Nachkriegszeit1!
Essen-Werden ist ein kleines verträumtes Städtchen am Baldeneysee, äußerst idyllisch gelegen, inmitten vieler Wälder. Wir schreiben das Jahr 1945, es ist Frühsommer und der 2. Weltkrieg ist gerade einen Monat vorbei. Das Volk ist hungrig und ausgezehrt und vor allem die Kinder, die ja eigentlich keine anderen Zeiten kennen gelernt haben, leiden. Alle sind mager, hoch aufgeschossen und blass.
Eine dieser vielen Kindergruppen besteht aus sieben Freunden. Da ist Waltraud Hosse, mit ihren fünfzehn Jahren die Älteste und ihr zehnjähriger Bruder Heinz. Waltrauds Freundin Marion Neurath und ihr kleiner Bruder Hubert. Marion ist auch fünfzehn Jahre alt, nur einige Monate jünger als Waltraud, Hubert mit seinen acht Jahren ist der jüngste der Gruppe. Dann Marions Cousine Monika und ihr Bruder Günther, Günther ist vierzehn und Monika 12 Jahre alt und der Nachbarsjunge Manfred Fiedler. Manfred zählt vierzehn Jahre und lebt mit seinem Vater zusammen, seine Mutter ist im Bombenhagel gestorben. Manfreds Vater ist Polizist.
Die sieben sind unzertrennlich und streifen täglich durch die Gegend, immer auf der Suche nach Essbarem. Waltraud unterhält heute alle mit Geschichten: Sie hat eine Tante, die vor dem Krieg nach Amerika ausgewandert ist, von ihr hat ein Brief durch die Kriegswirren zu Waltrauds Mutter gefunden. Waltrauds Vater, Willy, ist in Gefangenschaft in Dänemark.
„Stellt Euch vor, was Tante Jette schreibt:“, berichtet sie nun. „In Amerika heißen die Polizisten Sheriff“. Alle lachen. „Manfred, dein Vater ist ein Sheriff“, jubeln sie im Chor. „Was schreibt sie noch?“ bestürmen alle Waltraud.
„Sie schreibt, sie war in einem Lichtspielhaus.“
„Was ist das?“ will Monika wissen.
„In einem Lichtspielhaus kann man Filme ansehen auf einer riesengroßen Leinwand, so groß wie ein Haus!“
„Du veräppelst uns jetzt.“ sagt Günther.
„Na ja, vielleicht nicht ganz so groß wie ein Haus, aber sehr groß eben“, räumt Waltraud ein. Waltraud wohnt nämlich im 3. Stock und das Haus ist ungefähr 15m hoch, so eine große Leinwand kann sie sich auch nicht vorstellen.
„Stellt Euch vor, sie schrieb, der Film handelte von einem abgestürzten Flugzeug, es war in der Wüste gelandet und es gab nichts zu essen dort.“
„Wie bei uns“, sagten alle traurig.
„Nach einigen Tagen starb der erste der Leute und die anderen haben ihn aufgegessen, eine Woche später wurden sie gefunden und gerettet, sie haben nur deshalb überlebt.“
Alle wurden noch blasser.
Hubert fing sogar zu weinen an und Marion tröstete ihn. Eine Weile sprach keiner von ihnen mehr ein Wort, jeder hing seinen Gedanken nach. Würden wir das auch machen, fragte sich jeder insgeheim. Waltraud war es ein bisschen peinlich, für so trübe Stimmung gesorgt zu haben.
„Was machen wir heute? fragte sie daher betont munter. Gestern waren sie in Forstmanns Park gewesen, um nach wilden Erdbeeren zu suchen, gefunden hatten sie leider keine, nur einige Bucheckern vom vergangenen Jahr, aber die waren verfault gewesen.
„Lasst uns zum Wegsken hochgehen“, schlug Heinz vor. Dort hatten sie schon zweimal Glück gehabt, das Wegsken war ein steiler Waldpfad, der den oberen Ort mit dem See verband. Wer auf der anderen Seite des Sees arbeitete, zum Beispiel in der Villa Hügel, dem Wohnsitz der Familie Krupp, benutzte diese Abkürzung, um zur Fähre zu gelangen. Dort hatten sie mal ein totes Kaninchen gefunden. Waltrauds Mutter hatte es zubereitet, es roch schon ein wenig und war für jeden der sieben nur jeweils ein Häppchen, aber alleine der Duft des gebratenen Fleisches und der selig machende Geschmack der winzigen Häppchen hatte es vermocht, sie für Tage glücklich zu machen.
Ein anderes Mal hatte Heinz mit seiner Fletsche auf einer Lichtung einen Mäusebussard erwischt, der so unvorsichtig war, wegen einer kleinen Maus herab zu stoßen. Das Fleisch war sehr zäh gewesen, trotzdem waren es kostbare Momente, wenn das Glück ihnen hold gewesen war.
Sie waren im oberen Dorf angelangt, dort befand sich auch der alte Friedhof.
„Lasst uns in die Kapelle gehen und beten, vielleicht hilft es und wir finden heute wieder etwas zu essen.“ Waltraud ging voran. Weil sie die Älteste war, war sie so etwas wie die Anführerin. Still marschierten die Kinder im Gänsemarsch in die Kapelle. Einige Kerzen leuchteten. Ein Sarg stand offen am Altar. Langsam traten die Kinder näher, durch den Krieg hatten sie viele entstellte Leichen gesehen - ein friedlicher Leichnam schreckte sie nicht. Da waren die Napalm Opfer im Tiergarten anders anzusehen gewesen.
„Das ist doch der dicke Metzger Eicholz!“ sagte Günther.
„Stimmt, an dem ist mehr dran, als an einem Kaninchen.“ meinte Waltraud. Plötzlich kam ihr zu Bewusstsein, was sie gesagt hatte, alle sahen sich betreten an und schwiegen.
„Monika, geh mal mit den Kleinen raus.“ forderte Marion ihre Cousine auf.
„Immer soll ich gehen, wenn es spannend wird.“ maulte Monika.
„Wenn Du weiter mit uns Älteren zusammen sein willst, musst Du gehorchen“, meinte Waltraud streng.
Als Monika und die Kleinen draußen waren, sah Waltraud alle der Reihe nach an.
„Was meint ihr zu einem Festessen.“ fragte sie.
Marion schluckte krampfhaft. „Wie das wohl schmeckt“, wollte sie wissen.
„Das können wir bald feststellen, wenn ihr wollt.“ entgegnete Waltraud trocken.
„Wie soll das gehen?“ wollte Manfred wissen. „Wir können ihn doch nicht mitschleppen“. „Brauchen wir auch nicht,“ sagte Waltraud „wir nehmen die Oberschenkel, da ist genug dran, viel mehr als an dem Kaninchen, keiner wird was merken, wir legen die Decke wieder drüber, der Sarg wird geschlossen und niemand merkt was. Es wird ja keiner dem Toten die Decke wegziehen!“ scherzte sie.
„Also ich kann das nicht.“ machte Günther sofort klar.
Waltraud sah alle der Reihe nach an: „Was ist mit Euch?“ fragte sie.
„Wir haben vor einiger Zeit den Hund von Scheidgen geschlachtet.“ meinte Manfred.
„Ich dachte der sei fortgelaufen!“ rief Marion entsetzt.
Manfred zuckte die Schultern. „Es war nicht schade um ihn, er war ein Teufel“.
Marion erwiderte: „Das ist doch wohl was anderes, Ajax war ein Hund.“
„Was ist jetzt?“ – Waltraud wurde ungeduldig. „Machen wir es, oder lassen wir es?“
„Wie stellst du dir das vor“, fragte Manfred, „sollen wir nach Hause gehen und sagen hallo, hier ist der dicke Eicholz, er beliefert uns auch nach seinem Tod noch mit Fleisch? Und wie soll das gehen? Sollen wir deiner Mutter erzählen hallo Frau Hosse, wir haben heute wieder ein Kaninchen gefunden, aber es sieht aus wie ein Oberschenkel?“
Waltraud dachte eine Weile nach. „Gulasch!“ sagte sie dann.
„Gulasch?“ fragte Günther verständnislos.
„Hast Du noch dein scharfes Taschenmesser?“ wollte Waltraud von ihm wissen.
„Klar.“ meinte der „aber das kann ich nicht.“
„Gib her!“ verlangte Manfred. „Stell dich mit Marion an die Türe und pass auf, dass niemand kommt“.
Marion und Günther waren heilfroh, nicht zusehen zu müssen. Waltraud schlug die Decke zurück, sie war sehr bleich. Beide holten tief Luft und Manfred schnitt ein großes Stück aus dem Oberschenkel der Leiche.
„Hast Du auch ein Messer? Ich schneide es dann in Würfel.“ sagte Waltraud. Manfred gab ihr sein Messer, Waltraud legte das Stück Fleisch auf die Erde und säbelte daran herum. Plötzlich übergab sie sich. Wie gut, dass sie schon lange nichts mehr zu sich genommen hatte, so kam nur Schleim. Sie zitterte am ganzen Leib.
„Geht es wieder?“ wollte Manfred wissen?
„Klar, ich bilde mir einfach ein, es wäre wirklich Gulasch.“ meinte sie und grinste schief. Manfred hatte derweil ein Stück aus dem anderen Oberschenkel gesäbelt. Beide arbeiteten nun verbissen an den beiden großen Stücken. Sie stopften alles in Waltrauds Rucksack, den diese immer bei sich trug, man wusste ja nie, ob man etwas Essbares fand. Sie deckten die Überreste von Herrn Eicholz` Beinen wieder zu und verließen die Kapelle.
Sagt bloß Ihr habt……“ setzte Monika an.
Manfred blickte sie warnend an und dann zu den Kleinen: „Stellt Euch vor, sagte er zu ihnen, da war ein kleines Wildschwein in der Kapelle, es saß unter dem Altar, wir haben es gefangen und nun haben wir Fleisch, kommt schnell nach Hause“.
„Hurra, hurra“, schrieen da Heinz und Hubert.
„Pssssssssst, still! Wollt ihr, dass alle uns hören, dann nehmen sie uns noch das Fleisch weg. Schnell nach Hause.“
„Mama, Mama, komm schnell, stürmte Heinz voraus, wir haben ein Wildschwein.“
„Was habt ihr?“ fragte Frau Hosse nach und sie erzählten ihr die gleiche Geschichte. Waltraud packte das Fleisch aus. „Schon in Würfel geschnitten“, wunderte sich Frau Hosse. „Hätten wir mit einem Wildschwein hier ankommen sollen“, wollte Waltraud gereizt wissen? Ihre Mutter sah sie an und fragte nicht mehr nach, wortlos bereitete sie das Fleisch zu. Manfred winkte seinem Vater zu, er solle kommen, denn sie wohnten gegenüber. Herr Fiedler erschien kurze Zeit später. „Das duftet ja hier“, sprach er und langte beim anschließenden Essen kräftig zu.
„Fabelhaft“, lobte er, als sie die Mahlzeit beendet hatten, „Das war sicher ein junges Tier, so zart, wie es war, wisst ihr, dass ich noch nie Wildschwein gegessen habe?“ Die Großen hatten sich anfangs etwas zurück gehalten und Frau Hosse hatte ihre Tochter mehrfach fragend angesehen. Alle aßen sich satt, denn Manfreds Vater hatte noch ein Brot beigesteuert, er hatte den Bäcker erwischt, wie er den Teig mit Erde zu verlängern suchte. Damit er schwieg, hatte er das Brot bekommen, das sie nun zu dem Fleisch gegessen hatten. Frau Hosse holte zur Feier des Tages die letzte Flasche Aufgesetzten aus dem Keller und alle außer den Kleinen bekamen ein Gläschen, die Erwachsenen sogar zwei, es war ein richtig gemütlicher Abend und alle waren einmal satt geworden und versuchten nun ihr Leben lang diesen Tag zu vergessen.
© By Gitte