Tante Grete!
Es war eine dieser Familienfeiern. Sie begann wie viele andere. Meine Tante Erna hatte uns zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen. Sie wohnte wunderschön, mitten im Wald. Das Haus gehörte ihrer Schwiegermutter. Außerdem wohnte dort noch deren Schwester mit ihrer Tochter. Die Schwester war besagte Tante Grete. Es war ein wunderschöner heißer Sommertag und wir feierten im Garten. Tante Erna hatte eine leckere Waldmeister Bowle zubereitet und der wurde reichlich zugesprochen. Zum Abendbrot begaben wir uns ins Haus, danach köpfte Onkel Harald noch einige Flaschen Marsala, die er aus seinem letzten Urlaub in Italien mitgebracht hatte. Es wurde ein feuchtfröhlicher Abend und besonders Tante Grete sang und scherzte. Das brachte mich dazu, sie zu fragen. Schon lange hatte ich wissen wollen, warum sie eine Perücke trug.
Da ich neben ihr saß, konnte ich meine Frage leise stellen. Allerdings brachte diese sie dermaßen aus dem Konzept, das sie zur Salzsäule erstarrte und das machte natürlich alle aufmerksam. „Entschuldigung“, stotterte ich mit glutrotem Kopf. Es war mir sofort klar, dass es absolut ungehörig war eine solche Frage zu stellen, aber sie quälte mich schon lange. Es war Mucksmäuschen still geworden, alle hielten den Atem an. Scheinbar wussten alle mehr als ich und warteten nun gespannt, was Tante Grete antworten würde.
Zuerst einmal sog sie hörbar Luft ein. Vorsichtshalber machte ich mich schon einmal ganz klein, liebend gerne wäre ich in ein Mauseloch geschlüpft, zu spät. Tante Grete begann zu erzählen. Sehr klein und bleich sah sie dabei aus. „Es ist gut, das du gefragt hast, sagte sie, ich will euch meine Geschichte erzählen, auch die anderen haben sich sicher schon gefragt was es mit meiner Perücke auf sich hat und Heute glaube ich, schaffe ich es darüber zu reden.“ „War es eine Krankheit“, fragte ich mitfühlend? Tante Grete schüttelte den Kopf. „Leider nicht, es war schlimmer, viel schlimmer.“ Ihre Antwort machte mich betroffen, was konnte schlimmer sein, als eine Krankheit, bei der man die Haare verlor? Alle hingen nun an ihren Lippen. Sie sammelte sich einen Moment und begann dann zu erzählen.
„Wir wohnen hier, seit ich denken kann, unser Vater arbeitete auf der Zeche und deshalb zogen wir Anfang des Jahrhunderts in dieses Haus. Meine Eltern, meine Schwester Mathilde und ich. Ihr alle bewundert immer diese herrliche Lage und ihr habt Recht, für Kinder ist das hier ein Paradies. Wir konnten toben und schreien, so viel wir wollten und die Tiere des Waldes beobachten. Langeweile kannten wir nicht. Unsere Kindheit war wunderschön, auch wenn wir einen langen und beschwerlichen Schulweg hatten, besonders im Winter, denn der Schulbus, den gab es damals noch nicht. Es machte uns aber nicht viel aus, denn wir waren ja zu zweit, wir lachten und sangen und dabei lief es sich fast von selbst. Oft luden wir unsere Schul Kameraden ein, dann pflückten wir Johannisbeeren, oder das Obst von den Bäumen, wir lebten in und mit der Natur. So vergingen die Jahre und wir wuchsen heran. Unsere Interessen richteten sich nun naturgemäß auf andere Dinge, in unserem Dörfchen gab es nun ein Kino und alle Freundinnen waren schon einmal dort gewesen und hatten uns davon vorgeschwärmt. Doch so sehr wir auch bettelten, stets sagten die Eltern Nein. Zu weit, zu Spät, zu gefährlich.“
Da nickte ich mit dem Kopf, das kannte ich, hörte ich es doch auch stets, voller Mitgefühl sah ich Tante Grete an und fühlte mich der so viel älteren Frau auf einmal sehr nahe.
„Nun, wir waren jung und unternehmungslustig und Verbote wollten wir nicht gelten lassen“, fuhr Tante Grete fort. „Was sollte schließlich schon passieren? Am Nachmittag schickte ich Mathilde allein nach Hause. Sag den Eltern Bescheid, bat ich sie, damit sie sich nicht sorgen. Heute gehe ich mit meiner Freundin Irmi und ihrem Bruder ins Kino. Die beiden bringen mich dann ein Stück heim. Gegen 22.30 Uhr werde ich wieder da sein. Das gibt Ärger, meinte Mathilde, doch ich zuckte nur die Schulter. Was soll es, ich war jung und unbeschwert.
Es war ein wunderschöner Abend. Irmi und Gregor brachten mich wie versprochen die Hälfte des Weges heim. Ein wenig unheimlich war es mir schon, aber das hätte ich nie zugegeben. Keine Laterne säumt den Weg hier hinauf, der Mond schien und verbreitete eine diffuse Helligkeit. Eine Weile, nachdem wir uns verabschiedet hatten, hörte ich Irmi und Gregor noch plaudern, dann beschleunigte ich meinen Schritt. Kurze Zeit später erschien es mir, als hörte ich Schritte hinter mir. Blödsinn, rief ich mich selbst zu Ordnung, das ist die Angst, die dir das vorgaukelt. Trotzdem blickte ich mich um und war plötzlich in Schweiß gebadet. Sollte ich stehen bleiben und mich vergewissern? Nein, lieber nicht, ich rannte nun und plötzlich gab es keinen Zweifel mehr, hinter mir rannte noch jemand. Wie weit noch? Bis zur Ecke ungefähr dreißig Meter schätzte ich und dann noch einmal hundert Meter und alles bergauf. Die Steigung hier auf dem Kanonenberg war leicht, aber das Stück Korinthenberg stieg stärker an, würde ich es schaffen? Mit Pochendem Herzen und fliegendem Atem rannte ich was ich konnte, warum nur hatte ich nicht auf meine Eltern gehört? Nie wieder würde ich im Dunkel alleine hier her gehen. Da, die Ecke, nun war es nicht mehr weit. Genau in diesem Moment packte mich jemand an der Schulter und riss mich zu Boden. Meinen Schrei erstickte eine Hand auf meinem Mund, nur ein leichtes Gurgeln war zu vernehmen. Außer mir vor Angst schlug ich um mich. Aber ich hatte keine Chance. Der Kerl, der mich gepackt hatte zog mich brutal in den Graben am Straßenrand und stieß mich hinein. Er riss mir die Sachen vom Körper und verging sich an mir.“
Von der Seite schielte ich zu Tante Grete hoch, sie erlebte die entsetzlichen Minuten noch einmal, hätte ich doch meine Neugierde bezwungen.
Du hast es überstanden, dachte ich Tränen überströmt, als der Kerl endlich von mir ablies. Zu spät sah ich das Messer in seiner Faust blitzen. Er fasste mein Haar und ein unsagbarer Schmerz durchfuhr mich. Feuchtes rann über mein Gesicht und während ich mich noch darüber wunderte, sah ich dass dieser Kerl mein Haar in der Hand hielt. In der Dunkelheit konnte ich es nicht genau erkennen, aber es schien am Stück zu sein und noch während ich mich wunderte, wurde es schwarz um mich.
Was in der Zwischenzeit geschah, hat man mir erzählt. Meine Eltern waren zwar sehr böse auf mich, aber dennoch hatte mein Vater sich gegen halb elf auf den Weg gemacht, um mir entgegen zu gehen. Er sah den Mann aus dem Graben auftauchen und als er mit einem unguten Gefühl dort nachschaute, fand er mich, sein Skalpierte Tochter. Auf seinen Armen trug er mich in die Villa von unserem Arzt, ihr kennt ihn, er wohnt hier am Wege. Der verband mich und fuhr mich in die Klinik. Dort kämpften die Ärzte lange um mein Leben, ich bekam Haut aus dem Oberschenkel verpflanzt, deshalb ist mein Kopf nun von unzähligen Narben gezeichnet, denn man kann nur immer Stücke transplantieren, außerdem hatte ich einen Schock.“
Mit diesen Worten entledigte sie sich ihrer Perücke und zeigte uns ihren vernarbten Schädel.
„Der nächste Schock sollte mir allerdings noch bevorstehen, ich war schwanger“, hob sie erneut an. Wir alle waren geschockt, das hatten wir nicht gewusst. Annemie, die Frucht eines Vergewaltigers. Keiner sagte etwas, bis Tante Grete wieder das Wort ergriff. Sie lächelte. „Zuerst wollte ich das Kind hassen, aber als ich es dann im Arm hatte, wusste ich, der Weg, den der Herr mir zugedacht hat war grausam. Aber durch meinen Ungehorsam habe ich ja dazu beigetragen. Das Kind, das er mir jedoch schenkte, war das Beste das mir in meinem Leben passiert ist.“ Lächelnd schmiegte sie sich an ihre Tochter. „Hat man den Mann gefasst“, wollte ich nun noch wissen?“ „Oh ja, das hat man, er war geistig verwirrt und man hat ihn in eine Anstalt eingewiesen.“
Sehr nachdenklich fuhren wir nach diesem Abend nach Hause, ich war so froh, dass es Heutzutage Autos gibt, um nichts in der Welt wäre ich durch den dunklen Wald spaziert. Vor Tante Grete und Annemie habe ich die größte Hochachtung, sie haben ihr schwieriges Leben toll gemeistert.
© By Gitte