Schlechtes Gewissen!
„Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin.“ Der Schrei hatte sie aus tiefem Schlaf gerissen. Ihr Herz klopfte ein lautes Stakkato. Sie hielt den Atem an und lauschte. Nichts. Hatte sie nur geträumt? Ein Blick auf den beleuchteten Wecker zeigte ihr, dass es ein Uhr fünfunddreißig war. Ihr Mann schlief tief und fest im Bett nebenan. Allmählich beruhigte sie sich wieder, alles blieb still, sicher war es ein realistischer Traum gewesen, versuchte sie sich einzureden, denn wer will schon mitten in finsterster Nacht aufstehen um jemand Fremden zu helfen? Die Minuten vergingen und langsam sank sie wieder in den ach so begehrten Dämmerschlaf, als er neuer Schrei sie aufschreckte. Diesmal konnte sie es sich nicht einreden, das war kein Traum, hier war eine Frau in Not. Es war ihre Pflicht zu helfen. „Ich hasse dich du Hurensohn“, hörte sie wieder und so schrill es geklungen hatte, diese Worte beruhigten sie. Das hörte sich doch sehr nach Pubertät, Alkohol und dem Genuss vieler Schundromane an. Wenn sie die Polizei rief hatte sich das seltsame Pärchen draußen sicher längst wieder versöhnt und sie machte sich nur lächerlich. Es war Wochenende und bestimmt kamen die Zwei von einer feuchtfröhlichen Party. Sie zog die Decke über die Ohren und beschloss die Schreie, die noch ab und an zu hören waren zu ignorieren.
Am Morgen stand sie müde auf. Mist, die Beiden waren ganz sicher auf einer Party gewesen und hatten ihr den wohlverdienten Schlaf geraubt. Seufzend raffte sie sich auf und ging ins Bad, um dort ihre Morgentoilette zu verrichten. Danach betrat sie das Wohnzimmer und schaltete das Radio Gerät ein. Mittlerweile war es sieben Uhr geworden. Die Nachrichten wurden gesendet. „Gerade erreicht uns eine Meldung, dass in Essen-Werden in der Nacht die siebzehnjährige Sabine S. ermordet wurde. Die junge Frau war auf dem Heimweg von einer Geburtstagsparty. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Sachdienliche Hinweise……….. Sie hörte nicht mehr zu, ihr Herzschlag hämmerte wie wild in ihren Ohren. Deine Schuld dröhnte es in ihrem Kopf. Vielleicht könnte diese junge Frau noch leben, wärst du nicht so feige und bequem gewesen.
Der Tag zuvor hatte für Sabine begonnen wie alle Tage in den letzten Monaten. Langweilig. Im Frühjahr war ihr heiß geliebter Opa gestorben. Sie alle hatten getrauert, trauerten noch, aber war das Leben denn nun vorbei? Mittlerweile war es Spätherbst und Sabine war auf die Geburtstagsparty einer Freundin eingeladen. Das hatte zu Hause ein mittleres Drama ausgelöst. „Hast du ihn schon vergessen deinen Großvater“, hatte ihre Mutter sie gefragt? „Nein, das habe ich nicht und nur weil ich nicht wie du und Oma seit Monaten schwarze Klamotten trage und langsam wieder „Normal“ zu Leben beginne heißt das noch lange nicht das ich weniger trauere als ihr und außerdem hat Opa gern gelebt, er wäre der Letzte gewesen, der einen solchen Kult von euch verlangt hätte, Ganz im Gegenteil er hätte gewollt, das ihr auch wieder Freude am Leben empfindet, hier ist es ja wie in einer Gruft, als seien wir auch schon lange tot, mit ihm gestorben und begraben.“ Sabines Mutter hatte ihre Tochter fassungslos angestarrt und dann geohrfeigt. Wortlos drehte Sabine sich um und ging in ihr Zimmer. Das hatte gesagt werden müssen und trotz des brennenden Schmerzes auf ihrer roten Wange war ihr nun leichter zu Mute. Sie setzte sich in ihren Sessel und überlegte. Es war nicht zu Reden mit ihnen, sie hatte es versucht. Jedenfalls würde sie zu Elviras Party gehen. Dann eben ohne das Wissen und Einverständnis ihrer Eltern. Sie begann einen Plan zu schmieden.
Seit Opas Tod begaben sich ihre Eltern immer sehr früh schlafen, denn auch Radio hören, oder gar Fernsehen war verboten. Gegen acht Uhr dreißig ging sie hinüber und wünschte frostig eine gute Nacht. „Ich lese noch“, verkündete sie, zog sich aus und ging zu Bett. Unter der zusammengelegten Steppdecke hatte sie ihre Sachen zurecht gelegt. Sobald die Eltern im Bett waren würde sie sich anziehen und dann losgehen. Gut dass sich ihr Zimmer außerhalb der Wohnung befand und vom Treppenhaus betreten wurde. Gegen Neun Uhr hörte sie die Eltern zur Toilette gehen, danach begaben sie sich meist zu Ruhe. Sie wartete noch eine viertel Stunde die ihr wie einen Ewigkeit vorkam, dann stand sie leise auf und kleidete sich an. Weißer enger Pulli, Minirock und weiße hohe Stiefel. Sie schminkte und frisierte sich und Gegen neun Uhr dreißig verließ sie leise das Zimmer. Den Lichtschalter betätigte sie nicht, sie kannte die steile Treppe und auch die Stellen an denen sie knarzte. Ihr Herz schlug laut bei dem Abenteuer, aber alles blieb still, keiner bemerkte sie. Leise zog sie die Haustüre hinter sich ins Schloss.
Es war nicht so kalt wie sie angenommen hatte. Ein blasser Vollmond hing am Himmel und tauchte die Welt in ein milchiges Licht. Sie war nicht oft am Abend draußen, unheimlich war es schon. In der Nähe des Hauses lief sie leise, aber als sie die Straße erreichte beschleunigte sie ihr Tempo. Eigenartig war ihr zu Mute. Sie hatte Angst, aber sie genoss auch die ungewohnte Freiheit. Ihre Klassenkameradinnen durften alle länger ausbleiben als sie, aber nun würde sie auch am Leben teilnehmen und wenn man es ihr verwehrte, dann eben heimlich. Sie war kein kleines Kind mehr, sie war beinahe eine Frau. Nur ihre Eltern schienen das nicht zu bemerken. Elvira wohnte nicht weit von ihr, nur einige Straßen entfernt, allerdings sehr einsame Straßen, schon am Tage war hier wenig Betrieb, in der Nacht waren sie Menschenleer. Der Spielplatz mit seinen Sträuchern und die Hofeinfahrten jagten ihr Angst ein. Sollte sie in der Mitte der Straße gehen, oder sich in den Schatten der Häuser ducken? Schnellen Schrittes eilte sie dahin. Es war nicht richtig, wenn sie beobachtet wurde sah man dass sie Angst hatte und ängstliche Mädchen wurden eher überfallen, trotzdem gelang es ihr nicht die Schritte zu verlangsamen. Im Rekordtempo langte sie bei der Freundin an. Sie atmete auf als sie die Hellerleuchteten Fenster sah und die Musik hörte die gedämpft in die Nacht klang. Sie schellte und erst als sich die Türe öffnete und das Geburtstagskind sie hereinließ atmete sie auf.
„Das du noch kommst“, wunderte sich Elvira. „Meine Eltern haben Zoff gemacht, ich habe gewartet bis sie im Bett waren und dann bin ich los“, antwortete Sabine lässig. Elvira blickte die Freundin bewundernd an. „Du traust dich was. Schaut mal wer gekommen ist“, sagte sie und schob Sabine ins Wohnzimmer. Dort zog sie ihren Mantel aus, umarmte die Freundin und gratulierte ihr, Sie nahm ein Päckchen aus ihrer Manteltasche und reichte es ihr. Elvira packte es aus und hielt eine feine Silberne Kette mit einem Herz in ihrer Hand. „Das ist zauberhaft, ich danke dir“, meinte sie begeistert und legte Sabines Geschenk gleich um. Die Party war in vollem Gange. Elviras Eltern waren schon ein wenig älter und erfüllten ihrem Nachkömmling fast jeden Wunsch. Sie schliefen heute bei einer Tante, so konnte das junge Volk feiern das die Wände wackelten, auch der Alkohol floss in Strömen. Eigentlich hatte Sabine um Mitternacht gehen wollen. Insgeheim hatte sie gehofft das sich ein netter Kerl finden würde der sie heimbrachte. Leider gab es nur Pärchen und keines von ihnen wohnte in ihrer Nähe so dass sie sich auf dem Heimweg ihnen anschließen konnte. Lediglich ein Junge war allein hier und dessen aufdringliche Blicke gefielen ihr überhaupt nicht. Anstandshalber hatte sie mit ihm getanzt, aber die Art wie er versuchte sie an sich zu drücken ließ sie noch mehr auf Abstand gehen, zudem trank der Kerl entschieden zu viel. Auch die Hoffnung dass er sich endlich auf dem Heimweg machte erfüllte sich nicht. Ein Pärchen nach dem Anderen verabschiedete sich und Sabine vertraute Elvira ihre Angst an. „Bleib doch hier“, schlug sie vor. „Das geht nicht, meine Eltern stehen immer sehr früh auf, was glaubst du was los ist wenn ich nicht daheim bin.“ Mittlerweile ging es auf ein Uhr zu. „Wir sagen Horst dass du hier bleibst und wenn er dann fort ist kannst du nach Hause gehen“, schlug Elvira endlich vor. „Das ist eine gute Idee“, meinte Sabine. Enttäuscht verabschiedete sich Horst endlich und zehn Minuten später machte Sabine sich auf den Weg. Elvira hatte ebenfalls reichlich getrunken und ihre Augen fielen immer wieder zu. Als die Haustüre hinter Sabine ins Schloss glitt kämpfte sie gegen die Panik an die sie Augenblicklich befiel.
Schnell lief sie los. Sie glaubte Schritte hinter sich zu hören. Das ist sicher nur die Angst versuchte sie sich zu beruhigen, denn in ihren Ohren rauschte laut das Blut und ihr Herz hämmerte wild. Nebel hatten den Mond verdunkelt und lange Schatten fielen von den Häusern auf die Straße. Sie hatte die zweite Querstraße erreicht, nun lag die Hälfte des Weges hinter ihr und dann hörte sie die Schritte, sie hatte sich nicht geirrt. Das Blut in ihren Adern schien zu gefrieren. So schnell sie auch ging, ihr Verfolger holte auf. „Nun warte doch“, tönte Horsts Stimme an ihr Ohr, ich bringe dich heim, schließlich weiß ich ja was sich gehört. Du wolltest doch bei Elvira bleiben, oder hast du das nur gesagt damit ich gehe“, wollte Horst wissen. Vielleicht war er ja doch nicht so schlimm versuchte Sabine sich einzureden. „Entschuldige, ich muss nun schnell heim, ich sollte eigentlich um eins zu Hause sein“, antwortete sie und wollte schnell weiter gehen. Horst vertrat ihr den Weg. „Ich bin dir wohl nicht gut genug“, wollte er wissen und sein Alkohol geschwängerter Atem streifte ihr Gesicht. Sabine schwieg, besser sie reizte ihn nicht. Auch als er seinen Arm um ihre Schultern legte wehrte sie sich nicht. Erst als er sie an sich zog stemmte sie sich gegen seine Brust. Mittlerweile waren sie beim Spielplatz abgekommen, nur noch um die Kurve und die Straße halb hinunter, dann war sie daheim. Was hätte sie dafür gegeben nun warm und geborgen in ihrem Bett zu liegen. „Lass mich los“, forderte sie, doch Horst lachte nur und zog sie auf den Spielplatz. „Nun werden wir hier spielen, ich kenne da einige schöne Spiele für Erwachsenen“, höhnte er. Sabine begann zu begreifen dass es nun ernst wurde. Sie zerrte biss und kratzte. Am Ende als sie bemerkte dass sie unterliegen würde begann sie zu Schreien. Neiiiiiiiiiiiiiin, gellte es durch die Nacht. Der Schrei den ich gehört und ignoriert hatte. Horst hielt ihren Mund zu. Ab und an konnte sie sich durch einen Biss kurz befreien, dann schrie sie erneut. Jemand musste sie doch hören, warum kam denn keiner um ihr zu Helfen? Horst umklammerte sie immer fester. Sabine versuchte verzweifelt Luft zu bekommen, sie kämpfte um ihr Leben. Rote Kreise tanzten vor ihren Augen, schließlich wurden sie bunt, dann legte sich dichte Watte um ihren Geist und lähmte ihre Gegenwehr. Am Ende wurde es schwarz in und um sie. Horst war so in Rage gewesen, so sehr darauf fixiert sie zum Schweigen zu bringen das er erst realisierte das ihre Gegenwehr längst erloschen war als er in ihre aufgerissenen starren Augen blickte. „Sabine“, fragte er ratlos. Dann begriff er langsam was er getan hatte, er hatte sie erwürgt. „Sabine“, stammelte er noch mal. „Verdammt das wollte ich nicht, ich wollte doch nur ein wenig Spaß haben, warum zum Teufel hast du nicht still gehalten wie alle anderen es auch getan hätten?“ Fassungslos saß er neben ihrer Leiche. Hätte die Person, die Sabines Schreie vernommen hatte die Polizei gerufen, man ihren Mörder überrascht und ohne nennenswerte Gegenwehr festnehmen können, aber diese Person hatte es vorgezogen zu Schlafen. Langsam erwachte Horst aus seiner Lethargie. Er musste weg hier, er war zum Mörder geworden. Nicht mit Absicht, aber das half ihm nun auch nicht. Er blickte sich um. Leer und dunkel lag die Straße neben ihm. Unbeholfen erhob er sich, warf einen letzten Blick auf die Leiche und ging von dannen.
David betrachtete seine Frau. Seltsam still war sie heute. Schon als er aufgestanden war und ihr mit einem Kuss einen guten Morgen gewünscht hatte war sie so seltsam abwesend gewesen. „Was ist mit dir? Fühlst du dich nicht wohl heute“, wollte er beim Frühstück besorgt wissen?“ „Was?“ Sarah schreckte aus ihren Gedanken auf. „Ob du dich nicht wohl fühlst habe ich gefragt.“ Sinnend blickte Sarah ihren Mann an. Sollte sie ihm erzählen was sie so bedrückte. Wenn er die Nachrichten hörte erfuhr er ohnehin von dem Mord der nur einige Meter von ihrem Haus entfernt begangen worden war. „Hast du heute Nacht nichts ungewöhnliches gehört“, wollte sie wissen? „Nachts schlafe ich, da höre ich gewöhnlich nichts“, flaxte David, wurde allerdings sofort wieder ernst, als er die Tränen sah, die in Sarahs Augen schimmerten. „Na na, was ist denn los“, fragte er betroffen nach. Und da sprudelte die ganze Geschichte aus ihr heraus. Davids Mine wurde immer entsetzter, er dachte nach. Jetzt kommt es mir so vor, als hätte ich auch etwas gehört, allerdings mehr im Unterbewusstsein, richtig aufgewacht bin ich nicht davon, das ist ja schrecklich.“ Nun weinte Sarah richtig. Dicke Tränen rollten ihre Wangen hinab und sie wischte sie ärgerlich fort. „Sie könnte noch leben, wenn ich nicht so bequem gewesen wäre“, klagte sie sich an. „Nun mal langsam, das ist überhaupt nicht bewiesen. Vielleicht wäre der Mörder auch auf dich losgegangen, wenn er dich bemerkt hätte“, fügte David an. „Aber sie könnte noch leben, wenn ich etwas unternommen hätte“, schrie Sarah ihn an. „Begreifst du das überhaupt? Ich bin Schuld an ihrem Tod.“ David nahm sie in seine Arme. Sicher begriff er die Gewissennöte in denen sie steckte, was konnte er tun um ihr zu helfen? „Weißt du was? Wir werden helfen den Mord an ihr aufzuklären“, sagte er entschlossen. Sarah schaute ihn an. „Wie stellst du dir das vor, sie werden uns keine Auskünfte geben“, gab sie zu bedenken. „Nicht offiziell meine ich, wir werden uns umhören. Du weißt doch wie das in einem so kleinen Dorf wie dem unsrigen ist. Der Polizei sagt man nur das Nötigste, aber untereinander blüht der Klatsch. Du bist doch nur einige Jahre älter als Elvira, was denkst du willst du sie nicht einmal einladen?“ „Nicht übel“, gab Sarah zu. „Der Gedanke hat was, aber ich werde behutsam vorgehen, sie zufällig treffen wenn die Schule endet, wir haben ja den gleichen Heimweg. Da könnte man ein unauffälliges Gespräch führen. Du hast Recht, wir können wenigstens versuchen zu helfen damit der Mörder gefasst wird, gleich morgen werde ich um kurz nach eins an der Schule sein.“ David gab Sarah einen Kuss. „Ich sehe schon du hast Feuer gefangen Misses Sherlock Holmes“, frozzelte er, was Sarah ein kleines schiefes Lächeln entlockte. „Eine Woche werde ich warten, auch wenn es schwer fällt, Montag wäre es zu auffällig“, überlegte Sarah laut.
„Elvira, bitte warte.“ Sarah lief hinter der jungen Frau her. Erstaunt blickte diese sie an. „Du wohnst eine Strasse weiter, stimmts“, erinnerte sie sich. Sarah hatte bewusst eine Ecke weiter gewartet, damit es echt aussah, als sei sie nach dem Einkauf zufällig hier entlang gekommen. „Gehst du auch heim“, fragte Sarah betont munter? „Klar“, nickte Elvira. „Sag mal das war ja eine schlimme Sache, das mir deiner Freundin“, begann sie und beobachtete die Wirkung ihrer Worte. „Ach deshalb willst du mit mir gehen, du bist neugierig.“ Elviras Augen blitzten wütend. „Na ja“, Sarah schlug die Augen nieder. „Es hat mich wirklich betroffen gemacht, was deiner Freundin geschehen ist. Eigentlich sollte man annehmen dass so etwas nur in den großen Städten geschieht und nicht hier in unserer kleinen verträumten Gemeinde. Wenn ich daran denke wie oft ich spät in der Nacht nach Hause gekommen bin bevor ich David geheiratete habe.“ Sarah hatte einfach drauflos geredet und erleichtert bemerkte sie wie Elviras zornige Züge sich entspannten. „Entschuldige meine harsche Reaktion“, bat diese, „Ich bin noch sehr betroffen von dem Geschehen und frage mich immer wieder ob ich es hätte verhindern können.“ „Ich auch“, seufzte Sarah. „Was?“ Elvira blickte sie erstaunt an. „Wie hättest du das verhindern sollen?“ Sarah biss sich auf die Lippen. Sie musste vorsichtiger sein. „Na ja, wenn ich zu der Zeit noch auf gewesen wäre und aus dem Fenster geschaut hätte………“ „Ich zermartere mir auch das Hirn mit wenn und warum und komme zu keinem Ergebnis.“ Elvira blieb stehen und schaute Sarah an. Es ist schön dass du Anteil nimmst“, sagte sie und Sarah schämte sich. Wenn du wüsstest, dann würdest du mich verachten, dachte sie. Doch auch Elvira hatte Sabine in die dunkle Nacht hinaus geschickt, ohne sich etwas dabei zu denken, auch sie hatte Schuldgefühle. War irgendjemand Schuld, oder wäre es auch so geschehen? War es Schicksal? Sabines Schicksal, das keiner ändern konnte. In Gedanken versunken liefen die beiden Frauen nebeneinander her. „Wenn Horst nicht früher gegangen wäre dann hätte ich gedacht er war es.“ „Horst, was war mir Horst“, fragte Sarah nach. „Ach der war irgendwie scharf auf Sabine, aber die hat ihn abblitzen lassen, dann ist er wütend abgezogen, Sabine hat noch zehn Minuten gewartet und dann ist sie losgegangen.“ „Hast du das der Polizei erzählt“, wollte Sarah wissen? Sie war stehen geblieben und sah Elvira an. „Nein, wieso denn, er war doch nicht mehr da“, antwortete sie. „Und wenn er gewartet hat“, warf Sarah ein? Elvira erstarrte. „Um Himmels Willen, du meinst er hat…………“ sie vollendete den Satz nicht. „Ich muss zur Polizei und denen das sagen.“ Sie machte Anstalten den Weg zurück zu laufen. Sarah hielt sie am Arm fest. „Das bringt doch nichts, überleg mal, er hatte Zeit genug um sich Ausreden zurecht zu legen, oder ein Alibi zu verschaffen. Wir sollten ihn beobachten“, schlug Sarah vor. „Was weißt du über ihn?“ Elvira dachte nach. „Nicht viel gab sie zu. Er ist ein Weiberheld, trinkt gerne viel und ist fast jeden Abend bei Maus, das ist seine Stammkneipe.“ „Meine ab jetzt auch“, sagte Sarah. Sie machten sich wieder auf den Weg. „Was hältst du davon wenn wir uns am Abend dort treffen und ihm ein wenig auf den Zahn fühlen“, schlug sie vor. „Bist du dabei?“ „Aber sicher“, Elvira hielt die Hand hoch und Sarah schlug ein.
Als Sarah David von ihrem Plan erzählte war er nicht sonderlich begeistert. „Das ist gefährlich“, gab er zu bedenken. „Wenn dieser Typ Sabine tatsächlich umgebracht hat, dann ist das kein Spiel Sarah, ich komme auf jeden Fall mit.“ Am Abend besuchten sie Horsts Stammkneipe. Elvira saß schon an einem der Tische und nickte ihnen zu. Kurze Zeit später betrat Horst die Kneipe. Er blickte sich um und ein breites Grinsen ging über sein Gesicht als er Elvira an einem der Tische entdeckte. „So allein schöne Frau?“ So eine plumpe Anmache, normalerweise hätte Elvira ihm eine gepfefferte Antwort gegeben, aber unter diesen Umständen verbiss sie sich das und setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Horst“, sagte sie scheinbar erfreut. „Setz dich doch zu mir.“ Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Er hob den Arm und brüllte zu Theke hin: „Alfred bring mal zwei Bier.“ „Bier“, Elvira blickte ihn verächtlich an. „Bier ist was für Weicheier.“ „Oh, die Lady hat Ansprüche, na mir soll’s Recht sein, du weißt ja sicher was man von besoffenen Frauen sagt.“ Horst grinste anzüglich und zwinkerte ihr zu. Das lief ja prima, auf die Braut war er schon lange scharf. Das mit ihrer Freundin war zwar blöd gelaufen, aber he nicht zu ändern das Ganze. „Alfred, noch zwei Wodka“, orderte Horst. Als sie kamen kippte er sie hinunter und Elvira tat es ihm nach. Sarah blickte ängstlich zu ihr. „Wenn das mal gut geht“, flüsterte sie David zu. Horst grinste. Wenn das Mädel meinte ihm gewachsen zu sein, sollte es ihm Recht sein, man würde sehen. Spätestens beim sechsten würde sie lallen und dann hatte er leichtes Spiel. Als die Beiden den nächsten Wodka kippten, beobachtete Sarah Elvira genauer und dann grinste sie erleichtert. David, der in einem anderen Winkel saß blickte sie fragend an. Sarah beugte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: „Alle Achtung, das Mädel hat’s drauf, sie kippt den Schnaps an ihrem Ohr vorbei in den Blumentopf hinter ihr.“ Elvira schüttelte sich. Noch einen“, wollte Horst grinsend wissen? „Klar, immer her mit dem Zeug“, Elvira blickte ungerührt. „Alle Achtung Mädel“, Horst haute ihr begeistert auf die Schulter und orderte die nächste Runde. Nach einer Weile wirkte er sichtlich angeschlagen. „Na Cowboy, geht noch einer?“ Elvira grinste. „Du verträgst vielleicht einen Stiefel“, meinte Horst bewundernd. Elvira zuckte nur mit den Schultern. „Wenn du nichts verträgst, solltest du dich nicht mit einer Frau einlassen, wir sind stärker als so mancher Mann meint“, dabei grinste sie anzüglich. Horst beugte sich zu ihr. „Das hat deine Freundin auch gedacht, die hat sich vielleicht gewehrt“, flüsterte er ihr zu. Elvira bekam eine Gänsehaut an den Armen. Nun nur keinen Fehler begehen. „Ich muss mal eben für kleine Mädchen“, verabschiedete sie sich kurz und besuchte die Toilette. Dort schaltete sie den Recorder ein und kam kurze Zeit später wieder an ihren Tisch zurück. Horst hatte die nächste Runde bestellt. Diesen Schnaps kippte sie nun wirklich hinunter, den brauchte sie. „Du gibst doch nur an“, höhnte sie. „Willst du mir etwa weismachen dass du Sabine gekillt hast?“ Unsicher sah Horst sie an. Dann fand er sein Selbstbewusstsein wieder. „Und ob ich das habe, erst heiß machen und dann abschieben, aber nicht mit mir“, prahlte er. „Du gibst doch nur an“, forderte Elvira ihn heraus. „Du lagst schon längst warm und weich in deinem Bettchen, da hast du das sicher geträumt.“ „Oh nein, ich habe an der Ecke gewartet und eine Kippe geraucht, nach zehn Minuten kam sie wie ich mir das gedacht habe. Sie hatte vielleicht Schiss, wie ein Hase ist sie gerannt, aber ich war schneller. Auf dem Spielplatz habe ich es ihr besorgen wollen, konnte ich denn ahnen dass sie sich wie eine Irre wehrt? Selbst Schuld das sie ins Gras beißen musste.“ Horst Sprachvermögen hatte einiges an Sicherheit eingebüßt. „Dankeschön“, sagte Elvira. „Wie, was, wofür, ach du denkst du hast mich.“ Horst lachte laut und hässlich. „Beweise Mädchen, du hast keine Beweise, geh nur zu den Bullen, ich werde alles abstreiten. Ruhig öffnete Elvira ihre Tasche und zog das Aufnahmegerät heraus. „Hier ist der Beweis“, höhnte sie. Horst stieß einen Wutschrei aus und wollte ihr das Gerät entreißen, aber David war schon zur Stelle und nahm es in Verwahrung. „Herr Wirt, bitte rufen sie die Polizei“, bat er. Horst sprang auf und rannte aus der Kneipe. Sarah wollte hinterher, aber David hielt sie fest. „Das brauchst du nicht, die Polizei wird ihn fangen.“ „Und einen Beweis gibt es auch, er hat eine Zigarette geraucht in dieser Nacht an der Ecke, sicher liegt die Kippe noch dort.“ David nahm Sarah und Elvira in den Arm. „Gut gemacht meine Damen“, lobte er sie. Die Beiden verbindet heute eine Freundschaft und ab und zu reden sie noch von Sabine.
By Gitte