Schnee!

 

Gerne hätte George Carmichael geflucht, aber der Schlauch in seinem Mund, der ihm Luft zuführte, hinderte ihn daran. Er hatte sie unterschätzt, die ehrenwerte Familie.

 

Als er Maria kennen lernte, wäre ihm im Traum nicht die Idee gekommen, dass es sich bei ihr um die Tochter des Mafia-Paten, Carlo Ciccione , handeln könnte. Maria war ein liebes, schüchternes und unglaublich schönes Mädchen. George hatte sich auf der Stelle in sie verliebt.

 

Als sie George ihrem Vater vorstellte, verschluckte sich dieser an seinem Whisky.

 „Das ist nicht Dein Ernst!“ grollte er. „Maria! Du bist gerade 16 Jahre alt!“

„Erwachsen genug und ich liebe ihn“ hatte die ansonsten so folgsame Maria ungerührt erwidert. George hatte das ungemein imponiert.

 

Dann hatte Carlo ihn mit in sein Büro genommen.

„Was glaubst Du, wer ich bin“, hatte er George gefragt. George hatte die Schultern gezuckt. „Ein besorgter Vater?“ hatte er ungerührt erwidert.

Carlo lachte wieder und es klang alles andere als freundlich.

„Hast Du schon einmal von der Familie gehört?“

„Klar, ich hab auch eine.“ entgegnete George schnodderig.

Carlo stellte sich dicht vor ihn und sah ihm in die Augen.

„Auch einen Paten?“ fragte er.

 

George zuckte zusammen, fing sich aber sofort wieder. Es lief ihm ein eiskalter Schauer den Rücken herunter. Er stöhnte innerlich, dass konnte nicht wahr sein, die Mafia. Er hatte sich ausgerechnet in die Tochter einer Mafiagröße verliebt!

Carlo grinste verächtlich. „Schiss bekommen.“ lächelte er boshaft.

George riss sich zusammen und straffte sich: „Nein, keineswegs!“ und zwang sich, Carlo in die Augen zu blicken.

 

„Na, schön.“ stellte Carlo fest. Er nestelte einen  kleinen Tresorschüssel von seiner Halskette. „Nur, damit Du weißt, in welcher Größenordnung du hier versuchst mitzuspielen.“ meinte er und öffnete den Tresor.

Der Innenraum des Tresors war angefüllt mit Plastiksäckchen, die ein weißes Pulver enthielten.

„Weißt Du, was das ist? Und welchen Wert es hat?“ fragte er überheblich.

 

Vor Georges Blick, der auf Carlos Gesicht gerichtet war schob sich ein anderes, verzerrtes Frauengesicht. Es war das Gesicht seiner Schwester, die erst vor kurzer  Zeit an einer Überdosis Kokain gestorben war.

„Millionen!“, tönte es wie durch Watte gedämpft an sein Ohr.

 

Was nun passierte, war eine reine Reflexhandlung. Ohne auch nur einen Moment nachzudenken, fasste George zu, schnappte sich eines dieser Päckchen und sprang mit einem riesigen Satz an Carlos verdutztem Gesicht vorbei aus dem Fenster. Carlo fluchte und brüllte nach seinen Gorillas.

„Schnappt diesen Bastard!“.

George rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Er hetzte voran und bevor Carlo seine Männer zusammengetrommelt hatte, hatte er schon einen beachtlichen Vorsprung.

 

Seinen Wagen hatte er zurückgelassen. Er verließ das Grundstück und jagte zur Landstraße, über die er hergekommen war. Es dämmerte bereits und George sah in der Ferne Scheinwerfer auftauchen, die geradewegs auf ihn zukamen. Er stopfte den Sack unter sein Jackett und band den Gürtel fest. Dann stellte er sich wild winkend an den Straßenrand. Ein kleiner Lieferwagen verlangsamte die Fahrt und hielt schließlich auf seiner Höhe an.

 

„Brauchen sie Hilfe, Mister?“ fragte der Fahrer, ein freundlicher Herr in einer Mönchskutte. „Das wäre sehr freundlich. Man hat meinen Wagen gestohlen. Ich hielt an, um zu helfen und der angeblich Verletzte sprang auf, stieg in meinen Wagen und fort war er.“, improvisierte George eine Geschichte.

„Steigen Sie ein. Ich bin Bruder Gideon und habe Vorräte für unser Kloster eingekauft. Aber ein wenig Platz ist noch da.“ stellte er sich vor. Er musterte George von der Seite während  er weiterfuhr.

 

„Auch ein Genießer!“ grinste er und deutete auf  seinen George’s nicht zu übersehenden Bauch.

George grinste zurück und ihm kam eine blendende Idee.

„Bruder Gideon, das war ein anstrengender, aufregender Tag. Kann ich vielleicht im Kloster bei Ihnen übernachten?“

„Selbstverständlich, wir haben fast immer eine Gastzelle frei. Wollen Sie nicht Ihr Jackett ablegen?“

„Nein, mir ist nicht warm, ich glaube der Schreck hat mir sehr zugesetzt“, entgegnete George und hoffte sein gerötetes Gesicht strafte ihn nicht zu sehr Lügen.

 

Bruder Gideon summte einige Lieder vor sich hin und George schlummerte nach einiger Zeit ein wenig ein. Er schreckte hoch, als der Wagen anhielt. Vor ihnen ragten die Umrisse eines imposanten Klosters in den mittlerweile nachtblauen Himmel.

 

Bruder Gideon stieg aus und öffnete die Pforte. Dann brachte er den Besucher zum Abt des Klosters, der ihm ohne viel zu fragen, eine Gastzelle anbot. Als George dann allein war, öffnete er mit seinem Taschenmesser den Strohsack des Bettes, auf dem er nächtigen sollte. Er stopfte den Sack mit den Drogen hinein und knotete einige der Fasern zusammen und hoffte, dass es bei oberflächlichem Hinsehen nicht auffiel. Er selbst schlief auf seinem zusammengelegten Jackett, denn er konnte nicht riskieren, dass der Strohsack beim Benutzen platzte. Am nächsten Morgen stopfte er das entfernte Stroh unter sein Hemd, denn sein „Bauch“ konnte ja nicht über Nacht verschwunden sein. Nach einer Morgensuppe, die Bruder Gideon ihm brachte, verließ er das Kloster.

 

Es dauerte eine Weile, bis er an sein Ziel gelangte, seine Villa in Miami Beach. Da keine Zwischenfälle passiert waren, hatte seine Anspannung ein wenig nachgelassen. Trotz allem schlich er sich vorsichtig in sein Haus.

 

Den Hünen hinter der Türe, der seine Ankunft schon beobachtet hatte, bemerkte er allerdings zu spät. Er bekam einen Schlag auf den Kopf, der ihn außer Gefecht setzte. Als er wieder zu sich kam, saß er mit gefesselten Händen auf einem Stuhl.

Carlo grinste ihn an. „Du hast etwas, das mir gehört! Bekomme ich es freiwillig zurück?“ wollte er wissen.

„Keine Ahnung,  wovon du redest…“ entgegnete George.

„Gut, Du wirst Zeit zum Nachdenken haben!“.

 

Er gab dem Gorilla, der hinter George stand, ein Zeichen. Der lud ihn sich mühelos auf seine breiten Schultern und schleppte ihn einige Meter weiter zum Strand. Zwischen steinigen

Felsen legten sie ihn in eine vorbereitete Grube,  stopften ihm einen Schlauch in den Mund und gruben ihn knapp unter der Oberfläche ein.

 

Wie lange mochte er hier schon liegen? Die Zeit war hier kein Begriff, seine Glieder schmerzten, der Sand klebte an seinem Körper fest und dass er vor Angst schwitzte, machte die Situation nicht leichter. Wie lange würden sie ihn hier schmoren lassen? Er versank in einem Dämmerzustand … was war, wenn der Schlauch verstopfte, beispielsweise ein Tier hineinkroch, … nein, solche Gedanken musste er abschütteln, sie führten nur zur Panik. Sie würden bald  kommen und ihn holen, denn sie wollten ja ihren Stoff wieder bekommen.

 

Er spürte eine leichte Bewegung an der Oberfläche, oder bildete er sich das nur ein?

Nein! Etwas scharrte im Sand. Licht blendete ihn und etwas Nasses wischte über sein Gesicht. Er spuckte den Schlauch aus.

„Dancer! Dancer!“ krächzte er erleichtert.

Dancer, der kleine Terrier, war außer sich vor Freude, immer wieder leckte er sein Gesicht.


Sie hatten ihn Dancer genannt, weil er immer lief, als tanze er durchs Leben.

Also war Gina zurück. Gina war seine Frau, die einige Tage mit Dancer bei seinen Eltern gewesen war. Nun hörte er sie auch, sie rief nach dem Hund. Dancer  rannte ein Stück in die Richtung, aus der ihre Stimme kam, aber er konnte sich nicht entscheiden, George zurück zu lassen, Schließlich kann Gina und fand ihn.

 

 

„Binde mich los!“ befahl George.

Sie betrachtete ihn kalt. Nie hatten ihre Augen so gefühllos gewirkt.

„Maria sucht Dich, deshalb bin ich hier. Hast Du mir was zu sagen?“ wollte sie wissen.

„Maria, was soll schon mit Maria sein, ich bitte Dich, sie ist doch noch ein Kind!“

Angst stieg in ihm auf.

„Binde mich endlich los, verdammt noch mal, oder willst Du mich hier verschimmeln lassen.“ forderte er.

„Genau das mein Lieber. und diesmal wird auch Dancer niemanden zu dir führen, warum können Männer nur nicht treu sein?“

Sie schlug dem Hund schwer gegen den Kopf, worauf der sofort tödlich getroffen zusammensackte.

Dann legte sie ihn George auf die Brust und grub beide wieder ein, diesmal allerdings ohne den lebensspendenden Schlauch.

 

George wollte schreien, Sand drang in seinen Mund, er merkte noch kurz wie Gina auf dem Sand herum tanzte. Einen Tanz, der ihm das Leben kostete.

 

© By Gitte