Tante Anni wird 100!

Letztes Jahr gab es eine große Feier! Tante Anni wurde hundert Jahre alt.  Sie war mit siebenundachtzig Jahren hier auf der Erde gestorben. Aber dort, in ihrer neuen Heimat, ist so ein Geburtstag genauso wie hier ein großer Ehrentag.

Der „Chef“, wie man in dieser neuen Heimat den lieben Gott bezeichnet,  bestellte Anni einige Tage vorher in sein Büro.

 

„Na, Anni“, begann er freundlich, „ich hoffe, es gefällt dir hier.“

„Sehr gut, Herr.“, bestätigte Anni.

„Nun, du hast in der nächsten Woche deinen hundertsten Geburtstag! Wo  möchtest du denn Feiern und was wünschst du dir?“

„Ja - eigentlich habe ich überhaupt keine Wünsche“, entgegnete Anni  nachdenklich.

„Nun, überleg es dir bis morgen und gib mir dann Bescheid“, bekam sie zur Antwort.

 

Am anderen Morgen wusste Anni, was sie gerne wollte.

„Darf ich auch auf der Erde feiern?“, fragte sie.

„Sicher, wenn möglich, werde ich dir deinen Wunsch erfüllen. Wo also möchtest du feiern?“ fragte der Chef schmunzelnd.

 

 „Auf der Villa Hügel!“ kam die prompte Antwort.

Der Herrgott reagierte überrascht: „Wie kommst du denn darauf?“

„Herr, du weißt ja, dort habe ich in meiner Jugend als Dienstmädchen gearbeitet. Und ich hatte immer den Wunsch selbst einmal an dieser herrlichen Tafel zu sitzen.“

„Also schön, am 30. Mai feiern wir deinen Geburtstag im Festsaal der Villa Hügel“, stimmte der Chef zu.

„Herr, wirst du auch kommen?“ wollte Anni wissen.

„Wenn du mich einlädst, werde ich auch kommen“, bestätigte er freundlich. „Aber nun spute dich und fertige die Gästeliste an!

Wir feiern um Mitternacht, denn dann ist ja auf Erden die „Geisterstunde“.“

 

Nun hatte Anni eine Menge zu überlegen. Wer soll dabei sein? Ihr Mann Karl, Fritz, der Butler, natürlich, Ihre Schwägerin Auguste, die auch dort als Küchenmädchen gearbeitet hatte, ihre Eltern und Geschwister, ihre Freundin Emmy, auch ein ehemaliges Dienstmädchen, und natürlich der Chef als Ehrengast. Das wird ein Spaß! Die anderen werden staunen! Damit hat er ihr wirklich eine Freude bereitet.

 

Es klopfte an der Türe.

„Herein!“ rief Anni überrascht.

Eine schlanke, elegante Dame trat ein.

„Bist du Anni, die bald ihren 100. Geburtstag feiert?“ erkundigte sie sich.

Anni bejahte – was in aller Welt wollte diese vornehme, fremde Dame denn von ihr?

„Mein Name ist Coco“, stellte die sich nun vor.

Coco welch seltsamer Name, dachte Anni verwundert….

Die Dame bemerkte dies und lächelte: „ Coco Chanel, um genau zu sein. Hast du meinen Namen vielleicht schon mal irgendwo gehört?“

Anni riss die Augen auf: „Die Coco Chanel, die berühmte Modezarin?“ „Ja, so nannte man mich oft.“ Die Dame nickte amüsiert.

„Ja, was in aller Welt wollen sie denn von mir?“ fragte Anni völlig fassungslos. „Ich bin doch nur eine ganz einfache Frau.“

Coco lächelt: „Erst einmal wollen wir „du“ zueinander sagen, Anni, denn hier sind wir doch alle gleich! Der Herr gab mir den Auftrag, dich einzukleiden!“

„Das ist doch nun wirklich nicht nötig.“ Anni war das Aufheben um ihre Person peinlich.

„Willst du den Chef betrüben?“ fragte Coco. „Er möchte dir doch gerne eine Freude bereiten!“

„Ja, du hast Recht. Ich freue mich ja auch mächtig und der Rahmen soll auch stimmen, also los!“

„Was würdest du gerne tragen?“ erkundigte Coco sich.

„Nun, vielleicht ein braunes Kostüm?“ überlegte Anni laut; sie kleidete sich gerne unauffällig.

 

Coco schnippte mit der linken Hand und wie durch Zauberei erschien ein großer Standspiegel. Sie schnippte mit der rechten Hand und Anni trug ein schlichtes, aber elegantes braunes Kostüm.

„Darf ich dir einen Vorschlag machen?“ fragt Coco, als sie sie betrachtet hatte.

„Gern.“ willigte Anni ein, „du hast ja mehr Ahnung von Mode als ich…“

 Coco schnippt links und das braune Kostüm verschwand, sie schnippt rechts und stattdessen trug Anni nun ein taubenblaues, das sehr viel besser zu ihren dunklen Haaren passte.

 

Coco klatschte begeistert in ihre Hände: „Oui, c’est parfait!“ rief sie erfreut.

Anni betrachtete sich erstaunt im Spiegel. Was eine andere Farbe ausmachen konnte! Sie gefiel sich ausnehmend gut in diesem Kostüm. Schnell zog sie es aus und hängte es in den Schrank.  Es sollte ja nichts dran kommen vor dem Fest!

 

 

Coco verabschiedete sich lächelnd.

„Halt!“ rief Anni, „Magst du nicht zu meiner Feier kommen?“

„Mais oui, wenn du mich dabei haben möchtest, ist mir das eine Ehre.“ Anni strahlte: „Abgemacht, Coco! Ich freue mich, wenn du kommst, so vornehme Gäste hatte ich noch nie!“

 

Die Einladungen waren sind ausgesprochen und trotz Annis wachsender Nervosität nahte der große Tag schnell. Kurz vor Mitternacht versammelten sich alle vor der Bürotüre des Herrn. Endlich kam er aus dem Kontor, denn er hatte immer sehr viel zu tun und arbeitete fast rund um die Uhr. Er reichte Anni den Arm und stellte sich zu ihrer Rechten, den linken Arm bekam ihr „Kallemann“. Hinter den dreien gingen Annis Eltern, dann ihre Geschwister mit ihren Gatten und dann die Freunde.

 

Alle waren schrecklich aufgeregt und trugen natürlich Festtagskleidung. Da hob der Herr den Arm und die Umgebung veränderte sich:

 

Die Geburtstagsgesellschaft stand im sanft erhellten Park der Villa Hügel. In den Ästen der Bäume hingen bunte Lampions und die Gäste standen auf einem roten Läufer, der in die Villa hineinführte.

Anni liefen die Tränen über die Wangen.

„Der rote Teppich, der wurde immer nur für Staatsbesuch ausgerollt!“ flüsterte sie ergriffen. Karl drückte beruhigend ihre Hand, aber er war  selbst fürchterlich aufgeregt.

 

Als sie die Stufen emporstiegen, ertönte Klaviermusik.

Der Herr hatte an alles gedacht.

Immer näher kamen sie heran. Wem wohl dieser Charakterkopf mit der Löwenmähne gehörte? Und die Melodie kam ihr doch so bekannt vor!

 

Da fiel es Anni wie Schuppen von den Augen: Beethoven, das war Ludwig van Beethoven, er spielte Lieder aus seiner Oper Fidelio, die Anni so liebte. Sie klatschte vor Freude in die Hände.

Ludwig drehte sich herum.

„Werte Dame! Geburtstagskind! Ich gratuliere herzlich!“ sprach er. „Meister, Sie haben mich gehört, sind Sie denn nicht taub?“, entgegnete Anni verwundert.

„Hier nicht mehr verehrte Anni, hier nicht mehr.“ antwortete er und lächelte dem Herrgott zu.

Dann nahm er wieder Platz und spielte weiter, während der Herr und Karl Anni zu dem Ehrenplatze führen.

 

 

Die Tafel war fürstlich gedeckt, Anni sollte an der Hauptseite sitzen, doch  sie weigerte sich strikt: „Da gehört der Herr hin!“

Aber an seiner rechten Seite, da nahm sie gerne Platz. Ihr Blick schweifte durch den Saal.

Plötzlich sah sie einen Kunstmaler.

„Wer ist das, Herr?“ flüsterte sie.

„Das, meine Liebe, ist Carl Spitzweg. Er wird diese Feier zur Erinnerung für dich auf Leinwand festhalten. Das ist mein besonderes Geschenk. damit du dich immer an diesen Tag erinnerst.“

Anni fand keine Worte; sie drückte dem Herrn dankbar und gerührt den Arm.

 

Da öffneten sich die prächtigen Flügeltüren und herein trat Berta Krupp von Bohlen und Halbach. Es folgten ihr die Töchter, Irmgard und Waltraud. Sie trugen Suppenterrinen aus kostbarstem Meissner Porzellan und schickten sich an, die Gäste zu bedienen.

Anni sprang bestürzt auf. „Aber meine Damen!“ stammelte sie, „Was machen sie denn da!?“

Berta lächelte freundlich: „Du warst eine hervorragende Kraft, liebe Anni. Alles ändert sich. Damals hast su uns bedient und heute tragen wir dir auf.“

Es gab ein köstliches Essen, aber das war für Anni Nebensache.

Sie hatte die schönste und außergewöhnlichste Geburtstagsfeier die sich ein Mensch denken kann!

Und wenn sie auch nicht immer mit dem Herrn einer Meinung gewesen war, heute hatte er ihr eine unglaubliche Freude bereitet. Noch Tage danach sprach man im Himmel von diesem unvergleichlichen Fest.

 

© By Gitte