Nachkriegszeit 2

 

Die Zeit verging und Marion dachte immer häufiger an damals. Sie war nun eine Frau von dreiundfünfzig Jahren. Sie hatte den Gedanken an die Geschehnisse von damals immer verdrängt. Doch in letzter Zeit gelang ihr das nicht mehr so einfach.

In den Jahren zuvor war sie immer beschäftigt gewesen. Ausbildung, Freunde, dann hatte sie geheiratet, aber Ihre Ehe war zerbrochen. Sie hatte während ihrer Ehe ihren Beruf aufgegeben und Kinder hatten sie keine bekommen.

 

 

Nun hatte sie Zeit im Überfluss – und damit kamen auch die Gedanken. In der Erinnerung verklärte sich der Geschmack des verboten genossenen Menschenfleisches immer mehr. Hatte sie es damals wirklich nur hinuntergewürgt, es erschien ihr heute, als habe sie nie delikateres, zarteres Fleisch genossen. Was wohl aus den anderen geworden war? Ob Waltrauds Eltern noch lebten? Versuchen konnte sie es ja mal. Sie schob es nun nicht mehr auf die lange Bank, sondern besuchte ihr Heimatstädtchen Essen-Werden.

 

 

 

 Als sie aus dem Zug stieg, machte sich Enttäuschung breit. Alles hatte sich stark verändert, der Bahnhof war neu, aber nicht schön, ihm fehlte das  Imposante des alten Gebäudes: Eigentlich waren es nur zwei offene überdachte Gleise. Zudem war alles grau, schmutzig und ungepflegt. Sinnend ging sie über die Ruhrbrücke ins Städtchen. Auch hier waren fast alle alten Häuser, die das einzigartige Flair des Städtchens ausgemacht hatten, Neubauten gewichen, sauberer, aber kalt. Haus Fuhr glich nicht mehr der im Volksmund genannten Eiergasse, sondern war neu gepflastert, einige Ecken entdeckte sie, die noch an früher erinnerten, so das alte Postgebäude, wo Waltrauds Mutter geputzt hatte. Sie machte sich auf den Weg zum Porthofsplatz, dort hatte Waltraud mit ihren Eltern gewohnt. Marions Eltern hatten auf der Kellerstraße gewohnt, aber nachdem ihre Mutter vor einigen Jahren gestorben war, war ihr Vater zu seinem Schwager Hubert gezogen, der an der Mosel ein Haus besaß.

 

 

Am Ziel angekommen betrachtete Marion neugierig die Klingelknöpfe. Tatsächlich, es sah aus, als hätte sie Glück. Ganz oben stand „Hosse“. Marion drückte mit klopfendem Herzen auf den Klingelknopf, den sie als junges Mädchen so oft betätigt hatte. Es dauerte eine Weile und sie wollte sich schon zum Gehen wenden, da ertönte der Summer. Aufgeregt stieg sie die vielen Stufen hinauf. Vierundachtzig, fiel ihr unvermittelt ein, Waltraud und sie hatten sie einmal gezählt, sie schmunzelte, was das Gehirn so alles speicherte.

Oben angekommen stand Frau Hosse, nun dreißig Jahre später eine alte, kleine Frau. Sie muss über achtzig sein, dachte Marion bei sich. Misstrauisch wurde sie gemustert.

„Was wollen Sie?“, fragte Waltrauds Mutter.

„Guten Tag, Frau Hosse, ich bin Marion, die Jugendfreundin ihrer Tochter Waltraud!“ gab sie sich zu erkennen.

Skeptisch wurde sie gemustert. Die alte Frau kniff die Augen hinter den dicken Brillengläsern zusammen und sah ihr forschend ins Gesicht. Dann erhellten sich ihre Züge. Sie strahlte.

„Tatsächlich!“ rief sie aus und schüttelte den Kopf, als könne sie es nicht fassen. „Marion, wie schön, komm doch herein.“

 

 

Marion sah sich um und fühlte sich in ihre Jugend zurückversetzt, es hatte sich nichts, aber auch gar nichts in dieser Wohnung verändert. Frau Hosse wies auf einen Stuhl.

„Setz Dich doch! Möchtest Du eine Tasse Kaffee?“

„Gerne“, lächelte Marion „ich wollte mich nach Waltraud erkundigen, wie geht es ihr, lebt sie noch hier in der Nähe?“

„Aber ja, Waltraud ist Bildhauerin. Sie stellt allerlei Skulpturen her, warte, ich zeig Dir etwas von ihr“.

Mit diesen Worten öffnete sie die Türe zum Nebenzimmer und an der Wand hing eine Maske, die unverkennbar Waltrauds Züge trug.

„Sie hat das alte Bahnhofsgebäude gekauft“, sagte Frau Hosse, „dort hat sie eine Galerie, besuche sie doch einmal, sie würde sich bestimmt riesig freuen, Dich zu sehen. Aber nun trinke Deinen Kaffee, mein Kind.“

Marion lächelte, wie lange es her war, dass jemand sie mein Kind, genannt hatte. Sie trank den ziemlich dünnen Kaffee.

„Der ist gut, nicht wahr?“ meinte Frau Hosse. „Ich habe extra einen Löffel mehr Kaffeemehl genommen“. Marion nickte lächelnd, sie wollte die alte Frau nicht kränken. Dann stand sie auf und verabschiedete sich, es drängte sie, ihre Jugendfreundin wieder zu sehen.

 

 

 

Sie eilte zum alten Bahnhofsgebäude. Als sie, die Augen mit der Hand beschattend, durch die großen Fensterscheiben blickte, sah sie Waltraud, die an einer Skulptur schliff. Sie betrat die kühle  Halle.

„Womit kann ich dienen?“ fragte Waltraud geschäftsmäßig, jedoch ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.

„Hallo Waltraud“, grüßte Marion. „Schön, Dich zu sehen!“

Waltrauds Kopf ruckte hoch.

„Marion?“ fragte sie fassungslos, um gleich darauf zu schreien: „Marion, Du bist es wirklich! Wo kommst du denn her?“ und fiel der Freundin um den Hals. Dann schob sie sie ein Stück von sich und betrachtete sie genauer. „Du hast dich überhaupt nicht verändert“, schwindelte sie fröhlich drauflos und lachte dabei.

„Du selbstverständlich auch nicht“, gab Marion lachend zurück. „Nachdem wir das nun geklärt haben, lass uns ein Glas Wein trinken und von alten Zeiten plaudern, ich ruf schnell meine Vertretung an.“ meinte Marion.

Gesagt, getan, die Vertretung war schnell zur Stelle und Waltraud fuhr mit Marion zu ihr nach Hause, in eine prächtige, alte Villa.

„Du scheinst sehr erfolgreich zu sein“, bemerkte Marion. Doch es klang kein Neid in ihrer Stimme mit, nur Anerkennung.

Waltraud lächelte: „Doch, ich bin zufrieden, ich habe einige Stammkunden und genug Aufträge für eine ganze Weile“.

Nachdem sie Platz genommen und Waltraud den Wein eingeschenkt hatte, saßen sie eine Weile schweigend.

Dann begannen beide gleichzeitig zu reden. „Sag mal..“ „Denkst Du..“. Beide mussten lachen.

„Zuerst du, du bist der Gast“, bestimmte Waltraud und Marion fügte sich. ….

Genau wie damals  … dachte sie dabei.

 

 

„Denkst Du noch oft an früher?“ begann Marion nun.

„Meinst Du eine bestimmte Situation?“ hakte Waltraud nach und Marion wurde rot. Sie hatte früher schon oft das Gefühl gehabt, dass Waltraud sie genau durchschaute und nun war es wieder da, dieses alt vertraute Gefühl. Waltraud bemerkte, dass es der Freundin peinlich war, zu reden, so begann sie.

„Du denkst daran, wie wir ein Stück vom alten Eicholz gegessen haben, nicht wahr?“ fragte sie.

Marions Gesicht wurde noch dunkler.

„Du brauchst Dich nicht zu schämen, es gibt Sachen, die vergisst man eben nie.

„Ich meine, ich wollte, ach Scheiße, ich weiß nicht wie ich es sagen soll“. „Nur raus damit, Du solltest mal dein Gesicht sehen! Es ist ein offenes Buch, es spiegeln sich Scham und Gier darin. Du denkst, wir haben nie etwas Besseres gegessen und nun willst du wissen, ob es mir genauso geht, stimmt es?“

 

Marion nahm fassungslos einen großen Schluck Wein. Sie war völlig verwirrt, woher wusste Waltraud das? Die betrachtete sie schweigend. „Ich sehe, es fällt Dir furchtbar schwer darüber zu reden. Du hast Recht, es geht mir genauso.“ Marion starrte die Freundin an, das war doch nicht möglich, oder doch? „Sieh mal“, erklärte diese, „das ist wie mit dem ersten Mal, es ist verboten, aber gerade deswegen unübertroffen, genau wie die erste Masturbation. Der folgende Orgasmus bleibt unvergessen. Marion war es nicht möglich etwas zu sagen, sie hielt die Augen gesenkt.

 

„Du willst es noch einmal kosten, um zu sehen, ob deine Erinnerung trügt, habe ich recht?“ bohrte Waltraud.

Marion nickte ganz zaghaft.

„Kannst Du haben“, ergänzte Waltraud.

Marion fuhr hoch: „Du musst verrückt sein, komplett verrückt, wir haben keinen Krieg mehr und keinen Rochholz, willst Du in eine Friedhofskapelle gehen und das Ganze wiederholen, oder bringen wir jemanden um die Ecke!“ Marion war völlig außer sich.

 

„Nicht nötig.“ sprach Waltraud gelassen. „Komm einfach mal mit“.

Sie ging mit Marion in den Keller und blickte zu der großen Gefriertruhe, die dort stand. Marions Augen weiteten sich vor Entsetzen: „Du hast, Du hast da drin….“ stotterte sie und zeigte mit dem Finger auf die Truhe.

Gleichmütig nickte Waltraud. „Stimmt, ich habe es darin“, sagte sie und zuckte mit den Schultern. „Also was ist, willst du, oder willst du nicht“?

 

 

„Warte, das geht mir alles zu schnell, das muss ich erst einmal verdauen, lass uns bitte nach oben gehen“. Fröstelnd zog Marion die Schultern hoch. „Wie du willst“, entgegnete Waltraud. Sie stiegen die Treppe rauf und gingen zurück ins Wohnzimmer. Schweigend tranken sie ihren Wein. „Pass auf“, begann nun Waltraud. „überlege in aller Ruhe. Wenn du magst, komm morgen zum Mittagessen, wenn nicht, lass es eben“.

 

 

Marion verabschiedete sich immer noch ziemlich verstört. Sinnend ging sie in ihr Hotel. Sollte sie Waltrauds Einladung annehmen, dann konnte sie sich ein Urteil bilden. Oder sollte sie so schnell wie möglich nach Hause fahren und versuchen, das Ganze zu vergessen. In dieser Nacht fand sie kaum Schlaf und wenn sie wirklich ein wenig eindöste, wachte sie nach kurzer Zeit durch einen Alptraum auf.

Am Morgen war sie blass und übernächtigt, aber sie hatte sich entschieden. Sie würde Waltrauds Einladung annehmen, sonst verfolgte sie dieser Spuk ein Leben lang. Sie machte sich auf den Weg und gelangte pünktlich um 13:00 Uhr bei der Villa an.

Waltraud erwartete sie schon und es duftete köstlich. Schweigend genossen sie ihre Mahlzeit. Zaghaft langte Marion zu, es war wie in ihrer Erinnerung, zart und köstlich. Als sie später beim Wein saßen, ergriff Waltraud das Wort: „Nun?“ wollte sie wissen. „Wie war es?“

„Köstlich, leider“, erwiderte Marion bedrückt. „Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte mich geekelt“.

„Kann ich sehr gut verstehen, mir ging es ähnlich.“ entgegnete Waltraud,  „Sag mal, wie bist du daran gekommen?“ fragte Marion unbehaglich.

 

 

„Er war ein Penner, ich habe ihn Modell sitzen lassen. Nach einiger Zeit wusste ich, dass er keine Angehörigen, oder Freunde hat, er war ganz allein und niemand vermisste ihn. Später fragte ich ihn, ob ich von seinem Gesicht einen Gipsabdruck machen darf, er willigte ein, zuvor bekam er von mir ein Glas Rotwein mit einem starken Schafmittel darin. Er legte sich mit nacktem Oberkörper auf meine Liege, ich steckte ihm Strohhalme in die Nase und trug den Gips auf. Nach einer Weile schlief er tief und fest, da entfernte ich die Halme und schmierte die Löcher zu.“ Marion hatte verstört zugehört. „Aber das ist Mord!“ rief sie entsetzt. „Zeig mich doch an!“ grinste Waltraud. „Du hast das Opfer gerade mit gegessen“.

Entsetzt rannte Marion davon.

Waltraud grinste. Sie würde wiederkommen. Das war gewiss.

 

© By Gitte