Rosi

Rosi war ein so genanntes Nachkriegskind, sie wuchs in einem kleinen Städtchen an der Ruhr Anfang der 50ger Jahre auf. Mit ihren Eltern lebte sie in einer drei Zimmer Wohnung im ersten Stock eingerichtet mit dem damals modernen „Gelsenkirchener Barock“.

 

Rosis Eltern waren ausgesprochen schöne Menschen, leider erbte Rosi nur wenig davon. Ihre Haare waren dünn und fein, wie die ihrer Mutter. Dabei hätte sie viel lieber die dichten pechschwarzen Locken ihres Vaters gehabt. Auch die klassische griechische Nase ihrer Mutter bekam sie nicht, dafür die knollige der Niederländischen Seite ihres Vaters. Ihre Neurodermitis entstellte sie zudem und das schielende linke Auge verbesserte ihr Äußeres auch nicht. Ihr Vater erzählte ihr, dass sie eine Zangengeburt war. Die hinterließ damals tiefe Dellen an ihren Schläfen. Der Hinterkopf war lang gezogen, wie ein Zwergenhut, die Ärzte formten die noch weichen Knochen wieder. Kurzum Rosi war eine Enttäuschung für ihre Eltern. Ihre Mutter setzte ihr selbst an heißen Tagen eine Mütze auf, um die unschönen Krusten auf ihren Kopf zu bedecken. Das war natürlich nicht gut, denn die Wärme darunter sorgte dafür, dass die Wunden nässten und sie heilten nicht. Am Abend entfernte sie die Krusten mit einer Pinzette und schmierte Creme darauf. Erst mit über einem Jahr sprossen bei Rosi die ersten Haare.

 

Mit vier Jahren sollte Rosi in den Kindergarten kommen. Aufgeregt lief sie zu Reni dem Nachbarskind, die zwei Jahre älter war als sie und mit ihren Eltern im gleichen Haus in zwei Zimmern einer der Parterre Wohnungen lebte. „Stell dir vor, ich komme in den Kindergarten, dann können wir am Morgen zusammen dorthin gehen.“ Reni war alles andere als begeistert, nun sollte sie die kleine Klette also auch noch am Vormittag an der Backe haben, ne bloß das nicht. Sie überlegte einen Moment und dann setzte sie eine bekümmerte Mine auf. „Ach je, du Arme“, heuchelte sie. „Dort leiten Nonnen den Kindergarten und die sind furchtbar streng. Für jede Kleinigkeit werden wir geschlagen.“ „Aber……..du warst doch immer so begeistert“, antwortete Rosi. „Na ja, wirklich schlimm sind sie ja auch nur zu den Evangelischen.“ Der Schreck fuhr Rosi in alle Glieder und lähmte sie. Das war der Unterschied zwischen ihnen. Reni war katholisch und sie evangelisch. Nun hatte sie den Salat. Auf keinen Fall würde sie in diesen Kindergarten gehen. Reni beobachtete ihr Minenspiel und frohlockte, ihr Plan schien aufzugehen. „Erzähl das ja nicht deiner Mutter, wenn sie dich doch da hin bringt und die erfahren das du schlecht über sie geredet hast, dann machst du erst Recht was mit.“ Rosis Augen füllten sich mit Tränen. Stumm schüttelte sie den Kopf und lief nach oben. Sie sah nicht Renis verschlagenes Grinsen. Am Montag war es dann soweit. Trotz ihres Protestes kleidete ihre Mutter sie an, füllte ein Brot in ihre nagelneue Kindergartentasche, nahm sie an ihre Hand und lief los. Panik erfasste Rosi. Sie ließ sich einfach fallen und stand nicht wieder auf. Einige Male zog ihre Mutter sie hoch und schimpfte, aber immer wieder ließ sich Rosi in ihrer Verzweiflung hinfallen. Endlich gab ihre Mutter nach und verschnupft liefen sie heim. Tagelang sprach sie nur das Nötigste mit ihr.

 

Einige Tage später drückte ihre Mutter ihr am Morgen ein Eimerchen in die Hand. Es war gefüllt mit Förmchen, einer Harke und einer Schaufel. „Du kannst nicht immer nur zu Hause hocken, da du nun partout nicht in den Kindergarten willst mit deinem Dickkopf bringe ich dich zum Spielplatz. Du brauchst frische Luft und Spielkameraden.“  Der Spielplatz war ganz in der Nähe. Genau gesagt in der nächsten Querstrasse. Lustlos setzte Rosi sich in den Sandkasten und presste einige Sandplätzchen. „Achte auf die Kirchturmuhr, wenn sie zwölf Mal schlägt habe ich das Essen fertig, dann kommst du heim“, wies ihre Mutter sie an. Nach einer Weile in der Rosi sich gelangweilt hatte kam ein kleines Mädchen in ihrem Alter. Verstolen beobachtete Rosi sie von der Seite. Das Mädchen grinste, kam auf sie zu und reichte ihr seine Hand. „Ich heiße Regine“, sagte sie. Rosi grinste auch, nahm die angebotene Hand und nannte ihren Namen. „So wird das nichts.“ Regine zeigte auf Rosis misslungene Sandplätzchen, die schon zusammen fielen. „Du musst graben, in der Tiefe ist der Sand feucht und dann pappt er besser“, wusste Regine. Mit Feuereifer machten sich die Zwei ans Werk, am Ende  verbuddelten sie sogar ihre Beine, das machte solchen Spaß und sie vergaßen dabei die Zeit. Bis eine wütende Mutter auftauchte und ihr Töchterchen anfuhr. „Um zwölf solltest du zu Hause sein, nun ist es halb eins durch.“ Erschrocken blickte Rosi auf. „Wir haben so schön gespielt“, versuchte sie zu erklären. „Marsch nach Hause, das Essen ist schon ganz verbruzzelt.“ „Wenn du magst, komm mich doch danach besuchen, ich wohne gleich gegenüber auf 13“, bat Regine ihre neue Freundin. „Darf ich Mami“, wendete die sich an ihre Mutter? „Erst Mittagsschlaf, danach meinetwegen“, antwortete diese. Rosi war empört, Mittagschlaf, als sei sie noch ein Baby. Aber Regine fand wohl nichts dabei. „Dann komm doch danach“, schlug sie vor. „Rosi trödele nicht, Marsch nach Hause“ forderte ihre Mutter erneut. Rosi grinste, der Tag konnte gar nicht mehr schlecht werden, sie hatte eine Freundin. Sie winkte Regine zu und so schnell sie konnte eilte sie ihrer Mutter hinterher. Heute schmeckte ihr das Essen gut, die frische Luft hatte ihren Appetit angeregt. „Muss ich wirklich schlafen“, versuchte sie es noch einmal „ich bin überhaupt nicht müde.“ Aber ihre Mutter ließ nicht mit sich reden. „Zieh die Oberbekleidung aus und marsch ins Bett“, befahl sie ihrer Tochter. Rosi schmollte. Sie würde wach bleiben und dann würde auch ihre Mutter begreifen, dass der blöde Mittagsschlaf völlig unnötig geworden war. Kaum jedoch lag sie im Bett, als ihr die Augen zufielen. Nach einer Weile sah ihre Mutter nach ihr, vielleicht war sie nun wirklich langsam zu alt für ein Mittagsnickerchen, aber da schlief Rosi schon tief und fest. Grinsend zog sich die Mutter zurück. „Dafür dass du nicht müde warst hast du aber lange geschlafen.“ Rosi fuhr aus tiefem Schlaf auf. „Los du Faulpelz, sonst verschläfst du noch den ganzen Tag, es ist schon drei Uhr, Regine wartet sicher schon auf dich.“ Das machte Rosi Beine, mit einem Satz war sie aus den Federn.

 

 

In Windeseile zog sie sich an und dann lief sie so schnell sie konnte los. „Pass auf der Strasse auf“, rief ihre Mutter ihr nach. „Vergiss nicht nach links und rechts zu schauen.“ Es herrschte noch nicht viel Verkehr in dem kleinen Vorort, aber manchmal kam eben doch ein Auto. Als sie dann vor dem kleinen Schieferhaus stand und auf den Klingelknopf drückte schlug ihr Herz wie rasend. Zum einen vom schnellen Laufen und zum anderen vor Aufregung. Was, wenn Regines Mutter sie nicht mochte, sie war noch nie bei Fremden zu Gast gewesen. Die Türe wurde aufgerissen und ein fremdes Mädchen stand vor ihr. Damit hatte Rosi nicht gerechnet. „Ich möchte zu Regine“, sagte sie schüchtern. „Komm rein“, bat die Kleine und brüllte los: „Regiiiiiiiine Besuch für dich.“ Rosi war dem fremden Mädchen ins Haus gefolgt. Nun stand sie in einer riesigen Küche und schaute verwirrt um sich. Mädchen und Jungen in allen Alterklassen saßen um einen großen Tisch und Regine mitten unter ihnen. Rosi war völlig verblüfft. „Komm schon“, rief Regine, „setz dich zu mir. Rutsch mal“, bat sie das Mädchen das an ihrer Seite gesessen hatte „mach meiner Freundin bitte Platz.“ „Hast du Geburtstag“, fragte Rosi verlegen? Das wäre peinlich, sie hatte nicht mal ein Geschenk dabei. Regine lachte. „Oh nein, die gehören alle hierher, ich habe nämlich sieben Geschwister.“ „Sieben“, hauchte Rosi erschlagen. „Ja mit mir sind wir acht Kinder“, klärte Regine sie auf. Rosi strahlte wie eine Sonne. „Man musst du glücklich sein.“ „Na wie man es nimmt, immer vertragen wir uns auch nicht, manchmal fliegen hier ganz schön die Fetzen“, meinte Regine trocken. „Na das will ich meinen.“ Rosi fuhr erschrocken zusammen. Unbemerkt war Regines Mutter mit einer Platte voller Kuchen hinter sie getreten. „Magst du Kakao“, fragte sie das noch fremde Mädchen? Rosi nickte strahlend. Die Mutter setzte sich ans Kopfende. Alle Kinder falteten ihre Hände und dann beteten sie. „Komm Herr Jesus sei unser Gast und segne was du uns bescheret hast.“ Danach wurden Rosis Hände gefasst, es bildete sich ein Kreis und man wünschte sich „Guten Appetit.“ War das schön, so eine große Familie. Sicher wusste Regine gar nicht wie gut sie es hatte. Langeweile kannte sie sicher nicht. In der folgenden Zeit traf man Rosi fast nur noch bei Regine an, die beiden wurden unzertrennlich. Da Regine ihre Haare lang trug begann Rosi ihre wachsen zu lassen. Immer wenn eine neue Flechte in die dünnen Zöpfe passte war sie glücklich.

 

So verging die Zeit und plötzlich war die Aufforderung da, Rosi musste zur Untersuchung für Schulkinder. Da Rosi sehr dünn war und zudem von ihrer Neurodermitis geplagt wurde, die sich nun in den Ellenbogen und Kniekehlen breit machte, ordnete man eine Kur für sie an. Sie war tot unglücklich, denn bisher war sie ja noch nie fort gewesen von daheim. Es half alles nichts, irgendwann stand sie mit klopfendem Herzen an der Hand ihrer Mutter auf dem Bahnsteig und wartete mit vielen anderen Kindern auf den Zug, der sie zur Küste bringen sollte. „Sieh mal, das Mädchen hab ich bei der Untersuchung gesehen, sie kommt in deine Klasse, vielleicht freundet ihr euch schon einmal an“, gab ihre Mutter ihr einen Tipp. Schüchtern musterte Rosi das Mädchen. „Sie sieht nicht gerade freundlich aus“, flüsterte sie ihrer Mutter zu. „Vielleicht hat sie auch Angst in der Fremde“, gab ihre Mutter leise zurück. Dann war es soweit, eine Nonne rief die Namen der Kinder auf, sie musste sich dazu gesellen und einsteigen. Traurig hockte sie sich in eine Ecke. Vielleicht ahnte sie es schon, dass sich in dieser Zeit etwas zusammen braute, das ihr Leben völlig aus den Fugen geraten ließ. Irgendwann gesellte sich eine der begleitenden Nonnen zu ihr. „Du solltest etwas essen mein Kind“, meinte sie und hielt ihr ein Brot hin. Als ob Essen helfen konnte. Rosi schüttelte den Kopf. Der dicke Kloß in ihrem Hals hätte sie eh gehindert einen Bissen zu schlucken. Seufzend strich die Nonne ihr über den Kopf, was Rosi zusammen zucken ließ, sie hatte Renis Worte noch im Ohr und fürchtete sich. Die Nonne wendete sich den anderen Kindern zu und stimmte mit ihnen ein Lied an. Rosi sang nicht mit, wie gesagt der Kloß in ihrem Hals  hinderte sie daran. „Wenn du weiter bockst machst du es dir und mir nicht gerade leicht“, fuhr die Nonne sie an und das war zuviel, die Tränen begannen zu fließen. „Heulsuse“, rief eines der Kinder und plötzlich stimmten alle ein. „Heulsuse, Heulsuse“, erklang es von überall. Rosi barg ihr Gesicht in ihren Armen, wenn sie doch nur sterben könnte. Betroffen schaute die Nonne nun auf sie herab. Sie hatte sich geirrt, dieses Kind war nicht bockig, es hatte Heimweh. „Schämt euch“, rief sie den anderen Kindern zu, die augenblicklich verstummten. Dann nahm sie Rosi in den Arm und streichelte sie behutsam. Nach einer Weile verebbte ihr Schluchzen, sie war eingeschlafen. Irgendwann wurde sie gerüttelt. „Wir sind da, wir müssen an Bord gehen, komm mit“, hörte sie die Nonne sagen. Ein zaghaftes, trauriges Lächeln stahl sich auf Rosis Gesicht. Diese Nonne schien nicht böse zu sein. Sie blieb bei Rosie, bis sie die Insel Borkum erreichten. Hier blieb Rosi nun für lange sechs Wochen. Sie kam sich vor wie eine Gefangene, nicht einmal fortlaufen konnte sie, denn ohne Schiff konnte man die Insel nicht verlassen. Plötzlich erblickte sie das Mädchen, das ihre Mutter ihr ans Herz gelegt hatte. „Hallo, ich bin Rosi, meine Mutter sagte wir kommen in die gleiche Klasse“, fasste sie sich ein Herz und sprach sie an. „Ich heiße Rita“, entgegnete die Andere kurz und wendete sich sogleich wieder ab. Vielleicht lerne ich sie ja später doch noch besser kennen, dachte Rosi. Dann kamen die „Fräuleins“ die sie während ihres Aufenthaltes betreuen würden und damit gleich die nächste Enttäuschung, Rita kam in eine andere Gruppe. Rosis Fräulein hieß Hella und sah eigentlich ganz nett aus. Eine Gruppe nach der anderen marschierte nun im Gänsemarsch ins Kinderheim. Haus Rheingau hieß es, man bat die Mädchen sich den Namen zu merken, sollte sich mal eines verlaufen. Zuerst betraten sie die Garderobe und jedes der Kinder bekam eine Nummer zugewiesen. An den dazu gehörenden Haken hängten sie ihre Mäntel und Mützen, die Schuhe stellten sie darunter und schlüpften in bereitstehende Pantoffel. Danach führte Fräulein Hella sie die Treppe hinauf auf ihre Etage, Rosi wohnte ganz oben. In den Schlafsälen bekamen sie ein Bett zugewiesen und auf dem Flur einen Schrank. „Bitte packt eure Sachen aus“, ordnete Fräulein Hella an. Danach ging sie in die anderen Zimmer um dort nach dem Rechten zu sehen. „Oh weh, wir haben die Heulsuse bekommen“, rief eines der Mädchen und wieder stiegen Rosi die Tränen in die Augen. Sie blickte auf ihre Sachen, die sie wortlos einzuräumen begann. „Reden kannst du wohl auch nicht“, höhnte das Mädchen weiter, „oder bist du zu fein für uns?“ „Bin ich nicht“, brachte Rosi raus und packte weiter aus. Den Rest des Tages kam sie nicht zum Nachdenken. Nachdem die Sachen ausgepackt waren rief Fräulein Hella sie zusammen und wies sie an sich im Waschraum die Hände zu waschen, danach ging es ins Erdgeschoß in den riesigen Speisesaal. Nachdem sie Platz genommen hatten rief eine große sehr streng aussehende Frau energisch: „Ruhe“ und stellte sich als Direktorin vor. Sie erklärte die Regeln in diesem Hause. Die Mädchen hatten reihum Tafeldienst. Das heißt einige von ihnen mussten die anderen an ihren Tisch bedienen. Jeden Tag machten das andere Kinder im steten Wechsel. Anschließend wurde gesungen. Rosi lernte in dieser Zeit eine Menge neue Lieder. Schließlich wurde das Essen aufgetragen. Einfache nahrhafte Speisen, wie die Frau Direktor erklärt hatte. Es gab Reis mit Backpflaumen. Rosi kannte so ein Gericht nicht, aber es schmeckte ihr und das war gut so. Eines der Mädchen meldete sich. „Ich mag das nicht“, verkündete sie. Kalt blickte Frau Direktor sie an. „Du isst das und wage dich nicht es wieder auszuspucken, dann isst du es noch einmal“, drohte sie ihr. Rosi erschrak fürchterlich. Das konnte ja gut werden, wenn es nur keine Zwiebel Gerichte gab. Einmal in diesen langen sechs Wochen erlebte sie das Frau Direktor ihre Drohung wahr machte. Ein Mädel übergab sich und musste unter Würgen das Erbrochen wieder zu sich nehmen. Alle anderen schwiegen betroffen dazu. Am Abend, als sie in ihren Betten lagen flüsterte Rosi: „Das werde ich nach Hause schreiben, dann müssen sie mich abholen.“ „Du glaubst doch nicht, das deine Eltern den Brief bekommen, sie kontrollieren die Post und wer etwas Falsches schreibt, dessen Brief schicken sie nicht ab, ich war schon einmal hier, ich kenne das“, sagte eines der Mädchen. Rosi war entsetzt, das es so etwas gab. Traurig lag sie lange wach und endlich schlief sie dann doch ein, den ersten Tag hatte sie überstanden. Am nächsten Morgen wurden sie von Fräulein Hella geweckt. „Schnell, schnell“, hieß es, ab in den Waschraum, zehn Minuten gab es für ihr Zimmer und dann musste alles fertig sein. Die Mädchen rannten los. Nun erwiesen sich Rosis lange Haare als Hindernis, sie brauchte einige Zeit um sie zu entwirren. Es war hoffnungslos, so ließ sie es und rannte zum Betten machen, Ab Morgen würde sie das Haar am Abend flechten. Nach kurzer Zeit waren die Mädchen bereit und sie wurden in den Speisesaal zum Frühstück geführt. Danach mussten sie sich in der Garderobe ankleiden zum Spazieren gehen. Hier bekam Rosi ihren ersten Ärger. „Wo ist deine Mütze“, wollte Fräulein Hella wissen? „Ich trage nie eine Mütze“, antwortete Rosi, sie hatte eine tiefe Abneigung dagegen entwickelt, was wohl unterbewusst mit ihrer Kindheit zusammen hing. „In unserer Liste stand drin, dass jedes Kind zwei Mützen mitzubringen hat“, grollte Fräulein Hella. „Ich habe Kopftücher mit“, meinte Rosi, „ich binde eines um.“ „Kommt nicht in Frage“, Fräulein Hella gab ihr eine Mütze auf der Haus Rheingau stand. Ein fieses graues Teil. Rosi blickte angewidert. „Aufsetzen“, befahl Fräulein Hella, „oder wir gehen zur Direktorin.“ Wütend zog Rosi sich das Teil über den Kopf. Die anderen Kinder feixten. Von nun an hatte Rosi bei Fräulein Hella einen schweren Stand. Gleich in der Mittagspause erwischte sie sie beim Reden. Rosi musste aufstehen und in ihrer dünnen Unterwäsche die Zeit der Pause erbärmlich frierend im Waschraum verbringen. Sie nutzte sie zum Nachdenken und formte Buchstaben mit ihren Fingern. Fräulein Hella würde sie nicht noch einmal erwischen, nun redete sie lautlos mit den Anderen. Einmal in der Woche hatte sie freien Ausgang, lediglich die Dünen waren tabu, wer dort erwischt wurde hatte seinen Ausgang verspielt, denn dort konnte man sich schnell verlaufen. Nach einer Woche kam eine Rolle an. Rosis Vater hatte ihr zum Trost ihr geliebtes Comic Heft geschickt, zu Hause bekam sie es immer jede Woche. Man wollte ihr das Heft nicht aushändigen, aber Rosi drohte ihren Eltern zu erzählen, dass man es ihr vorenthalten habe und so bekam sie es schließlich doch, was ihr Ansehen in ihrer Gruppe steigerte. Alle wollten nun plötzlich ihre Freundin sein und natürlich das Heft ansehen.

 

Als Rosi nach einigen Tagen den ersten Brief von zu Hause in den Händen hielt klopfte ihr Herz. Sie musste sich beherrschen, um nicht wieder loszuheulen. Quälend langsam verging die Zeit. Heute war baden im Meer angesagt und die Kinder freuten sich. Auch Rosi ließ sich anstecken. So ganz wohl war ihr allerdings nicht zu Mute als sie am Strand stand und die Wellen beobachtete, denn sie konnte nicht schwimmen. Fräulein Hella wies die Mädchen an sich an den Händen zu fassen. Sie gingen ins Wasser bis es ihnen bis an die Taille reichte, ein Lied wurde angestimmt und die Kinder sollten springen. Alle waren mit Feuereifer dabei und auch Rosi ließ sich anstecken und lachte mit ihnen. Doch dann geschah es. Rosi strauchelte, sie verlor das Gleichgewicht und stürzte. Zwar wurde sie an den Händen gehalten, aber man zog sie nicht hoch. Verzweifelt versuchte Rosi sich loszumachen, aber die Hände fassten nur fester zu. Die Kinder bemerkten nicht einmal, dass sie Rosi in eine verzweifelte Lage brachten. Sie versuchte immer wieder auf die Beine zu kommen, aber je mehr sie in Panik geriet, um so weniger klappte es.  Ihre Bewegungen wurden langsamer. Nebel erfüllte ihren Kopf, dann wurde er dicht wie Watte. Rosi soff das salzige Wasser in sich hinein. Sie musste das Meer austrinken, damit sie Luft bekam. Sie ließ sich einfach treiben, hörte auf zu kämpfen und plötzlich wurde es hell, sie schwebte irgendwie. Rosi erwachte weil jemand ihr hart ins Gesicht schlug, immer und immer wieder. Sie schlug die Augen auf. Fräulein Hella, die über ihr kniete war es gewesen. „Rosi, Rosi, komm schon“, hatte sie dabei geschrieen. Die Kinder standen in einer dichten Traube betroffen um sie herum. Fräulein Hella hielt inne und erstarrte, als sie in Rosis eiskalte Augen blickte. Hass schlug ihr daraus entgegen. Rosi schielte nicht mehr. Mit einer entschlossenen Bewegung schob sie Fräulein Hella zur Seite und erhob sich. „Schon gut“, zischte sie ihr zu, „ich bin in Ordnung.“ Erstaunt schauten alle sie an. Sie schien gewachsen zu sein. „Fassen sie mich nie wieder an“, sprach sie zu Fräulein Hella. „Ich werde zurück gehen und mich ausruhen, ich denke sie werden nichts dagegen haben“, sagte sie und wendete sich zum Gehen. „Rosi“, stotterte Fräulein Hella hilflos. „Was?“ Rosi drehte sich um und schenkte ihr erneut einen eiskalten Blick. „Schon gut“, wehrte Fräulein Hella betroffen ab. „Kommt Kinder, wir gehen heim“, ordnete sie an. Rosi lief voraus ohne sich noch einmal umzudrehen und Fräulein Hella wagte es nicht sie zurückzuhalten. Nach dem Mittagessen wurde sie zur Frau Direktor gerufen. Fräulein Hella saß auch dort, ohne Scheu trat Rosi ein und blickte die Direktorin frei an. Auch die erschrak als sie die Veränderung bemerkte, die mit Rosi vor sich gegangen war, aber sie ließ es sich nicht anmerken. „Wie geht es dir“, wollte sie wissen? „Danke gut“, entgegnete Rosi kalt. „Keine Beschwerden“, hakte Frau Direktor noch einmal nach? „Nein, ich sagte doch es geht mir gut.“ „Wenn du doch noch Beschwerden bekommst kannst du dich jederzeit an uns wenden mein Kind“, merkte Frau Direktor noch an. Rosi blickte sie an und lächelte maliziös. „Danke, du kannst gehen“, entließ man sie nun. Vor der Türe blieb Rosi stehen und lauschte. Eine kleine Weile blieb es still, dann hörte sie wie Frau Direktor sich an Fräulein Hella wendete: „Sie haben Recht, sie ist völlig verändert und das gefällt mir gar nicht, wir müssen sie beobachten.“ Wieder lächelte Rosi böse. Oh ja, sie war verändert, sie fühlte sich auch so, stark, beinahe unbesiegbar. Ein wenig wie………., ja wie, wie Tamara ihre Comicheldin. Sie war genauso geworden. Ob das der Schock bewirkt hatte? Als Rosi ihr Zimmer betrat verstummten ihre Mitbewohnerinnen und betrachteten sie scheu. Rosi hielt sich sehr gerade und sie wirkte als sei sie gewachsen, sie genoss die neue Situation, keiner würde sie mehr hänseln oder ärgern. Aus der kleinen schüchternen, ängstlichen Rosi war ein anderer Mensch geworden.

 

Am nächsten Morgen konnte Rosi es kaum erwarten ihr neues Ich im Spiegel des Waschraumes zu betrachten, Aber oh Schreck. Ein kleines verhärmtes ängstliches Gesicht mit einem schielenden Auge warf der Spiegel zurück. Die Veränderung war nicht von Dauer gewesen. Nun war es Fräulein Hella, die lächelte. Nimm dich in Acht schien dieses Lächeln zu sagen, du bist wieder die kleine verhuschte Maus. Schnell fand Rosi in ihr altes Dasein zurück, immerhin wusste sie nun das etwas Anderes in ihr steckte, es lauerte und wartete darauf wieder geweckt zu werden. Die Zeit verrann und Rosi bemühte sich nicht aufzufallen. In der letzten Woche bekamen alle ihr Taschengeld ausgehändigt. Sie durften sich etwas kaufen, ein Andenken etwa, oder ein Mitbringsel für ihre Eltern. Rosi entschied sich für einen getrockneten Seestern, er stammte aus dem Meer in dem sie fast ertrunken wäre und das sie dann so verändert hatte. Dann kam endlich der Tag des Abschieds. Fräulein Hella schien ein wenig erleichtert zu sein, sie hatte Rosi seit ihrem Erlebnis immer mit Misstrauen beobachtet. Die Reise verlief ereignislos und Rosi tauchte wieder in ihr altes Leben ein.

 

Einzig Regine erzählte sie ihr unheimliches Erlebnis, aber die schaute als könne sie es nicht recht glauben. Das machte Rosi noch stiller, sie spielte zwar immer noch gern mit Regine und fühlte sich wohl im Kreise ihrer Familie, aber ein kleiner Riss war in ihrer Freundschaft entstanden. Dann kam der große Tag ihrer Einschulung. Da auch Regine katholischen Glaubens war kam sie in eine andere Schule. Sie würden fortan nur noch am Nachmittag zusammen sein können. Stolz schritt Rosi mit einer großen Schultüte im Arm, die außer Obst das ach so begehrte Zuckerzeug enthielt und ihrem nagelneuen Lederranzen an der Hand ihrer Mutter zur Schule, nun war sie groß. Endlich. Doch dann stand sie ziemlich verloren zwischen all den schwatzenden Mädchen, die sich zum Teil aus dem Kindergarten kannten. Fast alle hatten selbst gehäkelte Tafelläppchen aus ihrem Ranzen hängen, doch in Rosis Familie handarbeitete keiner. Sie entdeckte Rita und winkte ihr schüchtern zu, aber die beachtete sie gar nicht. Sie flüsterte mit einem anderen Mädchen das nun in Rosis Richtung blickte und lachte. Sicher hatte Rita ihr von der Heulsuse berichtet. Rosis kleine Fäuste ballten sich, sie würde es ihnen schon zeigen. Nach einer Weile wurden sie in die Klassenräume gebeten und die Lehrerin stellte sich ihnen vor, zu ihrer aller Enttäuschung eine sehr alte und wie es aussah sehr strenge Frau. Absolute Pünktlichkeit und Gehorsam erwarte sie von ihnen, sagte sie. Dann waren sie bis zum nächsten Tag entlassen. Es schellte laut und die größeren Kinder stürmten in den Pausenhof. Als sie die Kleinen bemerkten riefen sie „I Dötzchen und I Männchen, Kaffeekännchen.“ Die Schule war eine neue Enttäuschung in Rosis Leben bemerkte sie resigniert. Einige Tage vergingen in denen Rosi „Den Ernst des Lebens“ kennen lernte. Wenn die Lehrerin den Raum betrat standen alle auf und begrüßten sie, danach wurde gebetet und dann mussten sich die Kinder setzen, die Arme verschränken und durften sich nicht mucken, es sei denn sie wurden aufgerufen. Wer nicht gehorchte musste die flache Hand ausstrecken und bekam von der Lehrerin einen Schlag mit dem Stock und wehe jemand zog die Hand weg, der wurde zweimal geschlagen. So vergingen einige Tage, Rosi fand keine Freundin, allein stand sie in den Pausen abseits und aß ihr Brot.

 

Keine Woche war vergangen, als nach Schulschluss ihre Oma am Tor stand.  Rosi blickte verwundert. „Deine Mutter ist fort“, sagte Oma, „du kommst mit zu mir.“ „Wo ist sie hin und wann kommt sie wieder“, wollte Rosi wissen? „Das weiß der Himmel“, seufzte ihre Oma und Rosis Magen krampfte sich zusammen. „Bleibe ich dann bei dir“, fragte sie zaghaft?“ Oma schüttelte den Kopf. „Das geht nicht, du weißt doch ich arbeite“, gab sie zur Antwort. „Und was wird dann aus mir“, wollte Rosi leise und traurig wissen? „Das müssen wir uns überlegen“, gab Oma ihr zur Antwort. Die nächsten Stunden vergingen wie in einem bösen Traum. Als ihr Vater und Opa von der Arbeit kamen, berieten sie was mit Rosi geschehen sollte. Vater musste arbeiten, seine Eltern schieden aus, denn die waren katholisch und sie würden kein evangelisches Kind aufziehen. Die beiden Männer fuhren mit Rosi sämtliche Verwandten ab. Keiner war bereit sie aufzunehmen. Alle hatten Ausreden, keine Zeit, kein Geld, zu weiter Schulweg, was nicht alles an Ausreden genannt wurde. Am Abend kamen sie ohne Ergebnis zur Oma heim. Rosi war todmüde und wurde ins Bett gesteckt. Schlafen konnte sie allerdings nicht. Sie wälzte sich sorgenvoll hin und her, was würde nun aus ihr werden? Schließlich stand sie auf und lauschte an der Türe hinter der gerade ihr Schicksal entschieden wurde. „Es bleibt uns keine andere Wahl, wir müssen sie in ein Heim geben“, sagte ihr Vater gerade. „Morgen werde ich mich darum kümmern.“ Rosis Herz setzte aus, das konnten sie doch nicht machen. Sie konnten sie doch nicht einfach abschieben. Die Zeit im Kinderheim an der Nordsee kam ihr in den Sinn, so sollte es nun immer für sie sein? Weglaufen, schoss es ihr durch den Kopf, ich werde einfach abhauen. Und dann? Wie sollte es weitergehen, wo konnte sie hin? Wenn schon die Verwandten sie nicht nehmen wollten würden fremde Leute das erst recht nicht machen. Rosi schlich ins Bett. Dort weinte sie sich in den Schlaf. Von einem Tag auf den anderen war alles in ihrem Leben zerbrochen, sie hatte kein Elternhaus mehr. Endlich weinte sie sich in den Schlaf. Sie merkte nicht wie ihr Opa ihr später als er nach ihr sah übers Haar strich und mitleidig flüsterte: „Armes Hascherl.“

 

An nächsten Morgen legte Oma ihr das Sonntagszeug hin. Blauer Faltenrock und weiße Bluse, dazu weiße Kniestrümpfe und weiße Taftschleifen für ihre Zöpfe. Mechanisch wusch sie sich und kleidetet sich an. Opa nahm sie in seine Arme. „Sei stark“, sagte er. „Es geht dir immer noch besser als manchen Kindern, die keine Eltern mehr haben, am Wochenende holen wir dich heim.“ Rosi nickte stumm, sprechen konnte sie nicht, denn wieder saß der dicke Kloß in ihrem Hals und verschloss ihn. An der Hand ihres Vaters machte sie sich auf den Weg ins Kinderheim. Es lag im nächsten Stadtteil, oben auf einem Hang und war malerisch anzusehen. Rosi allerdings bemerkte nur das große schmiedeeiserne Tor, das sie künftig von der Welt abschnitt. Das Tor das ihr Gefängnis verschloss. Sie senkte den Kopf und wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wird, so führte ihr Vater sie in das Zimmer des Heimdirektors. „Du bist also die Rosi“, fragte er freundlich. Rosi nickte, was ihr einen Tadel des Vaters eintrug. „Man antwortet wenn man gefragt wird“, mahnte der. „Lassen sie nur, Rosi wird schon auftauen unter den anderen Kindern“, sagte der Direktor. „Machen sie sich keine Sorgen, sie ist hier gut aufgehoben.“ Davon war Rosi allerdings nicht überzeugt. Als ihr Vater ihr zum Abschied die Hand reichte warf sie ihre dünnen Arme um ihn. „Lass mich bitte nicht hier“, bat sie unter Tränen. „Rosi bitte sei vernünftig, du bist doch schon ein großes Mädchen“, bat ihr Vater sie. „Ich will aber nicht vernünftig sein und groß bin ich nur wenn es euch in den Kram passt“, entgegnete Rosi heftig und stampfte mit dem Fuß auf. Ihrem Vater war das sehr peinlich. „Bitte verzeihen sie, sie ist erregt“, bat er den Direktor. „Aber natürlich, es wäre besser sie gehen jetzt“, meinte der. Rosis Anblick schnitt ihrem Vater ins Herz, doch energisch wendete er sich zum Gehen. Rosis Lippen waren trotzig aufeinander gepresst. Als die Türe sich hinter ihrem Vater schloss, verfinsterte sich das eben noch freundliche Gesicht des Direktors. „Solch ein Benehmen dulden wir hier nicht, das merke dir gleich für den Anfang“, blaffte er Rosi an. Er betätigte eine Schelle auf seinem Schreibtisch und kurz darauf betrat eine Angestellte das Büro. „Zeigen sie ihr Schlafsaal drei“, wies der Herr Direktor sie an. „Und du räumst deine Sachen in deinen Schrank, aber ordentlich bitte ich mir aus, danach meldest du dich bei deiner Erzieherin Frau Strecker“, befahl er Rosi. Sie schlug die Hacken zusammen und grüßte wie ein Soldat. „Verstanden General.“ Das Gesicht des Direktors lief puterrot an. „Du bist gerade erst einmal einige Minuten hier, aber ich warne dich, gewöhne dir die Faxen ab, oder du wirst es bitter bereuen“, warnte er sie und beugte sich über die Unterlagen auf seinem Schreibtisch.

 

Das Mädchen knickste und bedeutete Rosi ihr zu folgen. „Geht das hier immer so zu“, wollte Rosi wissen? Ängstlich blickte sich das Mädchen um. „Sprich leise. Am Besten du passt dich an, sonst hast du hier einen schweren Stand“, riet sie ihr. Schweigend gingen sie durch die kalten dämmrigen Flure. Rosis Herz lag wie ein Stein in ihrer Brust, sie seufzte. Mitfühlend legte das Mädchen ihr eine Hand auf die Schulter. „Kopf hoch, es wird schon werden“, tröstete sie Rosi. Endlich standen sie vor einer grauen Türe die mit einer Drei gekennzeichnet war. Als sie sich öffnete erstarrte Rosi und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Bett stand da an Bett. Zwölf insgesamt zählte sie. Ihre Hand wurde genommen und das Mädchen führte sie zu einem Bett ziemlich in der Mitte des Raumes. Erschlagen ließ Rosi sich darauf niedersinken. Nie wurde sie allein sein. Nie heulen können wenn ihr danach zu Mute war. Mindestens elf fremde Mädchen würden das bemerken und sie dann hänseln, wie damals in Borkum. Das Mädchen stupste sie an. „Träum nicht, räum deine Sachen ein, der Direktor hat dich eh schon auf dem Kieker, wenn du ihn noch mehr ärgerst bekommst du eine Strafe und die sind hier nicht ohne.“ Das Mädchen zeigte auf eine Nummer am Kopfende des Bettes, es war die sieben. „Such dir den Schrank dazu“, sprach sie, „ich muss nun wieder an meine Arbeit, viel Glück“, wünschte sie und lief hinaus. Widerstrebend legte Rosi ihre Tasche auf das Bett und packte sie aus. An der Wand standen schmale Spinde, die nummeriert waren. Rosi packte ihr Zeug in den mit der Nummer sieben. Das war sie nun, nicht mehr die Rosi, sie war Nummer sieben. Sie fror plötzlich und das nicht nur äußerlich. „Wo bleibst du denn? Hier wird nicht getrödelt.“ Die Türe war aufgerissen worden und eine hagere Person, die ihr dünnes graues Haar zu einem kleinen fest gezwirbelten Knoten im Nacken trug, bellte Rosi an. „Flott flott mein Fräulein.“ „Fräulein Strecker“, fragte Rosi und ein böses Ahnen stieg in ihr auf. Wenn das „Fräulein nur halb so streng war wie es aussah stand ihr einiges bevor. „Wen hast du denn erwartete“, blaffte sie Rosi an. „Etwa ein Empfangskomitee? Nun mach hinne, die dritte Stunde beginnt gleich, mal sehen ob du noch was anderes kannst als aufsässig sein.“ „Aber ich bin doch gar nicht“………“, weiter kam Rosi nicht. „Halt den Mund und komm endlich“, wurde sie angefahren. Mit gesenktem Kopf trottete Rosi nun hinter ihrer Lehrerin her. Trotzig drängte sie die Tränen zurück, die in ihre Augen gestiegen waren. Scheinbar endlos liefen sie durch die grauen alten Gänge, dann öffnete Fräulein Strecker, die vor Rosi herging eine Türe. Geschrei schlug ihnen entgegen und Rosi zuckte zusammen. Eine Hand legte sich wie ein Schraubstock auf ihre Schulter und schob sie in den Raum. Dann stand sie da vor dem Pult und bemerkte wie zwölf Augenpaare sie neugierig musterten, abschätzten. „Ruhe“, brüllte Fräulein Strecker. „Das ist die Neue, Rosi. Setz dich in die erste Reihe neben Gerda“, befahl das Fräulein. „Da hab ich dich im Auge“, warnte sie. Mit gesenktem Kopf schlich Rosi zu ihrem Platz. „Sitz gerade und verschränke die Arme“, forderte Fräulein Strecker. Aus den Augenwinkeln versuchte Rosi einen Blick auf ihre Banknachbarin zu werfen. Gerda war ein schönes Mädchen mit nachtschwarzen Augen und kohlschwarzem Haar. Als Fräulein Strecker sich umdrehte um etwas an die Tafel zu schreiben drehte Gerda blitzschnell ihren Kopf in Rosis Richtung und streckte ihr die Zunge heraus. Während Rosi sie noch verdattert anstarrte hatte sie sich schon wieder zur Tafel gedreht und Fräulein Strecker sah nur Rosi, die ihre Nachbarin verblüfft anstarrte. „Da du ja scheinbar nichts zu tun hast und nicht aufzupassen brauchst komm zur Tafel Rosi und rechne für deine Klassenkameradinnen die Lösung aus“, befahl die Lehrerin. Unter schadenfrohem Gekicher schlich Rosi nach vorne. Als sie die Aufgabe betrachtete atmete sie erleichtert auf. Das hatte sie gelernt. Selbstsicher ergriff sie die Kreide und malte flugs die Lösung hin. Fräulein Strecker lächelte grimmig. „Diesmal hast du Glück gehabt, aber warte nur ab.“ Sie wendete sich zur Klasse und forderte: „Nun sagen wir mal alle wer und was wir sind, Rosi scheint das noch nicht zu wissen. Was seit ihr?“ „Ein Dreck sind wir“, grölte die Klasse und Fräulein Strecker nickte zufrieden. „Was habt ihr“, fragte die Lehrerin weiter? „Nichts haben wir, wir sind arm wie die Kirchenmäuse und das Heim ernährt und kleidet uns“, antwortete die Klasse im Chor. Fräulein Strecker wendete sich an Rosi. „Merke dir das gut, du gehörst nun dazu“, merkte sie an. Rosi schaute aus großen traurigen Augen entsetzt zu ihr auf. „Bei mir stimmt das nicht, ich habe eine Familie“, antwortete sie stolz. „Aha, wo ist sie denn deine Familie“, höhnte die Lehrerin? „Du bist hier bei uns und du wirst dich fügen lernen“, sagte sie. „Sie sind so gemein“, schrie Rosi sie an. „Das werde ich am Wochenende zu Hause erzählen und dann komme ich nie wieder hierher“, drohte Rosi. „So so, zu Hause erzählen wirst du das? Was braucht Rosi Kinder“, wendete sie sich an die Klasse? „Eine Lektion“, kam es nun leise zurück. Die meisten Kinder hatten die Augen gesenkt. Eine Lektion gönnte man niemanden. Fräulein Strecker packte Rosi im Nacken, wie ein Kaninchen. „Loslassen“, zeterte die, sofort loslassen. Die Tränen flossen ihr über die Wangen in hilfloser Wut. „Du brauchst dringend eine Abkühlung mein Kind“, meine Fräulein Strecker und schleifte Rosi in die Dusche. Dort warf sie Rosi in die Badewanne und ließ eiskaltes Wasser einlaufen. Rosi strampelte und schrie, aber die Lehrerin war um einiges stärker als sie. Während das Wasser immer höher stieg, ihren Körper umspülte und ihn gefühllos machte ließen Rosis Kräfte nach. Scheinbar ergab sie sich in ihr Schicksal. Allerdings sammelte sie nur Kraft. Sie schloss die Augen und dann geschah es wieder. Sie wurde zu Tamara, wie sie es bei sich nannte. Als sie die Augen öffnete erschrak Fräulein Strecker. Rosis Augen hatten sich gerichtet und ihr eiskalter Blick traf sie. Rosi fasste nach den Handgelenken der Lehrerin, packte sie wie Schraubstöcke und riss sie zu sich in das eisige Wasser. Dann stand sie seelenruhig auf und ging in ihre Klasse. Wie erschraken die Kinder, als sie Rosi sahen. Sie schien um Längen gewachsen zu sein, tropfnass aber kerzengerade stand sie da. „Der Unterricht ist wohl zu Ende Heute, Fräulein Strecker bekommt gerade ihre Lektion, die sie sicher so schnell nicht wieder vergisst“, teilte sie der Klasse mit. Entsetzt schauten die Kinder Rosi an. „Du traust dich was“, bemerkte Gerda, das hat sich noch keine gewagt, sicher wird das ein schlimmes Nachspiel haben.“ Rosi zuckte die Schultern. „Und wenn schon, das musste mal sein.“ Gleichgültig lief sie in ihrem Schlafsaal, dort zog sie sich um und warf sich dann aufs Bett.

 

Währenddessen war Fräulein Strecker aus der Wanne gekrabbelt und zum Direktor gelaufen. Der konnte sich angesichts des zerrupften Fräuleins zuerst das Lachen nicht verkneifen. Als er dann aber hörte was geschehen war empörte er sich zutiefst. „So etwas darf hier nicht Schule machen. Wenn wir das nicht härtestens Bestrafen, dann tanzen uns die Mädchen bald auf der Nase herum, es wird Zeit ein Exempel zu starten.“ Er nahm das Fräulein an die Hand und lief mit ihr zum Schlafsaal drei. Wie vermutet traf er hier auf das renitente neue Mädchen. Sie saß im Kreis der Anderen und war offensichtlich der Star der Stunde. „Rosi, komm sofort hierher“, herrschte er sie an. Wenn er nun ein ängstlich zitterndes Kind erwartet hatte wurde er enttäuscht. Hoch aufgerichtet stand Rosi vor ihm und sah ihn mit geradem Blick an. „Deine Augen“, begann er. „du schielst ja gar nicht mehr.“ „Wenn ich mich aufregen stehen sie plötzlich gerade“, erklärte Rosi ihm. „Das hatte ich schon einmal in Borkum.“ „Hör auf zu faseln, das interessiert mich überhaupt nicht“, fuhr der Direktor sie an. „Was hast du dir dabei gedacht Fräulein Strecker in die Wanne zu zerren?“ Böse starrte er sie an, wenn er aber gedacht hatte sie einschüchtern zu können, dann hatte er sich hierin getäuscht. Stolz und hoch aufgerichtet erwiderte Rosi seinen Blick. „Mitkommen“, zischte er ihr zu und lief voraus. Achselzuckend folgte Rosi ihm. Wieder ging es durch die langen kalten Gänge. Vor einer großen Eichentüre blieb der Direktor stehen. Er drehte den großen Messingschlüssel und öffnete die Türe. Hinter der Türe herrschte Dunkelheit. „Das ist der Keller, marsch hinein. Hier kommen unartige Mädchen hin, da können sie über ihre Sünden nachdenken. Ach halt, fast hätte ich es vergessen.“ Der Direktor betätigte einen Schalter und aus einer Glühbirne unter der Decke strömte fahles Licht. Er stieg die steile Treppe hinab, unten reckte er sich, schraubte die Birne heraus und steckte sie ein. „Im Dunkeln denkt es sich besser nach“, grinste er böse, schob Rosi auf die Treppe, dann schloss er die Türe. Rosi stand in völliger Finsternis.

 

An der Wand fand sie ein Geländer, daran tastete sie sich hinunter. Unten angekommen setzte sie sich auf die letzte Stufe. Ihr war kalt, sie zitterte am ganzen Körper, aber sie würde nicht schreien. Vielleicht stand der grausame Direktor hinter der Türe und wartete nur darauf. Den Gefallen würde sie ihm nicht tun. Um sich abzulenken zählte sie die Sekunden. Immer sechzig waren eine Minute. Wie lange würde man sie hier lassen? Etwa die ganze Nacht? Das wagten sie sich nicht. Sie würde ja eine Lungenentzündung bekommen hier in der Kälte und dann würde man das Heim zur Rechenschaft ziehen. Wartet nur, am Samstag holt mein Vater mich ab und dann erzähle ich alles daheim, mit diesem Gedanken tröstete sie sich. Die Kälte der Steinstufen hatte ihre Schenkel schon taub gemacht. Rosi stand auf und versuchte herum zu Gehen. Drei Schritte vor, umdrehen und drei zurück. Sie schlug die Arme um sich und hopste auf und ab. Nach einer kurzen Weile setzte sie sich wieder hin, diesmal mit dem Rücken zur Wand. Nach einiger Zeit wich ihre Wut der Verzweiflung. Sie weinte zum Steinerweichen, sie war allein. Wie konnten sie ihr das antun? Ihre Mutter, die sicher im Warmen bei ihrem neuen Freund saß. Ihr Vater, der nun bald von der Arbeit kam und mit seinen Eltern Abendbrot aß. Ihre Großeltern auf der gemütlichen Couch in der Wohnküche. Dachten sie überhaupt noch an  sie? Rosis Schluchzen wurde immer lauter, sie biss sich in die Handballen. Das fehlte gerade noch das man sie oben hörte. Rosi schreckte auf, scheinbar war sie eingenickt. Irgendetwas hatte sie geweckt. Sie hielt den Atem an. Da war es wieder, es raschelte. Ratten schoss es ihr durch den Kopf. In solchen alten Gemäuern hausen sie im Keller. Rosi zog ihrem Pullover aus und wedelte ihn im Halbkreis um sich herum. „Haut ab ihr Viecher, ich bin nichts für euch, ich schmecke überhaupt nicht“, schrie sie in ihrer Angst. Dann überwältigte sie die Verzweiflung. Sie rollte sich zusammen und machte sich so klein sie konnte. Hier ist nichts außer mir, diesen Satz sagte sie sich leise vor, immer und immer wieder, Millionen Mal, Abermillionenmahl. So vergingen Stunden, Rosi war in ihrer eigenen Welt, es interessierte sie nicht mehr, nichts interessierte sie noch. So fanden sie sie am anderen Tage.

 

„Rosi, Rosi, komm rauf.“ Am anderen Morgen war der Direktor in den Keller gegangen um das unartige Mädchen hinaufzuholen. Nichts rührte sich, so blieb ihm nichts anderes übrig, als hinab zu steigen. Am Ende der Stufen stolperte er über Rosi. Er fluchte und drehte die Glühbirne wieder in ihre Fassung. Dann hob er das Kind auf und trug es ins Direktorat. Dort legte er sie auf eine Pritsche, dann rief er Fräulein Strecker. „Sie ist krank, sehen sie nur, was machen wir denn nun? Ich dachte sie bekommt eine Grippe und hat einen Denkzettel, aber sehen sie nur in welchem Zustand sie sich befindet. Wir müssen einen Arzt holen und das schnell, wenn sie stirbt, nicht auszudenken, wie sollen wir das erklären?“ Fräulein Strecker nickte nur zu seinen Worten, dann telefonierte sie mit dem Arzt, der das Heim betreute, der Doktor versprach umgehend zu kommen. Der Direktor trug Rosi in das Krankenzimmer. Als der Arzt Rosi untersuchte, wurde sein Gesicht immer ernster. „Das Kind hat Nervenfieber und seine Lunge rasselt wie verrückt. Wie konnte das geschehen, über was hat sie sich dermaßen aufgeregt“, wollte er vom Direktor wissen? „Oh lieber Herr Doktor, ich weiß es nicht, sie wissen doch wie Kinder sind. Rosi war neu hier, sicher haben die anderen sie geärgert, aber Nervenfieber? Sie ist bestimmt sehr sensibel, das hat man uns nicht gesagt, wir hätten die Kinder dann daraufhin gewiesen. Was geschieht denn nun? Wir tun alles, damit es dem Kind bald wieder besser geht.“ „Am liebsten würde ich sie in eine Klinik bringen lassen, aber ihr Zustand ist so schlecht, ich kann einen Transport nicht verantworten. Sagen sie den Eltern Bescheid. Es steht nicht gut um sie“, sagte der Arzt. Der Direktor verbeugte sich. „Aber natürlich, wir tun alles sie können sich darauf verlassen.“ „Ich komme dreimal am Tag und sehe nach ihr“, verabschiedete sich der Doktor. Als er fort war blickte Fräulein Strecker den Direktor an. „Was erzählen wir denn dem Vater“, wollte sie wissen? Wütend schaute der Direktor sie an. „Nichts natürlich, sind sie verrückt geworden? Soll ich ihm sagen es war eine Strafmaßname die Rosi im diesen Zustand gebracht hat?“ „Aber er kommt bald, bis zum Wochenende ist Rosi niemals gesund“, gab Fräulein Strecker zu bedenken. „Natürlich nicht, sind sie wirklich so blöde? Wir werden ihn abwimmeln“, giftete der Direktor. Beleidigt verließ Fräulein Strecker sein Zimmer.

 

Der Samstag kam und Rosis Vater wurde dem Direktor gemeldet. „Bitte nehmen sie Platz“, bat der höflich. „Ich möchte meine Tochter holen. Sicher wartet sie schon“, meinte Rosis Vater ungeduldig. „Einen Moment bitte“, bat der Direktor. „Rosi ist ein schwieriges Kind, sie hat die ersten Tage fast nur geweint, nun hat sie sich ein wenig gefangen und eine Freundin gefunden, ich halte es nicht für gut sie nun aus dem Kreis zu reißen, in dem sie gerade Fuß zu fassen beginnt“, erklärte er. Rosis Vater dachte nach. „Kann ich sie wenigstens sehen“, fragte er. Der Direktor rang sorgenvoll die Hände. „Wenn sie darauf bestehen natürlich, aber ich würde ihnen dringend davon abraten. Rosi ist so ein sensibles Kind, es würde Stunden dauern bis sie sich beruhigt hat“, gab er zu bedenken. „Nun gut, ich werde nächste Woche wiederkommen, aber dann nehme ich Rosi mit“, bestimmte ihr Vater. „Sicher, sicher“, versicherte der Direktor und geleitete ihn zum Tor.

 

Täglich saß er nun an Rosis Bett und sprach mit ihr. Endlich ließ das Fieber nach und sie erwachte. Als sie den Direktor erblickte versteifte sie sich. „Keine Angst mein Kind“, sprach der nun unerwartet freundlich zu ihr. „Du hast uns einen schönen Schrecken eingejagt.“ Rosi schwieg. Der Direktor seufzte. „Das Schicksal hat uns nun einmal zusammen geführt und irgendwie müssen wir miteinander klarkommen. Deshalb mache ich dir nun einen Vorschlag und du tust gut daran darauf einzugehen. Also höre gut zu. Dein Vater war hier um dich zu besuchen.“ Rosis Herz tat einen Hüpfer. Er hatte sie nicht vergessen, ihr guter alter Papas. „Wenn du mir versprichst ihm nicht zu verraten was hier vorgegangen ist, dann darf er dich besuchen. Wir werden sagen du warst beim Spielen zu leicht gekleidet und hattest eine leichte Lungenentzündung. Solltest du dich allerdings beklagen werde ich alles abstreiten und du darfst raten, wem man glaubt, einem schwer erziehbaren Kind, oder einem seriösen Direktor dieser Anstalt. Danach allerdings wirst du eine Strafe bekommen die sehr hart ausfallen wird, das verspreche ich dir.“ Rosi dachte nach. „Nun“, wollte der Direktor eine Antwort. Rosi seufzte. Wie es aussah hatte sie keine Wahl. Irgendwann einmal dachte sie, werde ich reden und dann bist du dran. Wenn ich erwachsen bin wird man mir zuhören, ich werde meine Mitinsassinnen suchen und wir werden Rache nehmen. „Also gut“, gab sie nach, „ich möchte meinen Vater sehen.“ „Sachte sachte“, dämpfte der Direktor sie, „wenn er am Wochenende kommt werde ich ihm einen Besuch bei dir gestatten, allerdings nur eine Weile, schließlich bist du ja noch sehr geschwächt du armes Kind.“ Er strich ihr übers Haar was Rosi zusammen zucken ließ. Der Direktor merkte es wohl und lächelte, er hatte sie gebrochen, sie würde nichts verraten von den Vorgängen hier im Heim denn sie hatte Angst, seine Stellung war nicht gefährdet. Rosi schloss die Augen, er brauchte den Hass nicht zu sehen der sich in ihnen spiegelte. „Ich bin müde“, sagte sie und der Direktor wendete sich zum Gehen. „Braves, kluges Mädchen“, lobte er bevor die Türe sich hinter ihm schloss. Rosis Augen öffneten sich wieder und sie dachte angestrengt nach welch fürchterliche Rache sie einst nehmen würde, dann schlief sie ein.

 

„Rosi, Rosi wach auf.“ Erschrocken riss sie die Augen auf. Es war stockfinster, wer konnte etwas von ihr wollen hier auf der Krankenstation mitten in der Nacht? Ängstlich schielte sie zur Seite, direkt in Gerdas grinsendes Gesicht, das von einer Taschenlampe erhellt wurde. „Mensch altes Haus, was machst du denn für Geschichten, wir hatten echt Angst um dich.“ „Um mich“ stotterte sie ratlos? „Na klar, am Anfang hielten wir dich für eine von den verwöhnten Ziegen, aber du hast es ihnen gezeigt, denen ging der Arsch ganz schön auf Grundeis.“ Rosi strahlte plötzlich, sie setzte sich auf. „Na ja“, wiegelte sie ab, „es war nicht lustig im dunklen kalten Keller.“ Nun gehörte sie dazu, man erkannte sie an, sie war nicht mehr allein. „Wir sind eine eingeschworene Truppe, wir wissen nun, dass wir dir trauen können, du gehörst nun  zu uns, wenn du magst.“ Heftig nickte Rosi und berichtete von ihren Plänen es ihnen zu zeigen, wenn sie erst erwachsen und dem Heim entronnen war. „Wir sind dabei“, alle waren begeistert, sie würden Rache nehmen, irgendwann. Gerda drückte Rosi eine Bockwurst in die Hand. „Habe ich für dich beim Mittagessen organisiert, damit du schnell wieder zu Kräften kommst, die Krankenkost ist bestimmt mächtig fad.“ Rosi strahlte und biss herzhaft hinein. „Das war gut“, seufzte sie schließlich. „Mensch ist das schön Freunde zu haben.  „Machs gut und halt die Ohren steif, damit du bald hier raus kommst. Wir müssen nun in die Heia, wenn wir morgen nicht aus den Federn kommen hagelt es wieder Strafe.“ „Schlaft schön“, rief Rosi ihnen leise hinterher als sie davonschlichen und dann ließ sie sich glücklich in ihre Kissen zurückfallen.

 

Rosis Genesung machte nun rasche Fortschritte und so konnte am folgenden Wochenende ihr Vater sein Töchterchen endlich in seine Arme schließen. Einen Moment lang war Rosi versucht von ihrem Martyrium zu berichten, aber ein warnender Blick des Direktors verschloss ihren Mund. Die Besuchstunde verging viel zu schnell, aber nun hatte Rosi einen Grund sich auf das nächste Wochenende zu freuen. Rosi lernte in den folgenden Jahren sich anzupassen. Sie verbarg ihre Gefühle gut. War sie einst ein unkompliziertes Kind gewesen entwickelte sie nun eine gewisse Verschlagenheit. Einzig in ihrem Freundeskreis ließ sie ihre Maske fallen, die Kinder trösteten sich in ihrem grauen Alltag mit ihren Racheplänen, der Gedanke daran ließ sie die diversen Strafen die sie alle von Zeit zu Zeit zu erdulden hatten ertragen. Jeden Montag trafen sie sich um Mitternacht an Gerdas Bett und dort berichteten sie sich ihre Geschichten, vielfältig waren die Gründe warum sie hier gestrandet waren. Gerda war ein „echtes“ Waisenkind, man hatte sie hier vor die Türe gelegt. Im Gegensatz zu ihr hatte Rosi in ihrer behüteten Kindheit wenigstens ein Familienleben kennen gelernt. Mit der Zeit avancierte Rosi an Gerdas Seite zur Anführerin. Sie konnte nun Tamara ohne Probleme beschwören, wenn sie sich in ihre Hasstiraden hineinsteigerte. Die Kinder hingen gebannt an ihren Lippen, wenn sie ihnen ausmalte welch fürchterliche Rache sie einst an ihren Peinigern nehmen würden. Kurzum Rosi entwickelte durch ihre Lebensumstände eine echte Schizophrenie. Es gab nun Rosi, das mitfühlende schüchterne sich nach Liebe und Geborgenheit sehnende Mädchen und es gab Tamara, die Rachesuchende deren Ziele es war Menschen zu strafen die Unrecht begangen hatten. Nur selten kam Rosi noch zu Wort, wie zum Beispiel als die kleine Liliane eingeliefert wurde. Ihre Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Liliane war gerade sechs Jahre alt geworden, im gleichen Alter als Rosis Welt in Stücke gebrochen war. Nächte lang saß Rosi am Bett der leise weinenden Liliane und tröstete sie. Lilianes Kummer wurde schließlich weniger und Rosi hatte eine treue Gefährtin mehr. Liliane hätte sich vierteilen lassen für sie. Von den nächtlichen Treffen allerdings wusste sie nichts, daran nahmen nur die älteren Mädchen teil. Einmal hatte der Direktor Rosi noch bestraft, als sie beim Tischdienst einen Stapel Teller fallen ließ. „Ich muss das tun, das siehst du doch sicher ein“, hatte er sich fast entschuldigt und Rosi hatte gleichgültig dazu genickt. Der Direktor atmete auf, dieses Mädchen war ihm unheimlich, in anderen Gesichtern konnte er lesen, aber bei Rosi war es als trüge sie eine Maske hinter der sich alles verbergen konnte. Kurz er hatte Angst vor ihr und Rosi merkte das.

 

Die Jahre waren dahingeeilt und plötzlich wurde Rosi vierzehn Jahre alt. Sie musste nun einen Beruf erlernen. „Was möchtest du gerne machen“, fragte der Direktor? Rosi zuckte gleichgültig die Schultern. Als sie sah wie sich die Mine des Direktors verfinsterte riss sie sich jedoch zusammen. Immerhin kam sie dann für einige Stunden hier heraus, das sollte sie nutzen. „Vielleicht kann ich Verkäuferin werden“, überlegte sie laut. „Mode interessiert mich, ich möchte mich in einem Textilgeschäft bewerben“ Der Direktor strahlte und reichte ihr die Hand. „Das ist eine ausgezeichnete Idee“, lobte er. So bekam Rosi Ausgang und bewarb sich in einem kleinen Lädchen. Ihr höfliches und bescheidenes Auftreten kam bei der dortigen Chefin sehr gut an und sie bekam den von ihr begehrten Lehrvertrag.

Gerda begann zur gleichen Zeit eine Schneiderlehre.

 

So begann für Rosi ein neues Leben. Von ihrem Vater hatte sie sich in den Jahren langsam aber sicher distanziert, sie konnte nicht verstehen, dass er nicht mehr für sie gekämpft hatte. Früher hatte sie gehofft, das Heim sei eine Übergangslösung und irgendwann würde er sich eine kleine Wohnung für sie Beide suchen. Während er dann arbeitete hätte sie nach der Schule den Haushalt versorgt und sie wären wieder eine kleine Familie gewesen, aber die Jahre vergingen und wie es schien hatte sich ihr alter Herr mit der Situation arrangiert, seine Besuche waren seltener geworden und so hatten sie sich entfremdet. Schmerzhaft hatte Rosi lernen müssen das der einzige Mensch auf den sie sich verlassen konnte sie selbst war. Im Frühjahr begann nun ihre Lehre und in froher Erwartung ließ sie nun am ersten Arbeitsmorgen das große Eisentor allein hinter sich, bisher hatte sie nur Ausgang in der Gruppe und unter Aufsicht gehabt. Sorgfältig hatte sie sich am Morgen hergerichtet und das Auge ihrer Chefin ruhte wohlgefällig auf ihr. Sie bemühte sich sehr, merkte sich was man ihr sagte, denn diese Lehre war ihr Sprungbrett ins Leben. Der erste Vormittag verging unglaublich schnell, so viele neue Eindrücke waren auf sie eingestürmt und plötzlich hatte sie Mittagspause. „Wie verbringst du sie“, fragte ihr Mitlehrling Inga? Inga war eine Schönheit und ein Jahr älter als Rosi. „Willst du mit zu mir nach Hause kommen“, bot sie ihr an? Denn sie wusste, dass Rosi aus dem Heim stammte und hatte Mitleid mit ihr. „Bitte sei mir nicht bös, es ist ein liebes Angebot, aber ich möchte meinen ersten Tag in der Freiheit genießen, ich werde durch das Dorf schlendern und mich auf der Brehminsel in die Sonne setzen.“ Winkend schlenderte Rosi von dannen.

 

Als sie an einem Lebensmittel Geschäft vorbeikam bemerkte sie ihren knurrenden Magen. Die Aufregungen des Tages hatten ihr Hungergefühl bis jetzt unterdrückt, nun aber spürte sie ein fast schmerzhaftes Ziehen in der Magengegend. Sie zog ihre Geldbörse aus der Tasche und zählte ihre Barschaft. Eine Mark und zwanzig Pfennige betrug sie. Dafür würde sie sicher etwas bekommen was ihren Magen füllte, sie war ja nicht anspruchsvoll. Ein Pommes kostete sechzig Pfennig, da blieb noch etwas für einen kleinen Nachtisch über. Entschlossen betrat sie den Markt und schaute sich das Obstsortiment an. Sollte sie einen Apfel, oder lieber eine Banane wählen? Sie bemerkte nicht, dass sie beobachtet wurde. Der Obstverkäufer schätzte sie gerade ein. Ihm gefiel was er sah. Rosi war nicht mehr das hässliche Entlein, eine Schönheit war sie zwar nicht geworden, aber ihre Augen standen nun meist gerade und sie war schlank und hoch gewachsen. Was ihm allerdings am besten gefiel war der unverkennbare Hauch von Naivität, der sie umgab, da würde er leichtes Spiel haben. „Kann ich ihnen helfen“, sprach er Rosi an? Die fuhr zusammen, sie war völlig in Gedanken versunken gewesen. „Was kostet ein Apfel“, antwortete sie und schämte sich im gleichen Augenblick, was würde er nur von ihr denken? „Wissen sie, ich habe Mittagspause und wollte mir zum Nachtisch einen Apfel, oder eine Banane kaufen“, erklärte sie ihm. Udo lächelte. Er reichte ihr einen Apfel. Zehn Pfennig kostet dieser, wie bei Adam und Eva, allerdings umgekehrt“, bemerkte er. Rosi merkte entsetzt wie ihr heiß würde. Ach du liebe Zeit, sie errötete wie eine dumme Gans. „Danke“, sagte sie so gelassen wie möglich und wendete sich dem Weg zur Kasse zu. „Warten sie.“ Udo reichte ihr eine Banane. „Die ist schon ein wenig weich, ich kann sie nicht mehr verkaufen, ein Geschenk des Hauses, beehren sie uns bald wieder“, erklärte er und Rosi merkte wie sie wieder errötete. „Calcium gibt Kraft“, rief er ihr noch hinter her. „Bitte kommen sie bald wieder.“ Rosi flüchtete schnell zur Kasse. Sie war ja völlig unerfahren und der Mann hatte sie aus dem Konzept gebracht. Udo grinste, sie würde wieder kommen, schon morgen darauf konnte er wetten. Am Wochenende würde er sich mit ihr treffen und dann, mal sehen wie weit er bei ihr kam. Als Rosi die rettende Straße erreicht hatte war sie völlig aus dem Häuschen. Ihr erster Tag und sie ließ sich gleich so verunsichern, das musste aufhören, aber der Mann war eigentlich sehr nett. Ob das Schicksal ihn geschickt hatte um ihr Leben endlich in die richtige Bahn zu lenken? Hochzeit? Kinder? Du bist völlig verrückt wies sie sich selbst zurecht. Wohin verstieg sie sich da, sie lernte einen Mann kennen und nach zehn Minuten dachte sie ans Heiraten. Schluss damit, eins nach dem Anderen, nun würde sie sich ein Pommes holen und das auf der Brehminsel verzehren, danach den Apfel, dann konnte sie gestärkt um fünfzehn Uhr wieder ihren Dienst wieder beginnen. Aber Morgen, der Gedanke ließ sie lächeln, sie würde nun öfter Obst essen, Morgen würde sie sich wieder etwas holen. Obst war schließlich gesund, das wusste jeder.

 

Als sie am anderen Tag erneut das Geschäft betrat lächelte Udo ihr entgegen. Hatte er es doch gewusst, das lief ja wie geschmiert. „Was können sie mir heute als Vitaminreichen Nachtisch empfehlen?“ Rosi hatte sich den Satz zu Recht gelegt und kam sich sehr erwachsen, fast weltgewandt vor. Udo reichte ihr einige Erdbeeren. „Die habe ich schon für sie bereitgestellt, es sind die ersten, die schmecken köstlich.“ Rosi erschrak, ihre Barschaft war nicht üppig, hoffentlich konnte sie die bezahlen. Udo winkte ab und zeigte auf den Bon, der an der Tüte befestigt war. „Habe ich schon erledigt“, klärte er sie auf. „Bitte nehmen sie den kleinen Beitrag von mir zu ihrer Ernährung an“, dabei lächelte er umwerfend. „Aber das geht doch nicht“, protestierte Rosi. Udo schaute ihr tief in die Augen. „Wenn sie sich revanchieren wollen, dann gehen sie am Samstag mit mir aus“, bat er. Rosi erschrak, sie würde erst fragen müssen ob sie Ausgang bekam. „Sind ihre Eltern so streng“, fragte er und bemühte sich um einen mitfühlenden Ton? Rosi nickte erleichtert. „Ich werde sie fragen und gebe ihnen morgen Bescheid, vielen Dank für die Erdbeeren und auf Wiedersehen“, verabschiedete sie sich. „Bis Morgen“, rief Udo ihr nach. Das klappte ja prima, so ein Gänschen bekam er sicher leicht herum. Pfeifend ging er wieder an seine Arbeit.

 

Rosi ging wie auf Wolken, Sie hatte einen Verehrer. War das aufregend. Nun war sie nicht mehr allein hier draußen in der Welt, fortan hatte sie einen Freund, der sie beschützen würde. Viel zu langsam verging die Zeit bis zum Wochenende. Rosi hatte Ausgang bekommen. Ihre Freundinnen wunderten sich, weil sie oft so Geistesabwesend war. Gerda bemerkte schließlich den Grund. „Sag mal, hast du dich etwa verliebt“, fragte sie geradeheraus? Verlegen wendete Rosi sich ab. „Und wenn schon“, entgegnete sie patzig. Gerda lachte. „Nun spiel mal nicht die Mimose, ich hoffe du weißt was du tust.“ „Neidisch“, fragte Rosi zurück? „Quatsch“, entgegnete Gerda und dann zog sie Rosi in eine Ecke. „Pass bloß auf, bald sind wir erwachsen, dann machen wir hier eh die Fliege. Lass dir kein Kind andrehen, dann bist du wieder angebunden.“ „Und wenn es das ist was ich möchte“, Rosi blickte Gerda gerade in die Augen. „Ein Kind“, fragte Gerda fassungslos?“ „Genau, ein Kind“, entgegnete Rosi trotzig. „So ein kleines Wesen, dem ich alle meine Liebe geben kann. Liebe die für mich keiner hatte, das zu mir gehört und mich braucht.“ Gerda war entsetzt. Rosi hatte sich schon längst entschieden, da war nichts zu machen, aber wenn es das war was die Freundin glücklich machte sollte sie ihren Weg gehen, Gerda hoffte nur das sie nicht auf einen Hallodri hereinfiel. „Was hältst du davon, wenn ich mir deinen Supermann einmal anschaue“, schlug sie Rosi vor. „Wir könnten sagen wir wollen ins Kino“, bot sie an. Rosi überlegte kurz, sie war so begeistert und stolz einen Freund zu haben das sie gern zustimmte. Gerda würde staunen wenn sie Udo sah. Er war kein kleiner Junge mehr, sondern schon ein Mann. Gerda beobachtete die Freundin und war entschlossen dem Kerl auf den Zahn zu fühlen. So war es eine beschlossene Sache und am Samstag zogen sie Arm in Arm los.

 

Ach du grüne Neune, dachte Udo als er Rosi mit Gerda kommen sah. Nun schleppte sie gar einen Anstandswauwau mit, also nichts mit Spaß heute, es sei denn sie würden sie los. Da er aber an Rosi interessiert war beschloss er gute Mine zum bösen Spiel zu machen und setzte sein strahlendstes Lächeln auf. Rosi platzte fast vor Stolz, heute trug  Udo einen Anzug mit Hemd und Krawatte. Wenn er sich so viel Mühe gab, dann musste ihm doch etwas an ihr liegen. Udo ging auf die beiden Mädchen zu und reichte ihnen die Hände. „Guten Tag die Damen“, begrüßte er sie höflich. „Hast du das Fräulein Schwester mitgebracht“, wendete er sich an Rosi? „Nein“, lachte diese, „das ist meine beste Freundin Gerda.“ Udo reichte beiden die Hand und deutete einen Diener an. Rosi war entzückt, Gerda skeptisch. Der trug entschieden zu dick auf, wenn das nur gut ging. „Darf ich die Damen auf einen Kaffee einladen“, schlug Udo vor? Er führte sie in ein Kaffee. Nachdem sie ihre Bestellungen aufgegeben hatten begann Gerda Udo auszufragen, nach seinem Wohnort und seiner familiären Situation und obwohl ihn das gewaltig nervte gab Udo brav Auskunft. Rosi indessen war das langsam peinlich und so stoppte sie bald Gerdas Redefluss. „Wir müssen heim“, ermahnte sie, indem sie auf die Uhr schaute. Sie verabschiedeten sich und sobald sie außer Sichtweite waren schimpfte Rosi los. „Was ist denn nur in dich gefahren? Das war vielleicht peinlich.“ „Nun mal sachte, ich wollte dem Burschen nur ein wenig auf den Zahn fühlen, ich mache mir Sorgen um dich.“ „Das ist völlig unnötig, wie du nun sicher weißt“, entgegnete Rosi wütend und verstimmt machten sie sich auf den Heimweg. Das ist das erste und letzte Mal das ich Gerda mitgenommen habe schwor sich Rosi. Gerda indes machte sich Sorgen um ihre Freundin, sie war die bessere Menschenkennerin, sie war davon überzeugt das der Typ es nicht ehrlich mit Rosi meinte, aber wie sollte sie die sich ihrer Meinung nach anbahnende Katastrophe verhindern ohne das Rosi sie für neidisch hielt?

 

 

Am nächsten Mittag besuchte Rosi Udo wieder in seiner Filiale. „Ich glaube ich muss mich für meine Freundin entschuldigen“, sagte sie, „ich weiß gar nicht was in sie gefahren ist.“ „Ich schon“, erwiderte Udo. „Sie ist neidisch, weil du einen Freund hast und sie nicht. Treffen wir uns am nächsten Samstag wieder, aber diesmal allein“, fragte er lächelnd? Rosi atmete auf, er trug ihr den durch Gerda verdorbenen Tag offensichtlich nicht nach. „Sehr gerne“, entgegnete sie strahlend. Sie verabredeten sich auf der Brehminsel. Es wurde ein wunderschöner Tag. Langsam spazierten sie über die alten schönen Wege und sprachen dabei über Gott und die Welt. Als es dämmerte wollte Rosi sich verabschieden, doch Udo sprach: „Selbstverständlich bringe ich dich heim, du bist ja nun meine Freundin und auf die gebe ich acht. Ein junges Mädchen am Abend allein auf der Straße, da kann soviel geschehen.“ Zuerst erschrak Rosi, aber dann fasste sie sich ein Herz und berichtete, dass sie ein Heim Mädchen sei. Voller geheucheltem Mitgefühl sah Udo sie an. Das war ja prima, ein Heimkind auf der Suche nach Liebe, nun die würde er ihr geben. „Dann zeig mir mal wo du daheim bist, damit ich dich sicher dorthin geleiten kann“, bat er. Als das Tor in Sichtweite kam nahm er Rosi in seine Arme. Hier werde ich dich gehen lassen, ich möchte dich nicht ins Gerede bringen, sehen wir uns morgen wieder?“ Rosi nickte. Wie einfühlsam er doch war, sie hatte ihr Glück gemacht, davon war sie überzeugt. Udo beugte sich über sie und hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Lippen. Obwohl die Gier in ihm brannte würde er keinen Fehler machen und sie verschrecken. „Ich danke dir für diesen herrlichen Tag“, flüsterte er in ihr Ohr. „Nun geh, ich warte hier bis sich das Tor hinter dir geschlossen hat.“ Wie auf Wolken ging Rosi hinein. Nachdem sie das Tor schloss winkte sie verstolen in Udos Richtung. Gerda sah sie glücklich in sich hinein lächeln und wusste sie konnte sich ihre Warnungen sparen, die Freundin würde nicht auf sie hören. Sei seufzte, man musste den Dingen ihren Lauf lassen.

 

Rosi hatte nun wenig Zeit für ihre alten Freunde. Udo füllte ihr Leben aus. Sie nahm nicht mehr an den Treffen teil, ihre Rachepläne waren vergessen, sie war glücklich, sollte die Vergangenheit ruhen. Udo hingegen verfolgte sein Ziel, jedes Mal wenn sie sich trafen ging er ein Stück weiter. Dann kam der Tag als er mit seinem Auto in einen Waldweg fuhr. „Rosi ich bin kein kleiner Junge mehr, sondern ein Mann, ich will und kann nicht mehr länger warten, ich hoffe sehr du liebst mich genug und beweißt es mir.“ Rosi hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Augen zu und durch sagte sie sich, vielleicht wird es sogar schön. Jedenfalls war sie dann eine vollwertige Frau. Von da an endete jedes Treffen mit „Liebe“. So vergingen zwei Jahre. Es kam wie es kommen musste, eines Tages blieb Rosis Regel aus. Sie war schwanger, wie ihr ein Test den sie sich in der Apotheke besorgt hatte bestätigte. Gerda war es die die totenbleiche Rosi in Gedanken versunken im Bad fand. „Was ist los“, fragte sie und nahm sie behutsam in ihre Arme? „Schwanger?“ Rosi nickte nur. „Was soll nun werden?“ „Was bei allen Leuten in dieser Situation wird, du heiratest“, antwortete sie betont forsch und drückte Rosi einen Kuss auf die Stirne. „Und wenn er nicht will“, wollte diese verzagt wissen? „Na das soll er sich mal trauen, dann bekommt er es mit der Heimgang zu tun“, drohte Gerda so drollig, das Rosi trotz des Elendes lachen musste.

 

Am nächsten Tag stand sie dann mit weichen Knien in der Obstabteilung und flüsterte Udo zu: „Kannst du Pause machen? Wir müssen reden.“ Udo nickte. „Geh schon raus, ich komme gleich nach“, antwortete er. Schweigend liefen sie ein Stück nebeneinander her, dann platzte es aus Rosi heraus. Udo nahm sie in seine Arme und streichelte behutsam ihren Rücken. „Das ist doch nicht schlimm, wir sind doch nun schon eine ganze Weile zusammen, du bist nun siebzehn Jahre alt und hast eine abgeschlossene Lehre, wir heiraten, das hätten wir doch ohnehin bald gemacht.“ Rosi atmete auf. Nun war alles gut, Udo war nicht sauer. Sie konnte sich beruhigt auf ihre kleine Familie freuen. Was Rosi nicht wusste Udo hatte Schulden, das Wasser stand ihm bis zum Hals, wenn er seinen Gläubigern nun eine junge Frau und ein kleines Kind präsentierte, dann hielten die sicher eine Weile still. Nach der Geburt konnte Rosi dann für ihn arbeiten, dann würde das Leben erst richtig gut, bisher hatte ihn nur seine Mutter mit ihrem knappen Gehalt unterstützt. Mit Feuereifer stürzten sich Beide nun in die Hochzeitsvorbereitungen. Schnell sollte es gehen, damit man Rosi die Schwangerschaft noch nicht ansah. Udo hatte eine kleine Wohnung im Dachgeschoß eines alten Hauses gefunden. Klein, aber mein dachte Rosi als sie sie das erste Mal sah. Es war eine Menge zu tun. Dicke Lagen von alten Tapeten waren übereinander gepappt worden und sie schruppten sie mühsam von den Wänden. Den Boden bedeckten etliche Lagen von altem Linoleum den Rosi in kleine Stücke riss und dann entsorgte. Tagelang schufteten sie und endlich war die Wohnung sauber mit Rauchfaser  tapeziert und der alte Holzfußboden glänzte. Der Hochzeitstermin war mittlerweile fast herangekommen und Rosi hatte nichts vorbereiten können. So saß sie dann am Abend ein wenig traurig auf ihrem Bett im Schlafsaal drei. Gerda kam zu ihr und nahm sie in den Arm. „Wo drückt denn der Schuh“, wollte sie wissen? Rosi seufzte. „Ach weißt du“, begann sie traurig, „eigentlich sollte ich total glücklich sein, ich komme hier raus, werde meine eigene kleine Familie haben und trotzdem……..“ „Was trotzdem“, hakte Gerda nach. Wieder seufzte Rosi. „Ich bin ein dummes Huhn.“ „Nun aber raus mit der Sprache“, Gerda ließ nicht locker. „Ich habe mir meine Hochzeit eigentlich anders vorgestellt“, sprudelte es aus ihr heraus. Fragend blickte Gerda sie an. „So mit Brautkleid und so. Ach was mein Kostüm tut es auch.“ „Lass uns doch wenigstens ein wenig träumen“, schlug Gerda vor, wie hätte es denn ausgesehen, dein Traumkleid?“ Rosi schloss die Augen. „Ich sehe es genau vor mir, das Unterkleid besteht aus cremefarbenem Satin, darüber fallen Kaskaden von bogenförmiger Spitze. Die Ärmel sind nicht unterlegt, man kann durch die Spitze hindurchschauen und sie liegen eng an, Das Bündchen wird mit einem Perlenknopf geschlossen. So nun aber Schluss damit, in einer Woche heirate ich, ich sollte froh und glücklich sein und stattdessen flenne ich hier über ein nicht vorhandenes Kleid.“ Nun war es Rosi die Gerda an sich drückte, deshalb sah sie auch deren Lächeln nicht. „In einem Jahr sind wir alle achtzehn Jahre alt und kommen hier raus. Bitte kommt dann sofort zu mir und gebt mir eure Adressen, damit unser Kontakt nicht abreißt.“ „Versprochen“, antwortete Gerda „und nun ab mit dir ins Bett, dicke schwarze Augenringe stehen keiner Braut.“ Rosi lachte und schlüpfte unter ihre Decke, „ich bin ja schon brav“, sagte sie noch und schlief sofort ein. Deshalb bemerkte sie auch nicht, dass Gerda kurze Zeit später wieder aufstand und die Mädchen zusammen trommelte. Die letzte Woche verflog unglaublich schnell und dann war er da der Hochzeitsmorgen. Verschlafen rieb Rosi ihre Augen und blickte sich erstaunt um. Der Schlafsaal war leer. Was hatte das zu bedeuten, wo waren sie alle? Die Türe öffnete sich einen Spalt und Gerdas Wuschelkopf schaute hinein. „Sie ist wach Kinder, es kann losgehen. Ta ta ta ta“, summte sie den Hochzeitsmarsch und stapfte mit steifen Schritten zu Gerdas Bett. Über ihren ausgestreckten Armen lag es, ein Traum von einem Kleid. Ganz genauso wie Rosi es beschrieben hatte. „Raus aus den Federn, wir haben noch jede Menge zu tun“, kommandierte sie. Rosi zwinkerte, das konnte doch nur ein Traum sein. „Willst du nicht endlich dein Traumkleid anprobieren“, schimpfte Gerda? „Daran habe ich schließlich eine Woche wie eine Wilde genäht und das nur nach Vorlage deines alten Kleides.“ Wie ein Blitz stürmte Rosi nun aus dem Bett und umarmte die Freundin. „Wirst du wohl stillhalten, du zerknitterst es ja“, schimpfte diese erneut und dann stand Rosi stocksteif als Gerda ihr das Kleid überstreifte. Es passte wie angegossen. „Na bitte, ich will mich ja nicht selbst loben, aber darin kannst du dich sehen lassen.“ Gerda drehte Rosi um ihre eigene Achse. „Gerda“ setzte Rosi an, doch die winkte ab. „Keine Zeit es ist noch viel zu tun. Das Kleid muss ich später noch einmal haben, denn es ist mein Gesellenstück, nach der Beurteilung bekommst du es endgültig. Du siehst ich hatte auch etwas davon, du hast das Kleid in deinem Gehirn entworfen und ich habe es nur genäht.“ Nun stürmten die anderen Mädchen hinein. „Kleid aus“, kommandierte Ilse, die eine Friseurlehre machte, sie war bewaffnet mit Wicklern, Haarnadeln und allem was man braucht um eine festliche Frisur zu zaubern. Sie zog und zupfte, drehte und toupierte und am Ende trug Rosi eine zauberhafte Hochsteckfrisur. „Sandra, du bist dran“, rief sie danach. Sandra hatte eine Lehre in einer Gärtnerei begonnen und hielt einige zauberhafte Moosröschen bereit. „Röschen für Rosi“, rief sie und verteilte sie in Rosis Haarpracht. Dann eilte sie noch einmal hinaus und kam mit einem zauberhaft dazu passenden Brautstrauß wieder. Gabi hielt Brautunterwäsche bereit. „Die hat auf meine Bitte hin deine Chefin gesponsert“, sagte sie und hielt Rosi eine Korsage und weiße Strümpfe hin. Rosi eilte ins Bad, duschte vorsichtig um die Frisur nicht zu gefährden, putzte ihre Zähne und schlüpfte schließlich in die Unterwäsche. Als sie sich dann im Spiegel betrachtete kamen die Tränen, sie war bisher wie erstarrt gewesen und hatte alles wie im Traum über sich ergehen lassen, aber nun heulte sie los. „Bist du fertig“, fragte Gerda nach, um dann einen empörten Schrei loszulassen. „Nicht heulen, rote Augen sind das Letzte.“ Da musste Rosi lachen. „Schon besser“, behauptete Gerda und zog sie mit sich. Vorsichtig schlüpfte Rosi in das Kleid. Dann hielt Gaby ihr ein paar cremefarbene Satinschuhe hin. Gaby arbeitete in einem Schuhgeschäft. „Mit ganz lieben Gruß und den besten Wünschen von meinet Chefin“, richtete sie aus. Rosi jubelte. „Ihr seit das Beste das einem Mädchen passieren kann“, jauchzte sie. „Wir sind noch nicht fertig“, stoppte Gerda ihren Ausbruch. „Ja was denn noch“, wunderte sich Rosi? „So nun wollen wir mal sehen. Das Kleid ist was Neues. Nun brauchst du noch was Altes, sie steckte ein altes Taschentuch von sich unter dem Gelächter der Mädchen in den Brautbeutel. Etwas Geborgtes“, mit diesen Worten gab sie Rosi die Granatkette ihrer lange verstorbenen Mutter, „die leihe ich dir.“ Rosi wollte protestieren, aber Gerda hielt ihr den Mund zu. „Keine Zeit für lange Reden“, behauptete sie. „Was blaues Kinder, wer hat was Blaues?“ Nun war guter Rat teuer. Gaby zog schließlich ein blaues Seidenband aus ihrer Tasche und band es um Rosis Arm. „Wir müssen improvisieren“, sagte sie. Da klopfte es zaghaft, fast hätten die Mädchen es überhört. „Ja bitte“, rief Rosi. Die Türe ging auf und Liliane streckte ihren Kopf herein. Sie war mittlerweile zehn Jahre alt und schlief im Schlafsaal zwei. Sie hielt Rosi ein blaues Strumpfband hin. „Brauchst du das“, fragte sie? Dann hielt sie inne und betrachtete die ältere Freundin verzückt. „Bist du schön“, hauchte sie. „Mädchen du bist ne Wucht in Tüten“, behauptete Gerda, entfernte das Band von Rosis Handgelenk und zog das Strumpfband über ihr Bein. Aus einer Schachtel, die bisher unbeachtet auf einem der Betten gelegen hatte zauberte sie nun einen Schleier hervor aus hauchfeiner Spitze, dessen Saum auch die Kaskadenförmige Spitze des Kleides säumte. „Sie schob Rosi in die Mitte des Raumes. „Lass mal sehen. Ja ich denke so kannst du bleiben“, behauptete sie. Jutta kam nun mit einem Fotoapparat hinzu. „So, aufstellen Mädels, nun gibt es ein Abschiedsfoto, mein Chef hat mir Filme gesponsert, ich bin heute die Fotografin, damit Rosi auch eine bleibende Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag besitzt. Liliane stand schüchtern etwas abseits, Gerda zog sie in die Mitte und schob sie neben Rosi. Dann klickte der Apparat mehrfach und Jutta schoss etliche Aufnahmen von den Mädels.  Rosi erlebte diesen Tag wie im Traum, einem Traum den ihre Freundinnen für sie wahr gemacht hatten, sie würde ihnen das nie vergessen schwor sie sich.

 

Udo wartete schon beim Standesamt. Rosis Vater holte die Mädchen ab, einige fuhren im Wagten des Heimdirektor mit der natürlich an der Feier teilnahm. „Hör mal Rosi“, begann ihr Vater unterwegs, „Ich werde nicht lange bleiben können. Weißt du ich habe eine neue Frau und die ist schwanger. Deine Mutter hat mich damals sehr enttäuscht, ich will mich nicht mehr an mein altes Leben erinnern, sondern nur noch nach vorn schauen. Du bist nun erwachsen, ich hoffe du verstehst das?“ Gerda saß neben Rosi im Fond und drückte nun die Hand der Freundin. Rosi brachte es fertig zu lächeln. „Sicher, geh nur du hast dich ja schon lange zurückgezogen“, antwortete sie bitter. Rosis Vater atmete auf. Als Udo die Gesellschaft kommen sah bekam er große Augen. Das war seine Rosi? Eine wunderschöne Braut entstieg dem Auto und lächelte ihm zu. An Udos Seite stand eine alte verhärmt aussehende kleine Frau. Herzlich umarmte Rosi ihre zukünftige Schwiegermutter, dann gingen sie hinein. Der Standesbeamte hielt eine kurze trockene Rede, dann war es vorbei, Rosi war nun Udos Frau. Warum nur fühlte sie sich schlecht? Es war wie eine Ahnung drohenden Unheils das über ihr hing. Sie schob die dunklen Gedanken beiseite und beschloss den Tag zu genießen. Es war ihr Hochzeitstag, der schönste Tag im Leben einer Frau. Als ihr Vater sie in die Kirche führen wollte schob sie ihn zur Seite. „Du hast selbst gesagt, ich bin erwachsen, keine faulen Kompromisse mehr. Unsere Wege trennen sich hier und jetzt auf deinen Wunsch hin. Alles Gute wünsche ich dir für dein neues Leben.“ Verabschiedend streckte sie ihm die Hand hin. „Aber ich kann doch noch“……….“, begann er. „Danke nicht nötig“, antwortete Rosi kalt und griff nach Gerdas Arm. „Begleitest du mich hinein? Du bedeutest mir mehr, als meine Eltern, die für mich nicht viel mehr getan haben als mich in diese Welt zu setzen.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und lief an Gerdas Seite gemessenen Schrittes auf den Altar zu. Nachdem ihr Vater ihr hilflos hinterher geschaut hatte stieg er in seinen Wagen und fuhr davon.

 

Nach der Trauung von der die im Inneren zutiefst aufgewühlte Rosi herzlich wenig mitbekam fuhr der Direktor sie in zwei Fahrten in ein Kaffee, wo sie ein Sektfrühstück zu sich nahmen. Schließlich brachte er die Mädchen zurück ins Heim, einzig Gerda begleitete die Eheleute und Udos Mutter in ihre neue Wohnung. „Du hast richtig gehandelt“, sagte sie später in einem stillen Moment zu ihrer Freundin. „Du hast gezeigt, dass du erwachsen bist und dein Leben meisterst. Dein Vater war ohnehin nie richtig für dich da. Weißt du noch, damals als du so krank warst? Hättest du dich abwimmeln lassen? Hättest du nicht alles daran gesetzt dein Kind aus dem Heim zu dir zu holen?“ Rosi nickte und streichelte unbewusst ihren Bauch. Sie würde ihr Kind schützen, wehe dem der es wagte ihm Leid zuzufügen. Sie saßen noch eine Weile beisammen, dann brachte Udo seine Mutter heim und bot Gerda an sie mitzunehmen und ins Heim zu bringen was diese gerne annahm. Rosi gab ihr das Kleid zurück, dann umarmte sie die Freundin. „Was du für mich getan……..“, begann sie. „Stopp“, forderte Gerda. „Wir sind Freunde, da ist das normal.“ „Das ist es ganz sicher nicht“, widersprach Rosi. „Danke“, sagte sie dann nur und Gerda ging hinter Udo her.

 

Für Rosi begann nun der Ehe Alltag. Tagsüber arbeitete sie wie immer in dem kleinen Textilgeschäft und am Abend versorgte sie ihren Haushalt. Sie gab sich alle Mühe Udo ein gemütliches Heim und ein schmackhaftes Essen zu bieten. Allerdings war dieser selten daheim. Nach der Arbeit ging er meist mit den Kollegen noch ein „Bierchen zischen.“ Wenn er dann endlich heimkam schlang er das Essen hinunter, schaute noch ein wenig Fern und ging dann zu Bett. So hatte Rosi sich ihre Ehe nicht vorgestellt, aber der Gedanke an das Kind das in ihr wuchs tröstete sie. Wenn das kleine Würmchen erst einmal auf der Welt war, dann hatte sie etwas das ihr gehörte, das sie in ihre Liebe einhüllen konnte und für das es sich lohnte zu Leben und zu Kämpfen. Den Mittwochnachmittag hatte Rosi frei, da hatte das Geschäft geschlossen. An einem dieser Nachmittage schellte es plötzlich. Wer konnte das sein? Rosi bekam höchstens von Gerda Besuch und die meldete sich gewöhnlich an, war etwas geschehen? Aufgeregt drückte Rosi den Türöffner. Ein unbekannter Herr im dunklen Anzug stieg die Treppen hinauf. Rosi stellte sich breit in die Türfüllung, sicher ein Vertreter. „Guten Tag, Frau Scholz nehme ich mal an“, begrüßte sie der Mann? „Was wünschen sie, ich habe wenig Zeit“, fuhr Rosi ihn an. „Die Zeit werden sie sich nehmen müssen, ich bin Herr Stolze, Gerichtsvollzieher beim Zollamt.“ Zollamt, was hatten sie mit dem Zollamt zu tun? „Bitte“, bat Rosi nun den Herrn hinein und gab den Eingang frei. „Was kann ich für sie tun“, fragte sie reserviert? „Ich bin hier um zu schauen ob ich etwas Pfänden kann“, bekam sie erklärt. „Pfänden?“ Rosi war völlig verwirrt was den Herrn offensichtlich ein wenig milder stimmte. Die junge Frau hier hatte keine Ahnung von den Machenschaften ihres sauberen Gatten, das stand nun für ihn fest. „Bitte nehmen sie Platz und erklären sie mir um was es hier geht“, bat Rosi. „Gern.“ Herr Stolze begann mit seiner unangenehmen Aufgabe. „Ihr Mann hat hohe Schulden bei uns.“ „Wie hoch“, verlangte Rosi zu wissen? „15000DM.“ Eine kalte Hand schien nach Rosis Herz zu greifen. Das konnte doch nicht sein, sie hatten doch nichts, wovon sollten sie so eine Summe bezahlen? Herr Stolze schwieg und betrachtete die verstörte junge Frau. Langsam begann Rosis Hirn wieder zu arbeiten. „Mein Mann verdient nur wenig, wer leiht ihm eine solch hohe Summe“, wollte sie wissen? Herr Stolze hasste seinen Beruf bei solchen Begegnungen. „Es handelt sich um keine Leihgabe, die Schulden stammen aus seiner Zeit als Zeitsoldat. Ein junger Mann kam damals unter nicht ganz geklärten Umständen ums Leben und ihr Mann war daran beteiligt, er wurde auf Schadenersatz verklagt, eine Weile hat er auch bezahlt, aber nun seit geraumer Zeit nicht mehr. Zu Pfänden gibt es hier scheinbar nichts, bitte wirken sie auf ihren Mann ein, dass er die Zahlung wieder aufnimmt, sonst wird er die Strafe absitzen müssen.“ In Rosis Kopf schien sich ein Karussell zu drehen. Udo ein Mörder? Hatte sie bald einen Strafgefangenen zum Mann? Rosi strafte sich. Sie war mit vielem fertig geworden, das hier würde sie auch noch schaffen. Sie zog ihre Geldbörse hervor. Fünfzig Dm und etwas Kleingeld befand sich darin, ihr Haushaltsgeld für diesen Monat, der gerade erst begonnen hatte. „Hier nehmen sie.“ Sie schob den gesamten Inhalt zu Herrn Stolze hin. Der schob ihn wieder zurück. „Gehen sie zur Bank und versuchen sie einen Kredit zu bekommen“, riet er ihr. „Nehmen sie das Geld, ich habe nie Schulden gemacht und ich gebe ihnen mein Wort, ich werde diese begleichen.“ Hoch aufgerichtet aber mit kreideweißem Gesicht stand sie vor dem Beamten. In Herrn Stolze Blick stand Mitleid, aber auch ein wenig Bewunderung. Er nahm die 50DM und wendete sich zum Gehen. „Unternehmen sie bald etwas“, riet er Rosi noch und die nickte geistesabwesend. Sie würde sich mit Gerda beraten was zu tun war, aber zuerst würde sie Udo am Abend zur Rede stellen. Seine abendlichen Vergnügen mussten aufhören, dazu war nun ganz sicher kein Geld mehr da. Sie saß am Tisch und die Gedanken kreißten unaufhörlich, so verging Stunde um Stunde.

 

Endlich gegen einundzwanzig Uhr hörte sie ihn die Treppe heraufkommen. Mit den Worten: „Na was hat denn mein schönes liebes Frauchen für ihren Mann heute gezaubert“, betrat er die Küche. Sein Gesicht verfinsterte sich, als er bemerkte, dass der Tisch nicht gedeckt war und kein Essen auf ihn wartete. „Wo ist das Essen? Ich warte auf eine Erklärung? Wenn der Mann müde von der Arbeit kommt, kann er doch erwarten das er eine vernünftige Mahlzeit vorgesetzt bekommt, vor allem wenn seine Frau frei hatte und sich einen vergnügten Nachmittag machen konnte. War Gerda hier“, schloss er seine Fragerei endlich ab? Müde schüttelte Rosi den Kopf. „Nein Gerda war nicht hier, aber ein Herr vom Zoll, kannst du mir erklären was das zu bedeuten hat?“ Einen Moment schaute Udo verblüfft. „Was wollte der denn hier“, fragte er böse nach? „Ich denke du weißt was er wollte, sein Geld.“ Fragend blickte Rosi ihren Mann an. „Du hast ihm doch hoffentlich kein Geld gegeben, oder?“ Drohend wurde nun sein Blick. „Natürlich habe ich ihm gegeben was ich hatte, oder willst du ins Gefängnis gehen?“ Udo lachte schallend. „Was habe ich nur für ein Dummchen geheiratete, meinst du die stecken jeden der mal nicht zahlt gleich in den Knast? Man wie naiv bist du eigentlich? Dann würde der Knast aus allen Nähten platzen.“ Sein Gesicht verfinsterte sich. „Wovon sollen wir nun leben“, wollte er wissen? „Vielleicht von dem Geld das du jeden Abend in die Kneipe trägst.“ Nun wurde auch Rosi wütend. Es klatschte und verblüfft griff sie sich an ihre schmerzende Wange. Er hatte sie geschlagen. Fassungslos sah sie ihn an und bekam es mit der Angst zu tun. Diese wutverzerrte Fratze, das war doch nicht ihr Udo, den Mann den sie geheiratet hatte. Dann ging alles blitzschnell. An den Haaren zog er sie vom Stuhl hoch. „Du wagst es mir Vorschriften zu machen, mir der dich aus diesem Drecksheim geholt hat?“ Sein Speichel sprühte in ihr Gesicht. Er hat buchstäblich Schaum vor dem Mund dachte sie, er sieht wahnsinnig aus. Er umfasste ihr Gesicht und zog es zu sich heran. Sicher tut es ihm schon leid dachte sie, doch dann schlug er ihren Kopf mit aller Kraft gegen die metallene Zierleiste ihres Küchenschrankes. Die Welt explodierte in einem Meer aus farbigen Sternen.

 

Als Rosi erwachte war es dunkel. Sie blinzelte und versuchte sich zu erheben. Schon alleine der Versuch brachte ihren Kopf fast zum Platzen. Eine Welle der Übelkeit schoss in ihr hoch. Du hast eine Gehirnerschütterung bemerkte sie. Langsam drehte sie sich Millimeterweise um, kam dann auf die Knie und rutschte ins Schlafzimmer. Schnarchgeräusche drangen an ihr Ohr. Konnte das sein? Er hatte sie auf das Übelste Misshandelt und nun schlief diese Bestie? Liese stöhnend zog sie sich ins Bett. Nur liegen, ausruhen, in ihrem Zustand konnte sie eh nicht weglaufen, Morgen, ja Morgen würde man weitersehen. Sie glaubte ihr Kopf müsse platzen, es hämmerte zum Verrückt werden darin, doch endlich schlief sie ein. Am anderen Morgen stieg ihr Kaffeeduft in die Nase. Entsetzt blickte sie in Udos Gesicht, der sich über sie beugte. Er hielt ihr einen Becher hin was sie sogleich wieder mit einer neuen Übelkeitswelle überschwemmte. „Verzeihst du mir“, fragte er zerknirscht. Als er die Hand ausstreckte um ihre Wange zu streicheln zuckte sie zusammen. „Was hast du denn? Es tut mir doch leid, versteh doch ich war betrunken, wenn ich in einem solchen Zustand bin, solltest du mich besser nicht reizen.“ Tamara kam Rosi in den Sinn, scheinbar blockierte eine Ohnmacht sie, denn wo war sie gestern? Tamara war auch unberechenbar, wenn sie in ihrer maßlosen Wut die Oberhand gewann konnte auch alles passieren. Besaß auch /Udo so ein zweites Ich, das unkontrollierbar wurde wenn man es reizte? War es das was sie angezogen hatte? Fragen über Fragen  und ihr Kopf schmerzte. „Schon gut, mein Kopf tut weh, bring mir eine Tablette und dann lass mich einfach nur in Ruhe“, bat sie Udo. „Wenn du mir versprichst ihr nicht zu erzählen, dann rufe ich Gerda an und bitte sie sie nach dir zu sehen“, bot er ihr an. „Du könntest sagen, dass du in der Nacht Durst bekommen hast und als du dir etwas zu trinken holen wolltest bist du im Halbschlaf und im Dunklen gegen den Schrank gelaufen.“ Rosi überlegte und nickte dann dankbar. „Tschüß mein Schatz, ich muss los, ich werde gleich Gerda anrufen und ihr von deinem Missgeschick berichten, mein armer Pechvogel, im Geschäft sage ich auch Bescheid.“ Rosi blickte ihn erstaunt an, das hörte sich ja fast so an, als glaube er die eben von ihm erfundene Geschichte selbst. Doch sein sarkastisches Lächeln zeigte ihr das dem nicht so war. Dann war sie allein. Auch das noch, die Probleme häuften sich und sie lag hier zum Nichtstun verurteilt.

 

Es dauerte nicht lange bis es schellte und eine besorgte Gerda die Treppe hinaufstürmte. Rosi hatte aus dem Bett gequält und aufgedrückt. Als Gerda sie nun oben auf dem Treppenabsatz erblickte wo sie bleich und schwankend stand blieb sie betroffen stehen. „Also hör mal“, sagte sie erbost. „Udo sagte etwas von leichtem Unwohlsein und du stehst hier und siehst aus wie der Tod.“ Rosi winkte ab. „Schon gut“, entgegnete sie und ging hinein. Die besorgte Gerda folgte ihr. „Setz dich, ich mach uns einen Kaffee“, ordnete sie an. „Kaffee ist aus, ich bin noch nicht zum Einkaufen gekommen“, erklärte Rosi. „Okay, dann halt Tee“, entschied Gerda. Rosi blickte angestrengt auf die Tischplatte. „Tee ist auch aus“, sagte sie leise. „Und was trinkst du“, wollte Gerda wissen? Rosi blickte zum Wasserkran. „Leitungswasser?“ Geschockt blickte Gerda ihre Freundin an. „Schmeckt gar nicht so übel“, wiegelte die ab. „So, nun aber raus mit der Sprache.“ Resolut setzte sich Gerda neben die Freundin. Rosi wusste, sie würde nicht gehen, ehe sie eine Erklärung für die Vorgänge hier hatte, so entschloss sie sich Gerda einen Teil zu erzählen, den ihrer momentanen finanziellen Sorgen, wenn Gerda wüsste das Udo sie verprügelte würde sie keine Sekunde zögern und ihn anzeigen. Rosi allerdings wollte sich nicht schon nach so kurzer Zeit das Ende ihrer Ehe eingestehen. Sie berichtete Gerda nun von dem Besuch des Gerichtsvollziehers. „So sieht es aus“, endete sie. „Wir haben finanzielle Sorgen und das Ganze ist mir auf den Magen geschlagen.“ Eine Weile brütete Gerda vor sich hin. „So ganz will mir die Geschichte nicht einleuchten. Wenn Udo eine derart hohe Strafe bekommen hat, dann handelt es sich um ein schweres Verbrechen und du hast nicht gefragt um was genau es dabei ging“, wollte sie wissen? Rosi wusste sich nicht mehr zu helfen, ihre Nerven würden das nicht mehr lange mitmachen, sie begann zu weinen. Entsetzt nahm Gerda die Freundin in ihre Arme. „Schhhhhhht“, murmelte sie. „Schon gut, alles wird gut.“ Dabei streichelte sie sie beruhigend. Insgeheim allerdings dachte sie was rede ich da nur? Nichts wird gut. Rosi war immer sehr stark, wenn etwas sie so aus dem Gleichgewicht brachte musste mehr dahinter stecken. Sie behielt ihre Gedanken allerdings für sich, sie würde Rosi nicht noch mehr aufregen, aber sie würde auf der Hut sein und über sie wachen. Entschlossen straffte sie sich. „Weißt du was wir nun machen?“ Rosi schüttelte verzagt den Kopf. „Dich meine Liebe verfrachte ich ins Bett, dann laufe ich schnell zum Bäcker nebenan und besorge etwas Gebäck und Kaffee.“ „Das geht nicht Gerda“ widersprach Rosi. „Ich schäme mich so.“ „Hühnchen“, lachte Gerda und drückte ihr einen Kuss auf die Stirne. Dann straffte sie sich, ich bin jetzt Supergerda, nicht nur in dir schlummern ungeahnte Kräfte, ich kann das auch, also keine Widerrede ab mit dir.“ Rosi hatte keine Kraft mehr sich zu wehren, also ging sie folgsam ins Schlafzimmer. Eigentlich tat es gut, wenn mal jemand für eine Weile bestimmte was zu tun war, sie war so entsetzlich müde. Gerda schnappte sich den Schlüssel und lief in die Bäckerei. In Windeseile war sie zurück und dann bereitete sie Kaffee zu. Dabei überlegte sie, wie sie Rosi helfen konnte. Sollte sie Udo offen ansprechen? Sicher würde er ihr nichts sagen, vielleicht sogar wütend sein das Rosi die Freundin eingeweiht hatte, das war sicher keine gute Idee. Gerda beschloss sich zuerst dem dringendsten Problemen zu widmen, nämlich Rosi wieder auf die Beine zu bringen. Als sie mit einem Tablett ins Schlafzimmer kam fand sie die Freundin in tiefem Schlummer. So trank sie in Gedanken versunken ihren Kaffee. Nach einer Weile schlug Rosi die Augen auf. „Du bist noch hier“, wunderte sie sich? „Das hat gut getan, ich fühle mich wie neugeboren“, versuchte Rosi Gerda loszuwerden. Sie musste überlegen wie es weitergehen sollte und dazu musste sie Ruhe haben. „Leider siehst du noch nicht so aus“, stellte Gerda mit einem Lächeln fest. „Nun trink erst einmal deinen Kaffee, der wird dir gut tun, soll ich ihn noch einmal heiß machen“, bot sie an? Rosi schüttelte den Kopf. „Dankeschön ich trinke ihn gerne ein wenig abgekühlt, mit diesen Worten nahm sie ihre Tasse von Gerda entgegen. Auch einen Schmalzkringel nötigte Gerda ihr auf. Wenn Rosi gefürchtete hatte, dann würde ihr noch übler werden, musste sie erkennen, dass sie sich getäuscht hatte, das Gebäck füllte angenehm die Leere in ihrem Magen. Dankbar blickte sie Gerda an. „Vielen Dank für deine Hilfe.“ „Dazu sind Freundinnen da“ winkte Gerda ab. „Das sehe ich ein wenig anders“, lächelte Rosi, dann schwieg sie, sie wusste Gerda war es peinlich wenn man sie lobte. „Kann ich dich nun allein lassen“, wollte Gerda wissen? „Ich muss wieder in die Schneiderei, ich habe mir ein wenig Freizeit genommen.“ „Geh nur“, bat Rosi, „ich schlafe nun ein wenig, dann bin ich Morgen wieder ganz die Alte.“ Rosi nahm sie noch einmal in den Arm und blickte ihr in die Augen. „Wenn etwas sein sollte, was immer es auch ist, du weißt ich bin für dich da.“ Rosi nickte, dann legte sie sich erschöpft zurück und Gerda verließ leise die Wohnung. Wohl war ihr nicht zu Mute, da war noch mehr, das spürte sie genau aber im Moment konnte sie nicht mehr tun.

 

Einige Tage später, als Rosi sich wieder besser fühlte ging sie mit Udo zur Bank und wieder Erwarten bekamen sie einen Kredit. Leicht würde es nicht werden, Rosis komplettes Gehalt ging nun für die monatlichen Raten drauf. Was sollte werden wenn das Kind auf der Welt war? Rosi die ihm den Himmel auf Erden hatte bereiten wollen merkte plötzlich, dass es nicht so einfach war und dass der beste Wille manchmal nicht ausreichte gegen das Schicksal zu kämpfen. Nicht das sie bereit gewesen wäre ihrer Mutter zu verzeihen, denn die hatte einst nicht aus Not, sondern aus Egoismus gehandelt als sie Rosi einfach im Stich ließ. Einige Monate hatte sie noch Zeit nach einer Lösung zu suchen, Udos Mutter vielleicht? Die alte Frau freute sich unbändig auf ihr Enkelkind, aber konnte man ihr solch eine Belastung zumuten? Rosi würde mit ihr reden müssen, eine Lösung musste her. Aus der impulsiven und temperamentvollen Rosi war in kurzer Zeit eine stille, von Zukunftsängsten geplagte Frau geworden. Es war so unfair, das ihr Kind darunter leiden musste das sein Vater ein Hallodri war. Halt, sie war ebenso Schuld an  der Misere, denn sie hatte ihn als Vater ausgesucht. In Udos Leben hatte sich nichts geändert, er besuchte weiterhin nach Feierabend die Kneipen. Nur servierte ihm nach seiner Rückkehr statt seiner Mutter nun Rosi das Essen. Wenn Rosi ihn so beobachtete, wie er es stillvergnügt in sich hineinschlang kochte sie innerlich. Nun vernahm sie auch wieder Tamaras leise Stimme. Stopf es ihm in Maul, dachte/hörte sie. Wenn Udos Blick sie streifte verzog sich sein Gesicht zu einem selbstgefälligen Grinsen. „Was hab ich doch für ein Glück, so ein liebes hübsches und fleißiges Frauchen zu haben“, höhnte er manchmal. Rosi lächelte dann pflichtschuldig und unterwürfig, aber in ihr brodelte es. Eines Tages……….., dachte sie dann. Eines Tages hast du das letzte Mal deine dreckigen Finger an mir abgewischt und dann lächelte sie aus tiefster Seele. In solchen Augenblicken betrachtete Udo sie merkwürdig. Er hatte sie zu kennen geglaubt, was verbarg sie vor ihm? Liebte sie ihn immer noch so sehr dass sie so frei lächeln konnte, er vermisste die Angst und die Unterwürfigkeit und das wiederum machte ihm Angst, er musste auf der Hut sein.

 

Einige Wochen vergingen, dann teilte Rosi ihm mit, dass sie sich Mitte der nächsten Woche mit Gerda und einigen anderen Freundinnen treffen wollte. „Kommt nicht in Frage“, verbot Udo. Nächsten Mittwoch wird ein Fußballspiel übertragen, ich habe meine Freunde eingeladen.“ „Na und, dann hast du doch Gesellschaft.“ Rosi verstand ihn nicht. „Na und wer bewirtet uns? Wer reicht Häppchen und holt das Bier hä, rate mal.“ Rosi war fassungslos. „Bewirten, wovon denn bitte schön? Außerdem bin ich nicht deine Sklavin, den Weg zum Kühlschrank kennst du doch, oder nicht, ich dachte du bist schon groß.“ Erstaunt blickte Udo sie an. „Du hast wohl deine letzte Lektion nicht gelernt.“ Drohend kam er auf sie zu. Heute allerdings war Rosi auf der Hut. Sie richtete sich auf. Wut blitzte aus ihren Augen. Tamara war da. Udo konnte kaum glauben was er da sah. Dieses Zornblitzende Weib, war das seine sanfte Rosi? Nie war sie schöner gewesen. Heftiges Verlangen stieg in ihm auf.  Ihre Augen fixierend schlich er auf sie zu. Aber nun war Rosi gewarnt. Weil Udo in ihre Augen starrte bemerkte er nicht wie sie das Bein anzog. Gerade als er sie packen wollte riss sie das Knie hoch und traf ihn dort, wo es einem Mann am meisten wehtut. Sein eben noch drohender Blick wandelte sich in Erstaunen  und dann kam der Schmerz. Laut heulend klappte er zusammen und krümmte sich am Boden. „Du schlägst mich nie wieder, nie wieder hörst du“, zischte Tamara böse. „Ich hoffe auch du hast deine Lektion gelernt“, fügte sie lächelnd hinzu. „Du alte hinterhältige Sau“, wimmerte Udo. Rosi näherte sich seinem Gesicht und schaute ihn drohend an. „Was hast du gesagt? Ich habe dich nicht verstanden“ „Nichts“, jammerte Udo und heulte vor sich hin. „Ich gehe noch aus, zu Gerda, wenn du magst kannst du ruhig schon zu Bett gehen“, informierte sie ihn und ließ ihn allein. Sie ging allerdings nicht zu Gerda, sondern wie er sonst in eine Kneipe, dort trank sie ein Bier. Sie bemerkte die Blicke der Männer, doch keiner traute sich sie anzusprechen. Nach einer Weile ging sie langsam heim. Gewalt gegen Gewalt? Funktionierte das? Konnte sie Udo in Schach halten, oder eskalierte die Situation irgendwann? Fragen über Fragen. Ehefrau und Mutter hatte sie sein wollen und was war daraus geworden?

 

Als sie heimkam lag die Wohnung in tiefer Dunkelheit. Sie zog sich aus und ging zu Bett. Neben sich hörte sie Udos leise Atemzüge. „Schläfst du schon“, wollte sie wissen? Ihre Decke wurde plötzlich hochgerissen und ein furchtbarer Boxhieb traf völlig unvorbereitet ihren Bauch. In ihrem Inneren schien etwas zu explodieren. Sie hörte nicht mehr wie Udo hämisch fragte: „Na wie war das? Ich kann das auch, unfair zuschlagen.

 

Als Rosi wieder zu sich kam bemerkte sie als Erstes etwas, dass sie in völlige Panik versetzte. Ihr Bauch war flach. Ihre Hände tasteten suchend herum und sie fühlte Feuchtigkeit. Erstaunt hob sie ihre Hand und betrachtete sie, sie war rot. Blut registrierte sie noch, ich blute und dann kam der Schmerz. Eine Welle schoss durch ihren Körper, das Zentrum war in ihrem Bauch. „Udo“, schrie sie nach ihrem Mann, aber der war nicht da. Was sollte sie nur machen? Aufzustehen wagte sie sich nicht, scheinbar hatte sie viel Blut verloren, ihre Gedanken waren wie in Watte gehüllt. Du musst Hilfe holen und das schnell dachte sie und dann wälzte sie sich langsam zur Bettkante, nahm ihren Pantoffel in die Hand und schlug auf den Boden. Die Leute unter ihr waren alt und die Wände in dem Altbau massiv, hoffentlich hörte man sie. Wie eine Besessene hämmerte sie auf den Fußboden und ihre Kräfte ließen mit jedem Schlag nach. Schließlich war es nur noch ein Klopfen, da hörte sie jemanden an ihrer Türe. „Was ist denn hier los? Sie können doch nicht einen solchen Lärm machen.“ „Hilfe“, schrie Rosi mit letzter Kraft und dann wurde es schwarz um sie.

 

Als sie wieder zu sich kam steckten Nadeln in ihrem Arm. Eine Schwester eilte herbei. „Na da sind sie ja wieder, wie geht es ihnen“, wollte sie wissen. Rosi musste sich erst besinnen. „Was ist mit meinem Kind?“ Die Erinnerung kam langsam zurück. „Ganz ruhig“, die Schwester tätschelte ihren Arm, „der Doktor kommt gleich er wird alle ihre Fragen beantworten.“ „Willkommen unter den Lebenden“, begrüßte der Arzt sie, der das Zimmer betreten hatte. „Was ist mit meinem Kind“, stellte Rosi die Frage erneut, die sie am meisten beschäftigte, obwohl sie es ahnte. Der Arzt schüttelte bedauernd den Kopf. „Sie sind noch jung, sie können noch viele Kinder bekommen“, versuchte er sie zu trösten. Rosis Lippen wurden schmal, was wusste der denn schon? „Wie kam es überhaupt zu der Fehlgeburt“, wollte der Arzt wissen? Angestrengt dachte Rosi nach. Was sollte sie sagen? Mein Mann hat mich geschlagen, in den Bauch? Sie würden ihn verhaften und dann? Er war erregt würde es heißen, sie hatte ihn gereizt, unzurechnungsfähig war er. Zwei Jahre auf Bewährung? Und dann? Er würde sich rächen an ihr, soviel war sicher. Wollte sie so leben? Immer in Angst? Seine Strafe sollte er haben, aber sie würde den Zeitpunkt bestimmen, sie allein. „Ich habe keine Ahnung“, behauptete sie, in meinem Kopf ist ein Loch. „Eine Amnesie? Der Arzt überlegte. Ungewöhnlich, aber sicher hatten die Fehlgeburt und das viele Blut einen Schock verursacht. „Ruhen sie sich aus, ich sehe später nach ihnen, sollen wir jemanden benachrichtigen“, wollte der Arzt wissen? „Ja bitte, meine Freundin Gerda“, bat sie und nannte deren Telefonnummer. Die Freundin und nicht den Mann, wo steckte der überhaupt? Der Arzt begann sich seine Gedanken zu machen.

 

Rosi schloss gehorsam die Augen, aber ihre Gedanken konnte sie nicht abstellen. Wozu sollte sie überhaupt noch leben? Das einzige das ihrem Leben wirklich einen Sinn gegeben hätte war das Kind und das hatte sie nun verloren. Nein, falsch sie hatte es nicht verloren, es war ihr genommen worden. Von ihrem eigenen Mann, er hatte es getötet, er war ein Mörder. Was hatte noch mal der Gerichtsvollzieher gesagt? Jemand war umgekommen, unter ungeklärten Umständen? Oh ja das passte zu ihm, Udo war ein brutaler Egoist, wie hatte sie ihn nur heiraten können? Selbstmitleid brachte sie nicht weiter rief sie sich selbst zur Ordnung. Sie hatte alles in ihrem Leben verloren, ihre Eltern und nun auch noch ihr Kind. Halt stopp wieder falsch, sie hatte Gerda eine Freundin wie man sich keine Bessere wünschen konnte. Rosi dachte zurück an ihren Hochzeitsmorgen. Gerda war es gewesen, die diesen Tag für sie zu einem wunderschönen Erlebnis gemacht hatte, sie allein, nicht ihr Mann, nicht ihre Eltern. Allerdings hätte sie Gerda nie kennen gelernt, wenn sie einfach in ihrer Familie aufgewachsen wäre, nur weil sie in dieses Heim kam hatten sie sich gefunden. Steckte doch ein Plan hinter allem Geschehen? Sie hatte schon vor langer Zeit mit Gott gebrochen, wie konnte sie an ihn glauben wenn er ein kleines Mädchen so behandelte. Nun begann sie ihre Haltung zu überdenken. Musste das alles geschehen, hatte es am Ende gar einen Sinn? Mit diesem Gedanken schlief sie dann erschöpft ein.

 

 

Als sie erwachte blickte sie gleich in Gerdas dunkle Augen. Einen Augenblick schwiegen Beide, dann forderte Gerda: „Nun aber raus mit der Sprache, was ist geschehen?“ Rosi beschloss der Freundin die ganze Wahrheit anzuvertrauen, sie würde sich eh scheiden lassen. Sie holte tief Luft und dann begann sie leise zu sprechen. Von ihrem Geldsorgen, von dem Besuch des Gerichtsvollziehers, von Udos erstem Ausraster und von seiner letzten Prügelattacke die ihrem Kind das Leben gekostet hatte. Ihr Blick war an die Wand gegenüber geheftet und erschüttert bemerkte Gerda wie Tränen lautlos aus den Augenwinkeln der Freundin rannen. Das griff ihr mehr ans Herz als wenn sie laut geklagt und geschluchzt hätte. Schließlich schwiegen Beide. Nach einer Weile wollte Gerda wissen: „Wie geht es nun weiter?“ Rosi zuckte traurig die Schultern. „Na wie schon, ich lasse mich scheiden. Den Grund warum ich Udo so jung geheiratet habe gibt es ja nun nicht mehr.“ Gerda strich ihrer Freundin über die Wange. „Ich geh jetzt, versuch ein wenig zu schlafen, damit du zu Kräften kommst. Du weißt das du auf mich zählen kannst, wir werden eine Lösung finden.“ Rosi nickte und legte sich gehorsam zurück in die Kissen. Leise verließ Gerda das Krankenzimmer.

 

Nach einigen Tagen ging es Rosi körperlich ein wenig besser. An diesem Nachmittag klopfte es leise an der Türe. Nachdem Rosi herein gebeten hatte betrat ein unbekannter Arzt das Zimmer. „Guten Tag, ich bin Doktor Hellwig. Sie sind mir als Patientin zugewiesen worden.“ „Sind sie der neue Stationsarzt“, fragte Rosi nach? Der Doktor lächelte was in sehr sympathisch machte. „Ich bin Seelenklempner“, merkte er burschikos an. Sogleich verschloss sich Rosis Gesicht. „Brauch ich nicht, ich habe keinen an der Waffel“, antwortete sie empört. Wieder grinste der Doktor. „Ich würde das auch nie behaupten“, meinte er, „darf ich trotzdem mit ihnen reden? Es ist nämlich mein Job.“ Rosi überlegte kurz. Eigentlich sah er nett aus der neue Doktor und sie konnte sich ja immer noch gegen eine Behandlung entscheiden wenn es ihr zu viel wurde, am liebsten hätte sie diese ganze üble Geschichte vergessen. Der Arzt schüttelte den Kopf, als wenn er genau verstanden hätte was Rosi dachte. „Das klappt nicht, wenn es so einfach wäre bräuchte man meinen Berufszweig nicht.“ „Was meinen sie“, stellte Rosi sich dumm. „Verdrängen meine ich. Alle meine Patienten tragen ein Trauma mit sich herum. Für die meisten ist es so schmerzhaft das sie nur vergessen wollen. Die Seele aber vergisst nie etwas, sie legt es in einen Winkel und irgendwann kommt es wieder hervor, groß und wohlgenährt und das ist dann wirklich schlimm. So schmerzlich es auch ist, es hilft nur sich damit auseinander zu setzen, wenn man davon frei werden will.“ Rosi dachte nach. An seinen Worten war sicher etwas dran. „Also gut, versuchen wir es“, gab sie schließlich nach. „Bitte nennen sie mich Jochen und versuchen sie in mir so etwas wie einen Freund zu sehen, das erleichtert das Reden oft sehr.“ Doktor Hellwig schien ein sehr einfühlsamer Mann zu sein bemerkte Rosi und sie begann nach seiner Aufforderung zu erzählen. Sie fing mit ihrer Kindheit an. Der Doktor unterbrach sie kein einziges Mal, er hatte ein Heft auf dem Schoß und in dieses schrieb er von Zeit zu Zeit einige Notizen. Nach einer Stunde schwieg Rosi erschöpft. Es hatte sie sehr angestrengt ihr Leben noch einmal Revue passieren zu lassen. „Das reicht für heute. Nach einer Weile werden sie merken, dass es sie erleichtert zu reden. Man sagt nicht umsonst sich alles von der Seele reden. Für heute reicht es, ich komme übermorgen wieder, dann können wir weitermachen. Bitte ruhen sie sich nun aus, so eine Sitzung strengt ungemein an.“ Doktor Hellwig reichte Rosi verabschiedend die Hand und dann war sie allein. In der darauf folgenden Nacht hatte Rosi einen schlimmen Albtraum. Genaues wüsste sie beim Erwachen nicht mehr, nur das er von ihrer Mutter gehandelt hatte. Als der Arzt sie am übernächsten Tag besuchte erzählte sie ihm davon. „Ich glaube es ist besser nicht mehr in der Vergangenheit zu graben“, fügte sie an. „Das sehe ich anders“, erklärte er nun seiner Patientin. „Im Gegenteil, es zeigt das sie endlich beginnen sich mit den Geschehnissen in ihrem Leben auseinander zu setzen, ihre Seele beginnt zu verarbeiten.“ Rosi überlegte, das hörte sich logisch an, sie war zu einer weiteren Zusammenarbeit bereit. Nach ihrer Entlassung setzten sie die Sitzungen fort, Rosi wohnte nun mit Gerda in ihrer Wohnung, Udo war verschwunden. Sie freute sich insgeheim auf das zusammen sein mit Jochen, er war ein sehr netter Mann fand sie. Auch Jochen schien an ihr Gefallen gefunden zu haben und nachdem die Behandlung abgeschlossen war bat er Rosi sich privat weiter mit ihr treffen  zu können. Er war dazu übergegangen sie Rosemarie zu nennen, denn sie sollte mit ihrer Vergangenheit abschließen. Rosi, das schüchterne Mädchen von einst gab es nicht mehr und auch Tamara hatte sich nie wieder gezeigt.

 

 

Eines Tages informierte Gerda Rosemarie (sie nannte sie nun auf Jochens Bitten hin auch so) das sie sich mit den alten Freundinnen traf, sie würde länger fort bleiben. Rosemarie solle sich bitte keine Sorgen machen. „Warum nimmst du mich nicht mit“ fragte Rosemarie ein wenig traurig? „Diesmal nicht“, Gerda sah ihr in die Augen mit einem seltsamen Blick. Am Abend saß Rosemarie deshalb allein vor dem Fernsehgerät. Mit halbem Ohr verfolgte sie die Nachrichten, bis eine Meldung sie elektrisierte. Heute am frühen Abend wurde in einem kleinen Ort nahe der holländischen Grenze ein junger Mann brutal ermordet. Es handelt sich dabei um den siebenundzwanzig jährigen Udo S. Seine Freundin, die achtzehnjährige Nicole B. sagte aus eine Gruppe junger Frauen sei wie aus dem Nichts aufgetaucht und über ihn hergefallen. Er wurde brutal zu Tode geprügelt. Seine Freundin steht unter Schock. Sachdienliche Hinweise bitte an jede polizeiliche Dienstelle in Nordrhein Westfalen. Rosemarie hörte nicht mehr zu. Das konnte doch kein Zufall sein. Gerda wollte sich mit den Freundinnen treffen.  Eine Gruppe junger Frauen??????? Rosemarie dachte an die Rachepläne die sie immer geschmiedet hatten, sollten die Freundinnen sie gerächt haben? Gerda kam spät in der Nacht heim. Sie war ein wenig bleich um die Nase. „Ich brauche einen Cognac“, meinte sie. Nach einer Weile fragte sie Rosemarie: „Was würdest du sagen, wenn man dich fragen sollte wo ich heute Abend war?“ „Die Wahrheit natürlich.“ Rosemarie grinste. „Natürlich“, nickte Gerda, sie hatte die Freundin nicht angesehen und so deren Lächeln nicht bemerkt. „Das du mich mal wieder beim Monopoly kräftig geschlagen hast“, fügte sie an. Einen Moment dauerte es bis Gerda begriffen hatte, dann begann sie zu strahlen und umarmte die Freundin. „Danke“, flüsterte Rosemarie an ihrem Hals. Und dann packte sie das Monopoly Spiel aus, denn man lügt ja schließlich nicht.

 

Einige Wochen später verlobte Rosemarie sich mit Jochen. Zu diesem Anlass reiste sein Bruder Tim an und der hatte den ganzen Tag nur Augen für Gerda.

 

Eine Sache ist noch zu erledigen, meinte Gerda eines Tages zu Rosemarie. „Der Direktor wird nächste Woche pensioniert. Soll er nun auf Staatskosten seine Rente genießen, nachdem er unzählige Kinder wie dich und mich gequält hat? Bist du dabei? Rosemarie überlegte nicht lange, die Freundinnen hatten für sie Rache geübt, nun war es an ihr, ihr Versprechen zu halten. Die brutalen Frauen haben wieder zugeschlagen konnte man danach in den Zeitungen lesen. Nach dem letzten Opfer Udo S. fiel nun der angesehene Direktor eines Mädchenheims den brutalen Frauen zum Opfer. Besonders tragisch ist das der Direktor eine Woche vor seinem wohlverdienten Ruhestand stand.

 

Nun endlich hatte Rosemarie ihre Ruhe gefunden, die Vergangenheit war „aufgearbeitet“ Anders zwar als Jochen dachte aber Ordnung musste sein stimmts?

 

By Gitte