Schwester Constanze!
Seit einigen Wochen arbeite ich nun immer Montag Morgen als Helferin im Altenheim. Das neue Jahr hatte gerade begonnen und ich betrat die Küche, in der immer die Einteilung stattfindet.
Die Stimmung scheint gedrückter als sonst. Anja, die neben mir sitzt flüstert mir zu: „Heute kommt unser Dragoner wieder.“ „Wer ist denn das“, wollte ich neugierig wissen? „Unsere Schwester Constanze, sie hatte Urlaub und deshalb kennst du sie noch nicht.“ Kaum hatte sie ausgesprochen, als die Türe aufflog und eine kleine, aber äußerst drahtige Person schoss in den Raum. Sie strahlte eine unglaubliche Energie aus und schien förmlich unter Dampf zu stehen. Alle Mitarbeiterinnen hatten plötzlich dringende Dinge zu erledigen und ehe ich mich versah, stand ich mit der Stationsleiterin Schwester Maria und Schwester Constanze allein im Raum. „Neues Jahr, neue Ziele“, donnerte Constanze los. „Es gibt viel zu tun, also die Ärmel hoch und ran.“ Hatte ich mich verhört, oder war Maria wirklich ein Seufzer entwichen. Als ich sie ansah, war ihr Gesicht ruhig wie immer.
„Also dann, Gitti gehen sie mit Schwester Constanze zur Pflege“, wies sie uns an. So heftete ich mich an ihre Fersen und hatte Mühe ihrem Schritt zu folgen. In Laufen drehte sie sich halb herum und sprach: „Zuerst gehen wir zu Herrn Kramer. Erst qualmen und saufen ein Leben lang und dann jammern und nicht wieder in die Puschen kommen, das sind die Richtigen. Ziemlich schockiert sah ich sie an. „Na guck nicht so, ist doch war, Feuer unterm Po brauchen hier einige.“ Und das machte sie ihm dann auch. Sie drückte ihn den feuchten Lappen in die Hand und kommandierte: „Los, waschen.“ Unsicher sah der Herr uns an und fügte sich dann seufzend in sein Schicksal. „Du kannst schon einmal Herrn Wittke versorgen, er liegt gleich daneben, aber verzärtele ihn nicht, sonst bade ich das Morgen aus“, befahl sie mir und ich machte mich an meine Arbeit. Herr Wittke schickte einen Blick zu der resoluten Schwester und dann einen wie mir schien dankbaren auf mich. Während ich ihn wusch und rasierte, hörte ich immer wieder Constanzes Kommando Ton, mit dem sie Herrn Kramer anfeuerte. Das konnte ja heiter werden, hoffentlich ging dieser Tag schnell vorbei. Danach arbeiteten wir Seite an Seite und wuschen und versorgten die Patienten und Patientinnen. Schließlich landeten wir bei Frau Konopke, sie war einer von den ganz schweren Fällen und nicht in der Lage zu irgendeiner Reaktion. Schwester Constanze hob sie an, im ihr Nachthemd zu wechseln. „Armes Luder“, meinte sie, dabei bin ich sicher, du könntest, wenn du nur wolltest. Frau Konopke stieß einen Jammerlaut aus und schloss die Augen, als Schwester Constanze zufällig ihren Mund berührte floss ein dünner Lichtstrahl dort heraus, wanderte ihren Arm hoch und verschwand in ihrem erstaunt geöffnet stehenden Mund. Er verschwand darin und dann kam wieder ein Strahl heraus und nahm den gleichen Weg zurück. Der einzige Unterschied war die Farbe, war der erste blassblau gewesen, war der zurückfließende von einem grellen Rot. Das Ganze hatte sich unglaublich schnell abgespielt und fast hätte ich an eine Sinnestäuschung geglaubt, hätte sich nicht etwas verändert. Als ich Schwester Constanze ansah, hatte sich auf ihren Gesicht eine Milde ausgebreitet, während Frau Konopkes Augen plötzlich wild blickten.
In der folgenden Zeit erlebten wir seltsames. Schwester Constanze war von einer plötzlichen ungewohnten Güte, gepaart mit Weisheit, die am Anfang mit Skepsis betrachtet wurde, dann begann man die „neue Constanze“ immer mehr in den Kolleginnen Kreis einzubeziehen. Nur das Zimmer von Frau Konopke betrat sie nicht mehr. Während dessen vollzog sich auch mit der eine Wandlung. Von Woche zu Woche machte sie Fortschritte, sie arbeitete verbissen an sich. Das erste Mal bemerkte ich, dass sie nun, wenn ich ihr meine Hände reichte statt sie nur dankbar zu drücken versuchte sich an ihnen hoch zu ziehen. Später begann sie bei der Pflege mit zu arbeiten, sie stützte sich mit den Fersen ab und verschaffte ihrem Körper mit der Zeit Spannung und langsam wieder eine Muskulatur, es war verblüffend zu sehen, was sie sich abverlangte und welche Fortschritte sie langsam, aber stetig machte. Schwester Constanze lächelte, wenn wir ihr davon berichteten. Ihr Zimmer betrat sie aber nach wie vor nie. Oft fanden wir Frau Konopke schweißgebadet vor und als der Arzt sie Besuchte machte sie ihm mit Gesten klar, das sie wieder zu Essen wünschte und die Magensonde die sie bisher ernährt hatte entfernt werden sollte. Die Monate vergingen und Frau Konopke schaffte immer mehr. Als ich ihr an einem Tage das Essen gereicht hatte und mich zur Türe wendete vernahm ich ein leises „He.“ „Na das Sprechen klappt auch wieder“, freute ich mich mit ihr. „Fabelhaft, machen sie weiter so und sie kommen wieder richtig auf die Beine.“ Sie strahlte mich an und nickte. Was für ein Fortschritt, für eine Frau, die vor nicht allzu langer Zeit noch dem Tode entgegen gedämmert war. Nun ging es rasant vorwärts, nach einiger Zeit bat sie mich ihr meinen Arm zu reichen und sie lief, zwar auf zitternden Beinen, aber sie lief. Die Freudentränen rannen ihr über die noch ausgezehrten Wangen. „Nächsten Montag verlassen wir dieses Zimmer“, sprach sie und die Vorfreude rötete ihre Wangen. Dann war es soweit. Ziemlich sicher auf den Beinen schritt sie an meinem Arm stolz neben mir und führte mich zielsicher in die Stationsküche. „Wo ist Schwester Constance“, wollte sie wissen und ich bat Anja, die sich dort aufhielt die Gesuchte zu holen. Als diese auf uns zukam, löste Frau Konopke sich aus meinem Arm und umhalste die Schwester. Wieder sah ich diese Lichtbahnen von einer zur Anderen strömen und dann blitzten Schwester Constanzes Augen wieder wie an dem Tage, als ich sie kennen gelernt hatte. Anja war der Mund offen stehen geblieben. „Hast du das gesehen“, stotterte sie und zeigte auf die beiden Frauen. „Nein, was denn“, fragte ich harmlos zurück und wir drei blickten uns Verständnis innig an.
Nach einiger Zeit wurde Frau Konopke auf eine andere Station verlegt, sie brauchte nun keine Rundum Pflege mehr. Man bot ihr einen Rollstuhl an, aber sie weigerte sich ihn zu benutzen. „Viel zu lange habe ich es mir bequem gemacht, man muss kämpfen, wenn man im Leben bestehen will, das habe ich gelernt“, erwiderte sie und blickte Schwester Constanze an, die zurück lächelte. „Meine Rede“, entgegnete sie trocken. Frau Konopke kam noch einmal zurück. „Sie schreiben Geschichten Gitte“, sagte sie „bitte schreiben sie doch diese auf, damit Leute wie Schwester Constanze nicht länger verkannt werden, wäre sie nicht gewesen, der Dragoner, der Drache, wie man sie nennt, mich gäbe es längst nicht mehr. Ihre Kraft und ihre Stärke hat es mit ermöglicht wieder in ein neu geschenktes Leben zu gehen.“ Mit diesen Worten schritt sie davon, sie sah nicht zurück, denn das darf man nicht, will man nicht wiederkommen, aber wir besuchten sie in ihrem neuen Zimmer und ab und zu begleite ich sie in die Stadt.
© By Gitte