Tante Annis
Hühnerhof!
Tante Anni
und Onkel Fritz wurden Mitte der Dreißiger Jahre geboren. Als sie sich Mitte
der Fünfziger kennen lernten, war Onkel Fritz gerade Busfahrer. Er war ein
rechter Tausendsassa und es gab kaum einen Beruf, in dem er sich nicht
auskannte. Nun erwartete Tante Anni ein Kind und er besann sich auf seine
Wurzeln. Die Beiden heirateten und zogen in ein kleines Dorf im Süden
Deutschlands, in dem Onkel Fritz Familie wohnte. Seine Eltern und seine
Schwester bewirtschafteten dort jeweils einen Bauernhof.
Die beiden
bauten sich da eine große Hühnerfarm auf. Wir freuten uns immer sehr, wenn sie
zu Besuch kamen. Onkel Fritz brachte immer solche herrlichen Zigaretten mit und
wenn die Familie sie rauchte, wurden alle ungeheuer lustig. Oma verstand das
nicht, ihre Zigaretten hatten keinen
solchen Effekt. Wir wussten nur, dass Onkel Fritz diese Zigaretten selbst drehte,
aber der Inhalt war sein Geheimnis.
Mitte der sechziger
Jahre waren nun meine Eltern und ich zu Besuch bei Onkel Fritz, Tante Anni, deren
Sohn Dieter und der gerade geborenen kleinen Anja. Tante Anni wies mich in die
Kunst der Eier-Verarbeitung ein.
Bevor die
Eier verkauft wurden, gab es nämlich eine ganze Menge zu tun. Mit einem großen
geflochtenen Korb sammelten wir im Stall die Eier ein, Tante Anni wusste genau,
welches Huhn, wie viele wo hinlegt. Danach wurden sie abgewischt und nach
Größen sortiert. Auf dem Tisch standen mehrere Papptabletts und eine Schablone,
es gab die Größen A bis E. Die Größe A
ist die größte, dann wurden die Eier kleiner, bis Größe E. Zudem standen abseits noch zwei Tabletts für
die Größen S und SS, das sind die Sondergrößen. Diese Eier sind waren dick und
Doppel „S“ beinhaltete gewöhnlich sogar zwei Dotter. Nach einer Weile brauchte
man die Schablone nicht mehr, man erkannte gleich, um welche Größe es sich
handelte. Jedes 10. Ei wurde durchleuchtet, um zu sehen, ob kein Blut oder
sonst etwas darin war, was auf eine Krankheit schließen ließ. Die Arbeit machte
mir Spaß und ich half gern.
Am Abend saßen
wir dann zusammen, die Männer tranken Bier, die Frauen Wein und wir schwatzen
und rauchten. Da ich kräftig mitgeholfen hatte und mit meinen vierzehn Jahren
auch schon als Verkaufslehrling arbeitete, zählte ich nun zu den Erwachsenen.
Ich rauchte schon eine ganze Weile heimlich, aber nun durfte ich das offiziell
tun und bekam auch eine von Onkel Fritz’ begehrten Zigaretten. Gespannt wartete
ich auf die Wirkung und tatsächlich, mir wurde so leicht und lustig zu Mute,
ich hätte in einer Tour kichern können, alles machte Spaß. Wir hatten uns alle
lange nicht gesehen, die Stimmung war ausgelassen und dem Alkohol wurde auch
fleißig zugesprochen.
Irgendwann
im Laufe des Abends, gelang uns, was wir schon so lange versucht hatten: Onkel
Fritz gab das Geheimnis seiner sagenhaften Zigaretten preis. Wir lauschten
gespannt.
„Es ist ein
Kraut, das wir hier anbauen“, berichtete Onkel Fritz. „Es nennt sich Hanf und
hat eine berauschende Wirkung. Meine Eltern hatten durch Zufall mal eine
Pflanze, die sie für Unkraut hielten, stehen lassen.
Ein
Gaukler, der im Dorf gastierte kannte diese Pflanze und berichtete uns von
ihrer Wirkung. Danach bauten wir sie gezielt an, aber versteckt in der Mitte
eines Weizenfeldes.“
Wir waren alle aus dem Häuschen, endlich
erfuhren wir, was diese sagenhaften Zigaretten enthielten. „Ihr dürft aber zu
niemandem darüber sprechen“, ermahnte uns Onkel Fritz und man sah ihm an, dass
es ihm unbehaglich war, sein Geheimnis preisgegeben zu haben. Danach war die
Stimmung ein wenig gedrückt und wir beendeten den Abend.
Selbstverständlich
drehte sich in unseren Köpfen alles um das Kraut, aber wir wollten den sonst so
lustigen Onkel Fritz nicht betrüben und redeten nicht mehr davon. Allerdings
kam mir am nächsten Abend, als wir wieder zusammen saßen eine Idee. „Sag mal, “
begann ich vorsichtig, „Welche Wirkung hat das Kraut eigentlich auf Tiere?“, wandte
ich mich an Onkel Fritz.
Der sah
mich verblüfft an: „Warum fragst du, worauf willst du hinaus?“ wollte er betont
harmlos wissen. Aber ich sah am Glitzern seiner Augen, dass er sehr
interessiert war.
„Wenn man
Hühner doch mit Fischmehl füttert, schmecken die Eier danach, hast du erzählt
… was wäre wenn…“
Den Rest
des Satzes ließ ich im Raum stehen, aber jeder hatte verstanden. Könnte es gelingen, Eier zu produzieren, die
glücklich machen?
Wir hingen
eine Weile unseren Gedanken nach. „Okay“, meinte Onkel Fritz nach einigem
Überlegen, „ich gebe dir fünf Hühner, die du separat halten kannst, dem Futter fügen
wir das Kraut zu, es war deine Idee, es ist dein Experiment.“ Nun war ich
unglaublich stolz, aber ich meldete Bedenken an: „Dass du mir aber keine
kranken Tiere gibst, wenn die den Zusatz nicht verkraften, heißt das nicht,
dass es nicht geht, sondern vielleicht nur, dass sie nicht stark genug waren.“
Daran, dass Onkel Fritz rot wurde, sah ich, genau mit diesem Gedanken hatte er
gespielt. Er gab mir nun die Hand darauf und wir beschlossen am nächsten Tage
das Experiment zu starten.
Onkel Fritz
hielt Wort, ich bekam ein Stück im Stall mit Maschendraht abgeteilt und durfte
mir selbst fünf prächtige Hühner aussuchen. Zuerst mischte ich dem Futter eine
geringe Dosis bei, denn Hühner sind ja kleine Wesen und umbringen wollte ich
sie schließlich nicht, ich wollte sie vorsichtig an diesen Futter Zusatz gewöhnen.
Am ersten Tage passierte wenig und so erhöhte ich am nächsten Tage die Dosis.
Das ging bis zum dritten Tag so, plötzlich, kurz nach dem Fressen, begannen die
Hühner herumzuflattern, hektisch zu piepsen und dann versuchten sie ihre Hälse
umeinander zu schlingen, vermutlich suchten sie Zärtlichkeit. Aufgeregt
berichtete ich Onkel Fritz von meinen Beobachtungen. Bisher hatten wir die Eier
vorsichtshalber entsorgt, nun ließen wir uns von den Eiern dieses Tages ein
Omelett bereiten, dass wir uns teilten und tatsächlich, nach einer Weile
merkten wir die gleiche Wirkung wie beim Genuss der Zigaretten.
Wir waren
schrecklich aufgeregt, aber noch bestand ja die Möglichkeit, dass wir uns
geirrt hatten. Sagt man nicht, man merkt, was man merken will? So schlug ich
Onkel Fritz vor, die Wirkung an meinen Eltern zu testen, ohne dass sie davon
wussten. Am Abend bereitete Tante Anni Rührei. Nach einer Weile begannen meine
Eltern lustig und redselig zu werden. „Was ist denn das?“, fragte mein Vater,
„Mir ist zu Mute, wie nach dem Genuss der Spaßzigaretten.“ Es wirkte also
wirklich, welch ungeahnte Möglichkeiten taten sich da auf?!
Mein Onkel
teilte nun die Hühner auf, die eine Hälfte produzierte mit der von mir
ausgerechneten Zugabe von Hanf „Eier, die glücklich machten.“ Wir gingen genau
so vor, wie ich es mit den ersten fünf Hühnern begonnen hatte, wir steigerten
die Dosis langsam innerhalb von drei Tagen. Als die ersten Eier auslieferbereit
waren, verteilte Onkel Fritz diese als
Proben. Er erzählte den Kunden sogar die Wahrheit, nämlich das er eine Futterumstellung
vorgenommen hatte und dabei besonders wohlschmeckende Eier entstanden seien.
Was soll ich sagen, er wurde innerhalb kürzester Zeit der größte Eierlieferant
des Umkreises, die Leute waren wild auf seine „Neuen Eier“. Onkel Fritz und
Tante Anni wurden reich, aber nie wieder hat er jemandem sein Geheimnis
verraten, soviel die Leute auch fragten und wir auch nicht.
© By Gitte