Navigationsgerät des Grauens!
Das war vielleicht ein Wochenende! Jürgen, mein Mann, hatte da diesen Kollegen, Günther. Hilfsbereit, aber ein wenig einfältig. Einige Male hatte Jürgen ihm bei kniffligen Aufgaben geholfen und daher hatte er es sich in den Kopf gesetzt uns einzuladen. Begeistert war ich davon nicht, aber ich beschloss den Tag ohne Murren hinter mich zu bringen. Es war ja nett gemeint, auch wenn wir nicht viele Gesprächsthemen haben würden. Ein Ausflug sollte es werden und pünktlich um Fünfzehn Uhr schellte es an jenem Samstag bei uns. Seufzend nahm ich meine Tasche nicht ohne meinem Schatz einen deutlich gequälten Blick zuzuwerfen. „Das wird schon“, meinte der, „vielleicht ist seine Frau ja ganz nett.“
Als wir ins Auto stiegen grölte Günther gleich los. „Da seit ihr ja, immer rein in die gute Stube.“ Ich zuckte zusammen und hoffte im Stillen das er nicht immer so laut sprach. Galant hielt Jürgen seinen Sitz fest und ich krabbelte in den Fond, wo ich mich neben Günthers Frau setzte. Sie gab mir die Hand und lächelte schüchtern. Von der Seite betrachtete ich sie. Ein wenig verhuscht, aber sicher ganz lieb, bildete ich mir ein erstes Urteil. Jedenfalls wohl nicht so laut wie ihr Gatte, stellte ich erleichtert fest und lächelte ihr zu. „Wir dachten uns mit euch ein Picknick zu machen“, klärte sie mich auf. „Hoffentlich mögt ihr Kartoffelsalat?“ „Oh ja aber sehr“, antwortete ich ihr begeistert. Sie lächelte dankbar. Sie schien wirklich nett zu sein, vielleicht konnte ich ihr einige Tipps geben, wie sie mehr aus sich machte wenn wir uns erst ein wenig besser kannten. Dann ging es los. „Festhalten“, schrie Günther und gab Gas. Wir wurden in die Sitze gepresst. „Oh bitte, ich habe einen empfindlichen Magen“, merkte ich an, „wenn ich den Salat genießen soll, dann bitte ein wenig langsamer“, bat ich. Günther lächelte ein wenig höhnisch. Wie ich gedacht hatte, er setzte Rasen mit Männlichkeit gleich. Ob seine Frau verstimmt war, weil ich ihn zur Recht gewiesen hatte? Aber nein, sie lächelte und nickte mir zu. Na klasse, scheinbar versprach sie sich von mir Erziehungshilfe bei ihrem Mann, na mal sehen was ich tun konnte. „Wir haben ein tolles Plätzchen gefunden, mitten im Wald“, informierte uns Günther, „da findet so schnell keiner hin, ich habe einen Navi, der führt uns.“ Der Stolz ließ ihn hinter seinem Lenkrad einige Zentimeter wachsen. „Habt ihr auch einen“, wendete er sich an Jürgen, der nicht reagiert hatte? Jürgen schüttelte den Kopf. „Solltet ihr euch zulegen“, prahlte sein Kollege. Jürgen war ein wenig blass, er hasste es Beifahrer zu sein. Still lächelte ich in mich hinein. Der so angepriesene Navi führte uns zu einem Waldstück und danach über einen holprigen Weg hinein ins Grüne. „Na geht’s mit dem Magen“, erkundigte sich Günther bei mir? Ich nickte und bat ihm im Stillen einiges ab, Benehmen und Fürsorge kannte er also doch. „Es ist herrlich hier im Wald, ich habe gar keine Zeit an meinen Magen zu denken“, beruhigte ich ihn. Schließlich war der Weg zu Ende und wir stiegen aus. Jeder schnappte sich etwas vom Proviant und im Gänsemarsch liefen wir durch das Dickicht. Es war Herbst und das Licht schimmerte golden durch die Bäume und schaffte so eine zauberhafte Atmosphäre.
Plötzlich lichtete sich der Wald und gab eine verträumte kleine Lichtung frei durch die ein kleiner kristallklarer Bach floss. Ich gab einen überraschten, entzückten Laut von mir. „Was für ein wunderschönes Plätzchen bewunderte ich den Ort. „Nicht wahr“, gab Günther stolz zurück und breitete eine Decke auf dem Waldboden aus, unweit des leise murmelnden Baches. Wir nahmen Platz und ließen es uns schmecken. Der Salat war ausgezeichnet und das lobte ich auch. Was mir nicht so gefiel, Günther ließ sich zwei Dosen Bier schmecken. „Du trinkst Alkohol wenn du fährst“, fragte ich nach. Doch Günther lachte nur. „Sei doch nicht so spießig“, meinte er und prostete mir zu. „Ich vertrage einiges.“ Daran hatte ich keinen Zweifel. Nach meiner Bemerkung war die Stimmung ein wenig getrübt und wir entschlossen uns zum Aufbruch. „Es wird kalt“, meinte Gerda, Günthers Frau „und bald beginnt es sicher zu Dämmern.“ So packten wir zusammen und wanderten zum Auto. Kaum waren wir wieder auf der Landstrasse, als Günther bemerkte: „Wisst ihr was? Hier in der Nähe gibt es glaube ich einen Vergnügungspark, wir machen dort noch schnell eine Stippvisite, ist sicher lustig in der Dämmerung.“ „Eigentlich müssen wir heim“, wagte ich einzuwenden, Morgen bekommen wir Besuch.“ „Nun sei doch nicht eine solche Spaßbremse“, ärgerte sich Günther. „Na schön, aber bitte nicht so lange“, bat ich mir aus. „Prima“, antwortete Günther und gab den Suchbegriff in seinen Navi ein. „Na bitte, wusste ich es doch“, rief er aus. „Das ist nur einige Straßen weiter, wollen mal sehen was uns da geboten wird.“ Da ich kein Spielverderber sein wollte hielt ich den Mund. Nach einer Weile hielten wir vor einem großen Metallflügeltor. Eine Dame mittleren Alters war gerade dabei es zu schließen. „Halt“, rief Günther, „wir möchten doch noch hinein.“ „Tut mir leid, bei Einbruch der Dunkelheit schließen wir“, antwortete sie und machte Anstalten das Tor weiter zu schließen. „Bitte machen sie doch eine Ausnahme“, bettelte Günther. Unschlüssig trat die Frau von einem Bein auf das Andere. „Geben sie sich einen Ruck, wenn wir schon einmal hier sind“, bat Günther.
„Na schön, kommen sie herein, aber bitte leise“, bat sie.
„Sie machen es aber spannend“, grölte Günther“, was die Frau ängstlich zusammen
zucken ließ. Sie blickte sich um und schlich vor uns her. Günther kicherte.
„Die kennt was von Effekt Hascherei“, meinte er zu uns. Automatisch blickte
auch ich mich um. Etwas hoppelte vor uns ins Gebüsch. Es sah aus wie ein Kind,
hatte aber zusammen gewachsenen Beine und sprang daher wie ein Hase. Sicher
hatte ich mich verguckt, ich blinzelte, doch da war der Spuk schon vorbei.
„Sagen sie mal…….“, ich klopfte der Frau die uns
hereingelassen hatte auf die Schulter. „Später“, raunte sie angespannt, „laufen
wir in den Wohnwagen.“ Es wurde immer dunkler. Im Wohnwagen bat sie uns eilig
herein und atmete dann sichtlich erleichtert auf. „Bitte nehmt Platz“, nötigte
sie uns und bat Getränke an. Am Fenster meinte ich einen Schatten gesehen zu haben. Unwillkürlich fröstelte ich. Es
hatte ausgesehen wie ein grindiges Gesicht voller Pocken und Beulen, wie man
sich einen Pestkranken vorstellt. Die
Augen der Frau waren meinem Blick gefolgt, nervös ging sie zum Fenster und zog
die Jalousie vor. „Darf ich ihnen einen
Tee anbieten?“ Sie wirkte hektisch und nervös. Mir wurde es mulmig zu Mute. War
ich denn die einige, die merkte, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte?
Mein Instinkt ließ alle Alarmglocken läuten. „Eigentlich wollten wir hier was
erleben“, antwortete Günther. „Ach wir haben hier nichts außergewöhnliches,
einige Tiere, das ist alles, eine Art Streichelzoo, wir werden wohl in einigen
Tagen schließen, es lohnt sich nicht, es kommen kaum Besucher. Wir können keine
großen Attraktionen bieten“, versuchte die Frau zu erklären. Als es klopfte
zuckte sie schreckhaft zusammen. Sie musterte uns kurz und bat dann herein. Ein
Buckliger Greis trat ein. Günther musterte ihn Unverholen. „Sascha, was gibt
es“, erkundigte sich unsere Gastgeberin? „Soll ich die Herrschaften herum
führen“. grollte er und mir schien es wie Gier in seinen Augen zu Blitzen. Das
bildest du dir ein, versuchte ich meine Nerven zu beruhigen. Die ungewöhnliche
Situation verunsichert dich. Wie ich hinter dem Eingetretenen sehen konnte war
es draußen fast dunkel. „Es wird Zeit zu gehen“, merkte ich an. „Aber wir haben
noch nichts gesehen und gerade wird es uns angeboten“, meinte Günther. Er stand
auf und schlug dem Buckligen auf die Schulter. „Gehen wir mein Freund“, sagte
er. „Ist das Ding echt“, wollte er wissen und zupfte an dem Buckel. Ein dumpfes
Grollen ertönte. Hatte es der Bucklige ausgestoßen? Doch sein Gesicht grinste,
sicher hatte ich mich geirrt. „Geht nur, wenn es euch interessiert“, bat unsere
Gastgeberin, „ich brühe derweil den Tee auf.
Sascha winkte uns ihm
zu folgen. Es waren nur einige Schritte, er führte uns zu einem Stall. Als er
die Türe öffnete schlug uns ein ziemlicher Gestank entgegen. Einige Male atmete
ich durch den Mund, dann hatte ich mich daran gewöhnt. Das Licht ging an und
entsetzt blickte ich auf viele Käfige aus denen die unterschiedlichsten Laute
klangen, beruhigend war allerdings keiner davon. Im ersten Käfig saß ein völlig
normal, sogar sehr gut aussehender junger Mann. Traurig blickte er uns an.
Unbemerkt hatte Sascha einen Stock genommen und den stieß er ihm in die Seite.
Was dann geschah ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Der Mann öffnete den
Mund und schrie, dabei entblößte er ein grauenhaftes Raubtier Gebiss. Entsetzt
war ich zurück gewichen. Sascha beobachtete uns und grinste, dann wies er auf
den nächsten Käfig. Ich konnte mich noch nicht losreißen, zu groß war der Schock
gewesen. Plötzlich machte der eingesperrte Mann, der zur Rückseite des Käfigs
zurückgewichen war eine Geste des Schreibens. Da ich Autorin bin habe ich immer
einen Notizblock und Stift bei mir, um Ideen bei Bedarf sofort zu notieren.
Ängstlich schob ich Block und Stift zu ihm hinein. Dann folgte ich schnell den
Anderen. Im nächsten Käfig sahen wir den Jungen, der mir beim Kommen
aufgefallen war, seine Beine waren zusammengewachsen. Eine Hauthülle bedeckte
sie wie bei einer Nixe. Wie grausam musste es sein, nicht nur verunstaltet zu
sein, sondern auch noch zur Schau gestellt zu werden. Was mussten diese
Kreaturen seelisch leiden. Im folgenden Käfig lag der Mann, dessen Gesicht
aussah wie von der Pest zerfressen. Die teigige Haut schien ein Eigenleben zu führen.
Es sah bei jeder Bewegung seiner Mine aus als flösse sie in die eine oder
andere Richtung. Schon von weitem sah ich das im weiteren Käfig eine Frau saß,
die vier Arme hatte. Mit zwei Händen hielt sie sich am Gitter fest, die anderen
Arme hatte sie verschränkt vor dem Leib. Das war alles mehr als ich ertragen
konnte. „Ich warte beim Eingang, ich habe genug gesehen“, rief ich. Auch die
anderen meiner Begleiter waren bleich, dennoch aber irgendwie fasziniert.
Sascha schaute misstrauisch, aber ich schlenderte betont langsam zum Eingang.
Unschlüssig stand er da, die drei wollte er auch nicht allein lassen, so zuckte
er die Schultern und führte sie weiter. Beim ersten Käfig blieb ich stehen. Der
Mann darin streckte mir seine zur Faust geballte Hand entgegen. Ängstlich stand
ich da. Als ich ihm ins Gesicht schaute sah ich seinen flehenden Blick und eine
Träne auf seiner Wange. Das gab den Ausschlag, ich reichte ihm die Hand und er
gab mir mein Notizbuch zurück. Gleichzeitig legte er den Finger an die Lippen und
beschwor mich so wortlos zu schweigen. Bald darauf kam die kleine Gruppe zu mir
zurück. „Ich hoffe es hat euch gefallen“, grinste Sascha und brachte uns zum
Wohnwagen. „Bitte wo ist hier die Toilette“, fragte ich unsere Gastgeberin?
„Dort“, sie deutete auf eine Türe im hinteren Wagenteil. Als ich hinter mir abschloss
machte sich kurz eine gewisse Erleichterung in mir breit, ich zog mein Büchlein
hervor, doch was ich da las ließ das Entsetzen wie Feuer durch meine Adern
fließen. Achtung, stand da. Die Leute hier sind gefährlich. Wir waren alles
normale Leute die den Zoo besichtigen wollten. Wir bekamen Tee angeboten und
schliefen sofort tief und fest ein. Als wir erwachten hatte man uns so
verunstaltet. Das Kuriositäten Kabinett wächst ständig. Nichts trinken. Der
Junge im Nebenkäfig ist mein Sohn. Sie haben ihm die Zunge herausgeschnitten,
daher kann er nicht warnen. Mich hindert das Gebiss am Sprechen. Viel Glück.
Die feinen Härchen an
meinen Armen hatten sich aufgerichtet, der Pulli kratzte schmerzhaft über sie
hinweg. Mein Magen war ein Eisklumpen und ich war wie gelähmt. Dann jedoch kam
Leben in mich. Aufgekratzt ging ich zurück. „Wir müssen nun aber wirklich“,
trompetete ich betont fröhlich. Ach du liebe Zeit, die Frau war gerade dabei
Tee einzuschenken. „Nur eine Tasse“, bat sie lächelnd. Gefahr in Verzug,
signalisierte mein Gehirn, ich stellte mir selbst ein Bein. Polternd fiel ich
gegen sie, die Kanne flog aus ihrer Hand und zerschellte an der Wand. „Passen
sie doch auf“, fuhr sie mich an. „Moment mal, meine Frau hat das doch nicht mit
Absicht gemacht“, kam Jürgen mir zu Hilfe. „Geht es dir gut mein Schatz?“ Ich
nickte und blickte ihn beschwörend an. „Wir müssen gehen“, wiederholte ich.
„Ich setze schnell neuen Tee auf, so kann ich meine Gäste doch nicht gehen
lassen“, machte die Frau einen neuen Versuch uns zum Bleiben zu bewegen. „Nein
danke, wir müssen wirklich los. Wir dachten uns, ihr kommt morgen zum Essen zu
uns“, wendete sich Jürgen nun an Günther. Der strahlte, hatte Jürgen ihm doch
eben signalisiert den Verkehr mit ihm aufrecht zu erhalten und so beeilte er
sich aufzustehen. Jürgen reichte der Frau die Hand und verabschiedete sich, wir
anderen folgten ihm. Die Frau sah aus, als platze sie vor Wut, aber was sollte
sie machen? Sie ließ uns gehen.
Im Wagen, als sich
die Anspannung löste kamen mir dann die Tränen vor Erleichterung. „Und nun
erzähl, was war los“, wollte Jürgen wissen? „Lass mir ein paar Minuten“, bat
ich, „wir sind ja gleich daheim, dann erfahrt ihr alles.“ Erschöpft schloss ich
die Augen, aber dann kamen die schrecklichen Bilder wieder, so starrte ich in
den abendlichen Verkehr. Zu Hause baten wir Günther und Gerda noch mit hinein.
„Soll ich uns einen Tee kochen“, fragte Jürgen. „Nein“, schrie ich, „nur das
nicht, ich brauche einen Schnaps.“ „Au ja, ich auch“, stimmte Günther sofort
begeistert zu. „Okay“, gab Jürgen nach, „also Weinbrand für alle.“ „Du wirst
ihn brauchen“, prophezeite ich ihm, dann berichtete ich. „Was nun“, fragte ich
danach in ihre entsetzten Gesichter hinein? „Wir rufen die Polizei“, schlug
Jürgen vor. „Ja, aber in der Stadt wo die campieren“, ergänzte Günther. So
geschah es dann auch. Wie man uns später informierte waren die Leute gerade
dabei bei Nacht und Nebel die Zelte abzubrechen. So schnell hatten sie die
Polizei dann aber doch nicht erwartet. Man nahm sie samt und sonders fest. Die
armen Kreaturen wurden zurückoperiert, alles konnte man trotz aller Mühe nicht
wieder herstellen. Nachdem das Raubtier Gebiss entfernt war bekam unser Retter
eine Prothese, die Beine seines Sohnes konnte man von der Hülle befreien,
allerdings musste er das Gehen wieder neu erlernen, seine Sprache allerdings
konnte man ihm nicht wieder geben. Das entstellte Gesicht des Lepramannes, wie
ich ihn bei mir nannte hatte die Salzsäure allerdings zerfressen, mit einigen
Haut Transplantationen konnte man seinen Zustand aber sehr verbessern. Der
vierarmigen Frau entfernte man die beiden unnatürlichen Arme. Die Betreiber des
Gruselkabinettes brachte man in eine Heilanstalt.
Eines Tages schellte
es bei uns. Als ich öffnete erblickte ich einen riesigen Blumenstrauß, darunter
zwei lange und zwei kurze Beine. Er wurde zur Seite geschwenkt und ich blickte
in das strahlende Gesicht des hübschen Mannes, den einst das Raubtier Gebiss so
verunstaltet hatte, an der Hand hielt er seinen Sohn. „Wir wollten uns noch
persönlich bedanken“, meinte er. „Ohne sie säßen wir vermutlich immer noch im
Käfig.“ „Und wir daneben“, antwortete ich schaudernd. „Ich koche uns schnell
einen Kaffee“, schlug ich vor, Tee mögen wir nicht mehr.“ „Gute Idee´“,
antwortete der Mann.
By Gitte