Tante Dorette!
Seit Jahrhunderten lebten meine Vorfahren in dem kleinen Dorf an der Weser. Das Leben dort schien stillzustehen. Alles lief nach alten Traditionen ab. Immer hieß der älteste Sohn Wilhelm, oder Konrad. Die Wilhelms waren Landwirte und versorgten sie Familien, die Konrads waren Lehrer und verbreiteten den Geist.
Anfang des 19. Jahrhunderts kam dann die große Armut. Alles wurde teuer. Alle hatten viele Kinder und wer so viele Mäulchen stopfen muss hatte Sorgen ohne Ende, so auch meine Ururgroßeltern Wilhelm und Wilhelmine. Der Familienrat tagte und man beschloss das Konrad, mein Urgroßvater, mit der Tradition brechen und sich im Industrialisierten Ruhrgebiet Arbeit besorgen sollte, um so zum Unterhalt der Familie beizutragen. Konrad schnürte also sein Bündel und begab sich nach Essen, wo er sogleich bei der Firma Krupp Arbeit bekam und so in den großen Kreis der Kruppianer einstieg.
Sein Vorgesetzter August, genannt Eugen, fand Gefallen an dem ernsten, fleißigen jungen Mann und lud ihn zu sich nach Hause ein. Er hatte ein Zimmer zu vermieten und Konrad brauchte eine Unterkunft, denn bis dahin hatte er im Männer Wohnheim geschlafen. Konrad war entzückt von Eugens Tochter Adele. Er verbeugte sich und sagte: „Sie werden meine Frau.“ Eugen schmunzelte dazu, es wäre ihm Recht gewesen, diesen fleißigen Mann zum Schwiegersohn zu bekommen, doch Adele entgegnete: „Da sei Gott vor.“ Konrad besaß tiefschwarzes Haar und dunkle Augen und Adeles Pfarrer hatte gesagt in solchen Menschen wohnt der Teufel. Allein steter Tropfen höhlt den Stein, Konrad hörte nicht auf zu Werben und irgendwann gewann er so Adeles Herz. Die beiden heirateten und der erste Sohn hieß natürlich Wilhelm, der war mein lieber Opa. Sie hatten allerdings noch einige Kinder, von denen ich vier kennen durfte. Meine Großtante Anni war das erste, dann folgten mein Opa und später die Zwillinge Ida und Lisette.
Machen wir nun einen Sprung von fast Neunzig Jahren. Tante Anni hatte mich eingeladen und ich war gerne gefolgt, denn ich liebte sie sehr. Sie machte immer einen großen Bahnhof wenn Besuch kam, da sie zwei Kriege und etliche Hungersnöte erlebt hatte tischte sie immer Unmengen an Delikatessen auf. Am liebsten hörte ich es, wenn sie aus der Vergangenheit berichtete und mich in eine andere Welt eintauchen ließ. Sie hatte ein entbehrungsreiches, aber spannendes Leben gehabt. Sie war in der Krupp Villa Hügel Dienstmädchen gewesen und ich kannte viele alte Geschichten, die diese Zeit vor meinem Auge lebendig werden ließ. Heute war ich nun bei ihr und konnte es kaum erwarten, bis sie zu Reden begann. Zuvor bat sie mich allerdings ihr Bettwäsche aus dem Schlafzimmerschrank zu reichen, denn ihre Beine waren arg geschwollen und sie traute sich nicht auf die Leiter. „Bitte die Cremefarbene Kind“, bat sie mich, ich wendete mich ab und schmunzelte. Wie sehr hatte ich es früher gehasst von ihr Kind genannt zu werden und heute mit Vierzig Jahren tat das so gut. Als ich die Bettwäsche herausnahm, erblickte ich dahinter eine alte Puppe, die mir einen leisen Schrei des Entzückens entlockte. „Was ist denn das, warum hast du sie hier versteckt“, sprudelte es aus mir heraus, während ich sie herausnahm. „Nicht“, rief Tante Anni und nahm sie mir ab. Völlig verdutzt blickte ich sie an. „Ich“………….begann ich und dann traf ein schmerzhafter Schlag mein Schienbein. „Au verflixt was war denn das?“ „Siehst du“, sagte Tante Anni, „deshalb habe ich sie versteckt, irgendetwas stimmt mit dem Balg nicht. Früher stand sie in der Vitrine, aber sobald sie jemand anderer außer mir in die Hand nimmt bekommt der einen Schlag, oder Puff oder etwas in dieser Art. Verblüfft schaute ich sie an. „Du scherzt oder? Du glaubst doch nicht an Gespenster oder etwa doch?“ So ganz konnte ich mir das Lachen nicht verbeißen. „Komm mit ins Wohnzimmer, ich erzähle dir Dorles Geschichte“, seufzte sie. Neugierig folgte ich ihr und bei einer Tasse Kaffee berichtete sie mir dann folgendes:
„Die Puppe das Dorle gehörte meiner Schwester.“ „Ach ja“, ich nickte, „sie ist früh gestorben, nicht wahr?“ Tante Anni nickte. „Weißt du Dorette, so hieß sie richtig, aber wir nannten sie nur Dorchen, war ein entzückendes Kind, wenn sie wollte. Bekam sie aber ihren Willen nicht, dann oh je. Dein Opa und ich haben ja die dunklen Augen und die schwarzen Haare von unserem Vater geerbt. Dorchen aber hatte die blonden Haare von meiner Mutter Adele und da unser Vater sie sehr liebte war Dorchen sein Abgott. In unserer Nachbarschaft wohnte eine gut situierte Familie und deren Tochter trug in ihrem blonden Zöpfen Taftschleifen. Dorchen trug die Haare auch so. Der Ärger begann als das Mädchen Ohrringe bekam. Dorchen schmeichelte und bockte, sie heulte und schrie, sie verweigerte das Essen, aber unsere Mutter blieb hart. Wir erzählten ihr von den grausamen Schmerzen, die das Durchstechen der Ohren mit einer glühenden Nadel machte, aber nichts half, Dorchen wollte Ohrringe. So begann mein Vater, der seinem Liebling keinen Wunsch abschlagen konnte Überstunden zu machen und an ihrem sechsten Geburtstag ging er mit ihr zum Juwelier und Dorchen bekam Ohrringe. Stolz erzählte er später dass ihr zwar die Tränen über die Wangen gelaufen seien, sie aber keinen Mucks von sich gegeben habe. Dorchen war wieder das fröhliche entzückende Mädchen und zeigte stolz ihre Ohrringe, die aus kleinen Aquamarinsplittern bestanden, passend zur Farbe ihrer Augen. Monate später bekam das Nachbar Mädel eine Puppe.“ „Lass mich raten, Dorchen musste auch eine Puppe haben“, warf ich ein. Tante Anni nickte. „Sie bekam sie auch, zu Weihnachten.“ „Ist es diese?“, wollte ich wissen und zeigte auf die Puppe, die Tante Anni sinnend auf ihrem Schoß hielt.“ Wieder nickte sie. „Ja, das ist Dorle, Dorchens Puppe. Sie bekam sie kurz vor ihrem Tod, daher sieht sie auch noch so gut aus.“ Tante Anni seufzte. „Halt mich für verrückt, aber ich glaube sie hängt so sehr an dieser Puppe, das sie nicht duldet das jemand außer mir sie berührt. Über meinen Rücken lief eine Gänsehaut. „Bitte erzähl mir von Dorchens Ende“ bat ich sie, „oder schmerzt es dich zu sehr? Meine Tante schüttelte ihren Kopf. „Es ist ja schon so lange her. Es war der zweite Weihnachtstag 1915. Wir waren bei Verwandten eingeladen. Wir waren arm und freuten uns über die Einladung, das bedeutete sich endlich einmal satt essen zu können. Ein Auto hatte damals kaum jemand und auch die Kinder waren weite Fußwege von einigen Kilometern gewöhnt. Es war bitter kalt. Außer meinen Eltern, Dorchen und mir war noch Eugen mit, unser Brüderchen. Damals war ich zehn Jahre alt. Dorchen war sechs und Eugen fünf. Auf dem Rückweg begann der Kleine zu jammern. Mein Vater trug ihn dann auf seinem Arm. Wenig später jammerte auch Dorchen. Meine Mutter sagte sie solle sich nicht so anstellen, Dorchen hatte darauf bestanden Dorle mit zu nehmen und Mutter sagte, sie werde sie nicht beide schleppen. Kurze Zeit später begann Dorchen zu taumeln. Meine Mutter drückte mir Dorle in den Arm und trug das Kind nach Hause. Zu Hause angekommen schälte man die völlig erschöpften Kinder aus ihren Mänteln und dann erschraken die Eltern. Eugen glühte und auch Dorchen schien Fieber zu bekommen. „Adele hol den Arzt“, bat unser Vater. Doch meine Mutter wollte nicht. „Es ist Feiertag, was glaubst du was das kostet, es ist sicher nur eine Grippe, ich mach ihnen Wadenwickeln“, entgegnete sie. Es begann eine schlimme Nacht. Das Fieber stieg immer höher und am Morgen verstarb Eugen dann. Auch Dorchens Temperatur stieg unaufhörlich. Ihre Ohrläppchen waren entzündet und Mutter entfernte die Ohrringe. Dorchen tobte und schrie, doch es half ihr nicht. Mutter drückte ihr Dorle in den Arm und redete auf sie ein. Ihre Ohrringe legte sie auf den Nachtisch, damit sie sie sehen konnte. Als sie das Zimmer verließ um neues Wasser für die Wadenwickeln zu holen waren die Ohrringe nach ihrer Rückkehr verschwunden. Wir haben sie nie gefunden. Dorchen war ohnmächtig geworden und erwachte nicht mehr. Meine Eltern haben in dieser Nacht zwei ihrer Kinder verloren und ich höre noch die verzweifelten Worte meines Vaters. Adele du bringst mit deinem Geiz meine Kinder um.“ Tante Anni schwieg und es war still im Zimmer. „Das war ja furchtbar“, sagte ich und sie nickte. Plötzlich kam mir eine Idee. „Beweg mal die Puppe.“ Tante Anni blickte mich verständnislos an. Sie schüttelte sie vorsichtig. „Da rappelt was“, meinte sie verblüfft. Ich war wie elektrisiert. „Versuch bitte mal die Perücke abzunehmen“, bat ich, meist sind sie lose bei so alten Puppen. Tante Anni tat was ich vorgeschlagen hatte. „Nun dreh sie um“, forderte ich weiter. Sie machte es und heraus fielen kleine, entzückende hellblaue Ohrringe. Wir hielten die Luft an. „Da sind sie“, war alles was sie sagen konnte. Ich krallte ihren Arm. „Schau mal“, bat ich. Vor uns entstand ein heller Fleck, einfach so, er wurde immer dichter und bald konnte man ein kleines altmodisch gekleidetes Mädchen erkennen. „Endlich hast du sie gefunden“, hörten wir eine leise Stimme. „Ich hab sie dort versteckt, denn aufstehen konnte ich nicht mehr, es hat mir keine Ruhe gelassen, keiner außer dir sollte sie bekommen, ich hab dich lieb meine große Schwester.“ Fassungslos saßen wir da. „Leb wohl“, hörten wir noch, dann verblasste sie und löste sich einfach auf.
Ja, das ist nun auch schon wieder fünfzehn Jahre her. Tante Anni starb kurze Zeit später und ist nun sicher wieder bei ihren Eltern, meinem Opa, Eugen und Dorchen. Die Ohrringe und Dorle habe ich nun als Andenken an meine Vorfahren.
By Gitte