Time After Time

(Zeit nach der Zeit)

Wie oft haben wir schon den Satz gehört: Ich hab keine Zeit?

Es war ein Dienstag, wie viele andere, dienstags ist der Tag an dem ich in der Klinik helfe. Gegen 10.00 Uhr rief man mich zur Frühstückspause, heute machte mir der Dienst viel aus, ich war müde und angeschlagen. Es war Sommer und meine Allergien machten mir zu schaffen. Was war denn das?

 

Plötzlich stand ich wieder im Flur, wie war ich dahin gekommen? „Wann machen wir heute Frühstückspause“, fragte ich unsere Stationsschwester? „Hast du Hunger“, lautete ihre Gegenfrage? Verwundert horchte ich in mich hinein. Stimmt, ich hatte wie gewöhnlich auf das häusliche Frühstück verzichtet und mein Magen knurrte. „Oh ja“, nickte ich. „Dann geh essen“, bekam ich aufgetragen. Wieder begab ich mich in das Schwesternzimmer, als ich mich setzte kam es mir vor wie ein Deja Vue. Nachdem ich gegessen hatte schaute ich gewohnheitsmäßig zur Uhr, das heißt, ich wollte zur Uhr schauen, aber es war keine da. Was hatte das alles nur zu bedeuten? Verwirrt wollte ich auf meine Armbandsuhr schauen, aber nein, die trug ich ja im Dienst nicht. Na dann eben die Schwesternuhr an meinem Kittel. Meine Hand tastete ins Leere. „Sagt mal, wie spät ist es“, fragte ich meine Kolleginnen? „Hast du es nicht mitbekommen“, wollte Sina wissen? „Was mitbekommen“, hakte ich nach? Sie seufzte. „Seit heute Morgen ist die Zeit abgeschafft“, klärte sie mich auf. „Du verkohlst mich“, vermutete ich, doch sie schüttelte nur den Kopf. „Wir sollen wieder lernen auf unsere Instinkte und Bedürfnisse zu hören“, erklärte sie mir, „aber das ist sehr schwer.“ Wie erfahren wir, wann wir die Patienten aus der Gruppe holen“, vergewisserte ich mich. „Wenn wir Lust haben gehen wir und wenn sie keine Lust mehr haben rufen sie an.“ Das verschlug mir doch nun glatt die Sprache, wie sollte das funktionieren? Das gibt Chaos, vermutete ich. „Wann beenden wir unsere Pause“, wollte ich wissen? „Dann, wenn du es willst, wenn dir danach ist, dann beginne zu Arbeiten.“ Na Prost Mahlzeit, das konnte nur ein Fiasko werden. Kopfschüttelnd machte ich mich an meine gewohnten Arbeiten.

 

Die Patienten wirkten auch alle verstört. „Bitte Schwester, können sie mir sagen wie spät es ist“, bekam ich in einer Tour zu hören, doch ich konnte immer nur den Kopf schütteln. Alle wirkten nicht befreit, sondern ängstlich und verzagt. Dennoch lief der Betrieb fast reibungslos, die Routine machte sich bezahlt. Nachdem das Mittagessen verteilt war fragte ich ob ich meinen Dienst beenden könne und man sagte mir, wenn ich wolle, könne ich gehen. Unter Zeitdruck zu arbeiten ist schlimm, aber ohne Zeit ist grausam.

 

Bedrückt stand ich schließlich an der Haltestelle. Es hing kein Fahrplan dort. Eine Dame saß geduldig auf der Bank in dem Wartehäuschen. „Entschuldigen sie, wissen sie wann der Bus kommt“, sprach ich sie an? Bedauernd schüttelte sie den Kopf. „Wir werden warten müssen, bis der Busfahrer fahren möchte.“ Wütend machte ich mich auf den Heimweg.

 

Unterwegs begegnete ich Geli, meiner Freundin. „was machst du hier, warum bist du nicht auf der Arbeit“, fragte ich sie verwundert? „Brauch ich nicht mehr“, freute sie sich, „man hat die Zeit abgeschafft, ich kann kommen und gehen wann ich will und ich will eben nicht.“ „Mädel überleg mal“, antwortete ich ihr, „wenn du nicht arbeitest verdienst du kein Geld, und wovon lebst du dann?“ Verwundert blickte sie mich an. Betroffenheit breitete sich in ihrem Gesicht aus. „Ach je, daran habe ich nicht gedacht“, bekannte sie mir. Schweigend begleitete sie mich, denn ihre Arbeitsstelle lag in der Nähe meiner Wohnung.

 

Wir gingen die Abkürzung über den Friedhof. Dort waren wir irgendwie befreit. „Merkst du das auch“, wollte Geli wissen. „Hier ist alles so……….“, sie suchte nach Worten. Dann strahlte sie. „So normal, so wie immer, woran glaubst du liegt das?“ „Hier spielt die Zeit keine Rolle“, antwortete ich ihr leise. „Jedenfalls solange nicht ehe es eine Beerdigung gibt.

Die Totenglocke begann wie auf Kommando zu läuten.  Die Totenglocke? Nein, das hörte sich an wie………….., ja wie Telefon. „Hier Station 4“, meldete sich unsere Stationsschwester. „Gitti? Gitti, schläfst du etwa? Wo warst du denn? Die Gruppenleute sollen abgeholt werden, gehst du?“ „Ich war im Paradies und in der Hölle“, sagte ich zu ihr, „gerne hole ich unsere Leute, so gerne.“ Verblüfft blickte sie mich an und lachte, du bist aber eifrig heute.

 

Es gibt sie doch noch, die Zeit, Gott sei dank gibt es sie noch, wie schön ist es keine Zeit zu haben, aber die Zeit zu haben.

© By Gitte