eindringlich an. Kaum war er ab gefahren rief
ich eine alte Freundin an, bei der ich mich sehr lange nicht gemeldet hatte.
Ihr Freund arbeitet beim Straßenverkehrsamt und hatte uns schon manchen
Gefallen erwiesen. Seine Hilfe brauchte ich nun dringend. „Bitte Uschi, ich
habe hier eine Autonummer und brauche dringend die Adresse dazu. Um was es geht
erkläre ich dir danach, aber es ist immens wichtig. Sie zögerte nur einen
Moment, dann sagte sie her mit der Nummer, ich will sehen was ich tun kann.
Erleichtert atmete ich auf, die wichtigste Hürde war genommen. „Noch was Uschi,
bitte sag Manni es muss schnell gehen, ich würde nicht so einen Druck machen
wenn es nicht wirklich brennen würde.“ Ich rufe dich gleich zurück“, sagte
Uschi und legte auf. Tatsächlich dauerte es keine zehn Minuten bis es klingelte
und Uschi nannte mir eine Adresse in der Recklinghäuser Altstadt. „Ich danke
dir herzlich, drück mir die Daumen, wenn alles glatt geht rufe ich dich morgen
an und du bekommst eine Exklusiv Story von mir. Uschi arbeitete als Reporterin
und war immer auf der Suche nach einer guten Geschichte.
Seit mein Mann das Haus
verlassen hatte war erst eine halbe Stunde vergangen, ich zog Schuhe und Mantel
an und machte mich auf den Weg nach Recklinghausen. Eigentlich bräuchte ich
eine Perücke, Sonnenbrille und Trenchcoat, trotz der schlimmen Situation ließ
sich mein angeborener Humor nicht völlig verdrängen. In der Stadt angekommen
suchte ich die Adresse, es handelte sich um einen ziemlich alten
heruntergekommenen Häuserblock. Auf mein Schellen erfolgte keine Reaktion. Was
hatte ich erwartet, solche Typen ohne Gewissen schliefen sicher lange am
Morgen. So setzte ich mich auf die Treppenstufen vor dem Haus. Wie es aussah
war der Mann den ich suchte der einzige Mieter hier, vermutlich standen die Häuser auf der Abrissliste. Bisher hatte
ich instinktiv gehandelt, nun überlegte ich. Was wollte ich ihm sagen? Ich
würde ihm einen Deal anbieten, wenn ich meine Tochter zurückbekam, würde ich
schweigen, sollte die Polizei sich doch die Zähne ausbeißen an dem Fall.
Plötzlich passierten mehrere
Sachen gleichzeitig. Die Haustüre öffnete sich und ich wurde hineingezogen.
Gleichzeitig stürmte aus einem Auto, das am Straßenrand gestanden hatte ein
Mann und stürzte hinter mir her. Er hielt eine Waffe in der Hand und brüllte
„Hände hoch.“ Das konnte doch nicht sein. „Boris“, staunte ich? Es war mein
Cousin, ich hatte ihn nach langen Jahren kürzlich auf einer Beerdigung wieder
getroffen. Dass er bei der Kripo war, Abteilung Raschgift wusste ich, aber,
dass ich ihn hier und heute wieder sehen würde hätte ich nie geahnt. Er war
genauso überrascht wie ich und den Bruchteil einer Sekunde abgelenkt. Das
nutzte der Gangster sofort aus und schlug ihm die Waffe aus der Hand.
Mittlerweile war ein zweiter Mann dazu gekommen. Ich hatte mir alles so schön
ausgedacht, doch ich kam nicht dazu auch nur einen Ton zu sagen. Wir wurden in
den Keller gezerrt, dann fesselten sie unsere Hände auf den Rücken, steckten
uns in Säcke und hingen uns an Haken unter der Decke. Eine perfide Art jemanden
bewegungslos zu machen. Wie Raupen baumelten wir nun hier. „Amüsiert euch gut
uns lasst euch die Zeit nicht lang werden, ehe ihr hier verschimmelt“, höhnten
die Ganoven, dann schloss sich die schwere Eisentüre hinter ihnen und es wurde
still.
„Mama?“ Eine eiskalte Welle
erfasste mich. Aber nur kurz war ich wie gelähmt, dann schaukelte ich herum.
„Becci“, staunte ich fassungslos. „Oh Becci, du lebst.“ Trotz der misslichen
Lage erfasste mich eine unglaubliche Erleichterung. „Darf ich euer trautes Tete
a Tete stören? Habt ihr eine Idee wie wir uns befreien können?“ Boris brachte
sich in Erinnerung, ich hatte ihn einen Moment lang völlig vergessen. „Meinst
du, du kannst den Strick, an dem du aufgehängt bist durchnagen“, wollte er
wissen? „Na du hast Nerven“, ich prustete los. „Meinen Dritten traue ich ja eine Menge zu, aber das nun doch
nicht, mach du dich mal ans Beißen“, bat ich ihn. Das tat er dann auch, er
nagte und nagte, seine Lippen und sein Zahnfleisch begannen zu bluten, aber mit
der Zeit sah man doch Fasern die sich teilten. Es dauerte eine Ewigkeit und
erschöpft hingen wie in unseren Kokons. Boris begann zu wippen, immer stärker
hüpfte er auf und ab und dann riss das Seil und er landete unsanft auf der
Erde. „Geschafft murmelte er und wendete sich wie einen Schlange hin und her,
endlich hatte er sich aus dem Sack befreit. Nun galt es nur noch die Hände frei
zu bekommen. „Boris, ich glaube ich habe eine Idee. Du hast doch sehr lange
Arme, als Kind haben wir dich immer aufgezogen damit, nun könnte das die
Rettung sein. Versuch doch deinen Po hindurch zu schieben, dann die Beine und
dann sind die Fesseln vorn, vielleicht findest du dann einen scharfen Stein
oder ähnliches, an dem du den Strick durchscheuern kannst.“ Er versuchte es, er
ächzte und stöhnte als er seine Arme so dehnte, aber es klappte. Als er auf
seine Hände hinab blickte war er schweißgebadet, aber er grinste. „Manchmal
hast sogar du eine vernünftige Idee“, lobte er. Suchend blickte er sich um und
entdeckte ein kleines Fenster. An der Ecke scheuerte er solange, bis die
Stricke nachgaben, danach befreite er uns. Becci und ich sanken uns in die
Arme. „Ach Mutsch, ich dachte wirklich ich muss hier sterben“, heulte sie.
Beruhigend streichelte ich ihren Rücken. „Wie kommen wir nun hier raus“,
wendete ich mich an Boris. „Nichts einfacher als das“, grinste er und zog sein
Handy aus der Hosentasche. „Das ich da ran komme, damit haben die Ganoven nicht
gerechnet. Nun wirst du mich wohl nie wieder wegen meiner langen Arme
aufziehen“, feixte er? „Nie wieder Äffchen“, gelobte ich feierlich, „nun ruf
schon an, damit wir heimkommen, langsam knurrt mein Magen.“ „Na und meiner
erst“, meinte Becci, ich bin schon einen Tag länger hier als ihr.
Es dauerte noch etwa eine
halbe Stunde, die uns wie eine Ewigkeit erschien, dann kamen Boris Kollegen und
befreiten uns.
Die Strafpredigt meines
Mannes fiel übrigens glimpflich aus, er war froh seine „Weiber“ unbeschadet
wieder zu haben.
©By Gitte