Verbrannte
Erde!
Peter-Willi ist ein Kind des Ostens, genauer gesagt, er wurde 1960 in der so
genannten DDR geboren. Seine Mutter bemerkte schon recht früh, dass er ein
außergewöhnliches Kind war. Eines Tages litt sie unter quälenden Kopfschmerzen.
Mitleidig strich Peter-Willi ihr über die Stirne und die Schmerzen
verschwanden. Zuerst glaubte sie an einen Zufall und probierte es beim nächsten
Schmerzanfall mit ihren anderen Kindern, denn Peter-Willi ist eines von
sechsen. Bei keinem Kind verschwanden die Schmerzen, rief sie jedoch nach
Peter-Willi und er legte seine kleinen Händchen auf, entspannte sie sich nach
wenigen Minuten. Sie beschloss, niemandem davon zu berichten, denn sie wollte
kein Wundertier aufziehen und ihn etlichen Untersuchungen über dieses Phänomen
aussetzen.
So wuchs Peter-Willi unbeschwert heran. Er war zirka vier Jahre alt und saß im
Garten. Es war ein ungemütlicher Spätherbsttag. Als seine Mutter ihn
hereinrufen wollte, traute sie ihren Augen kaum. Der Tag war grau und nasskalt,
doch um Peter-Willi herum war es Frühling. Hellgrünes Gras spross, das mit
Butter- und Gänseblümchen durchzogen war. Wie eine Welle breitete sich der
Grasteppich von dem Kind aus. Die Welle erreichte den ersten Baum und die
Knospen begannen zu wachsen. Erschrocken rief sie ihr Kind zu sich. Als er
aufsprang und auf sie zulief, zog sich auch die Welle zurück, der Baum wurde
wieder schwarz, nass und kahl, das Gras und die Blumen verschwanden, der
Spätherbst kehrte zurück.
„Wie hast Du das gemacht?“, fragte sie ihren Sohn zu Tode erschrocken. Keiner
konnte der Natur gebieten, er scheinbar doch. Peter-Willi schaute sie
unschuldig an. „Das ist doch ganz einfach“, erklärte er ihr. "Ich will,
dass es warm ist und die Blumen blühen und dann passiert das auch.“
„Das darfst Du nie mehr machen“, verbot ihm die Mutter mit ernstem Gesicht.
„Warum denn Mama, magst Du es denn nicht, wenn es warm und grün ist?“ wollte
Peter-Willi wissen.
Oh je, sie seufzte, wie sollte sie das ihrem Kind erklären. „Peter-Willi, das
muss unser Geheimnis bleiben, versprich mir das.“
Trotzig senkte das Kind sein Lockenköpfchen und der Mutter schnitt es ins Herz.
Sie fasste unter sein Kinn und hob sein Köpfchen an. Bestürzt sah sie Tränen
auf seinen Wangen, wie sollte er auch verstehen, dass die Welt ihn jagen würde,
wenn sie davon wusste.
Die Jahre vergingen. Peter-Willi heilte immer noch der Mutter Schmerzen, aber
er war erwachsen und es fiel ihm immer schwerer, seine Begabung zu
verheimlichen.
Einmal hatte er nicht widerstehen können, er sollte zum Bund und hatte das als
überzeugter Pazifist abgelehnt. Man hatte einen der hoch dekorierten Herren
kommen lassen, der ihn überreden sollte. Dem hatte er Blümchen auf seiner Mütze
wachsen lassen. Das war ein Gelächter, man stellte die wildesten Vermutungen
an, über Samen, der sich eingenistet hätte und Peter-Willi schmunzelte dazu, er
hatte selten etwas zu schmunzeln in dieser Zeit, denn als Pazifist hatte man in
einem kommunistischem Land nichts zu lachen. Mehr Schlecht als Recht verging
diese Zeit, Peter-Willis gesamte Familie litt mit, man machte sie für diesen
missratenen Sohn verantwortlich, das war kein Land für Revoluzzer.
Dann kam das Jahr 1986 und mit ihm das Unglück in Tschernobyl. Peter-Willi, der
mit der Natur eng verbunden war, litt mit der zerstörten Erde. Er merkte, dass
diese nach ihm schrie, denn er konnte helfen. Monatelang quälte er sich, denn er
hatte seiner Mutter versprochen, sein Geheimnis zu wahren. Dann hielt er es
nicht mehr aus, er suchte das Gespräch mit ihr.
„Ich habe eine Aufgabe, die ich erfüllen muss", redete er auf sie ein.
Seine Mutter war verzweifelt: „Junge, wenn Du gesehen wirst, werden sie Dich
tausend Tests unterziehen und Du wirst im Zirkus enden wie die Dame ohne
Unterleib oder der Wolfsmensch. Gib mir bis Morgen Zeit, Kind, ich werde
darüber nachdenken...", bat sie unglücklich.
Peter-Willis Herz war traurig; er liebte seine Mutter und wollte ihr das Leben
nicht schwer machen, aber er fühlte, dass es seine Aufgabe war, zu helfen.
Nach einer langen, quälenden Nacht hatte seine Mutter sich dazu durchgerungen
ihn seinen Weg gehen zu lassen. Sie nahm ihn in ihre Arme und wünschte ihm
alles Glück der Welt für sein Vorhaben.
Es war das Jahr 1986 - das Jahr der Katastrophe von Tschernobyl.
Peter-Willi packte seinen Rucksack und machte sich auf nach Russland. Immer
karger wurde die Umgebung und dann hatte er sein Ziel erreicht. Erschüttert
betrachtete er die zerstörte, verbrannte Welt um sich herum. Er bückte sich und
streichelte sie und sogleich war es, als atme sie auf, ein grüner Schimmer
zeigte sich, der sich schnell ausbreitete.
Peter-Willi richtete sich auf: Das war sein Lebenszweck, er fühlte es ganz
deutlich.
Er schulterte den Rucksack und breitete beim Gehen die Arme wie segnend über
das tote Land und in einer breiten Fläche begrünte sich die Erde wieder. Er
ging und ging und unter seinen Füßen breitete sich Leben aus. Er gönnte sich
immer nur eine kurze Rast. Als er die Frischnahrung aufgezehrt hatte, ernährte
er sich von mitgeführten Keksen. Nur gut, dass seine Gabe das Wasser mit
einschloss, so konnte er das ehemals verseuchte Quellwasser der Bäche
bedenkenlos zu sich nehmen und seine Flasche immer wieder füllen. Der Marsch
setzt ihm zu, er verlor an Gewicht, seine Haut nahm den bräunlichen Ton an, den
sie bei Menschen aufweist, die die meiste Zeit in der Natur verbringen und sein
Bart wucherte. Sein Äußeres erinnerte an die Statuen der Antike.
Inzwischen war man war auf ihn aufmerksam geworden - oder seine Mutter hatte
Informationen preisgegeben - jedenfalls erschien ab und an ein kleines
Flugzeug, das Proviant für ihn abwarf. Peter-Willi war dankbar für die
Abwechslung in seiner kargen Kost, weitere Gedanken wollte er sich nicht
machen, die Welt würde ihn früh genug mit Fragen bestürmen.
So vergingen Tage und Wochen im stetigen Gleichmass. Immer näher kam er dem
Zentrum der Katastrophe und immer beschwerlicher wurde sein Weg. Er glaubte es
sei der lange, ungewohnte Marsch, der ihm so zusetzte, aber was es wirklich
war, sollte er bald erfahren.
Plötzlich vernahm er ein lautes, aber gequält klingendes „Halt.“ Fassungslos
schaute er sich um, aber er sah keine Menschenseele. .... Auch das noch, nun
werde ich verrückt,..... dachte er bei sich und griff sich stöhnend an den
Kopf.
"Du bist völlig gesund“, vernahm er nun. "Ich versuche, Dich zu
stoppen, denn ich kann das Leid nicht mehr länger ertragen, das mir täglich auf
jede erdenkliche Art und Weise zugefügt wird. Es ist eine ständige Qual für
mich geworden, ich werde mit Abfällen aller Art überhäuft, mit stinkendem
Unrat, der in mich sickert und mich vergiftet. Wirbelstürme verwüsten meine
Oberfläche, Flüsse überfluten mich und schwemmen das Leben aus mir fort. Ich
will nicht mehr leben, lass mich sterben, ich habe genug davon, den Menschen
untertan zu sein. Ich habe gegeben und gegeben, aber nichts wiedererhalten. Ich
habe euch geliebt als meine Kinder und ihr habt mich verletzt, nun habt ihr mir
den Todesstoß versetzt und ich will in Ruhe sterben.“
Peter-Willi hatte atemlos dem Monolog der Erde zugehört. Er war aufgewühlt und
bis in sein Innerstes erschüttert. Er wusste, dass ihr Fürchterliches angetan
worden war, aber wie sehr sie litt begriff er erst jetzt. Er legte sich nieder
und weinte. Und als seine Tränen die Erde netzten, erschauderte der Boden unter
ihm: Auch die Erde begann zu weinen, ein gewaltiger Quell brach aus ihr heraus.
Als das Wasser über die Ebene floss, brach das noch vorhandene Leben mit aller
Macht hervor. Gegen den Willen von Mutter Erde spross neues Leben aus ihrem
Schoss. Die Katastrophe war abgewendet, für dieses eine Mal.
Lärm erfüllte die Luft, ein Hubschrauber landete in Peter-Willis Nähe und holte
ihn an Bord, man brachte ihn in die Zivilisation zurück, wo er wie ein Held
gefeiert wurde. Er liebte er solche Auftritte ganz und gar nicht, aber er
musste an die Öffentlichkeit treten; das war er der Erde und seinen Mitmenschen
schuldig. Man zeigte reges Interesse an ihm und versprach ihm einen
Fernsehauftritt, in dem er den Menschen von seinem Erleben berichten konnte, um
sie aufzurütteln und für die Probleme der Natur sensibilisieren zu können.
Während Peter-Willi nun guten Mutes auf die Zusage wartete und glaubte, etwas
bewegen zu können, tagte der Krisenstab der NATO. Hohe Generäle berieten sich.
Wenn bekannt wurde, dass es jemanden gab, der imstande war die Natur im Falle
einer Atomverseuchung zu retten, würde die Angst vor dem Supergau rapide
abnehmen und das wäre fatal.
Als sich endlich die Türe öffnete, glaubte Peter-Willi nun, man hole ihn vor
die Kamera, Stattdessen traten zwei starke Krankenpfleger ein, die ihn in ihre
Mitte nahmen und ihn in ein Sanatorium verfrachteten.
Er wehrte sich nicht, was hätte das auch genützt. Er war enttäuscht und
verletzt. Von diesem Tage an zog er sich in sich selbst zurück und sprach mit
niemandem mehr ein Wort.
Manchmal, wenn ihm das Essen gebracht wurde, saß er in seinem Zimmer inmitten
herrlicher Blumen auf einer Wiese, die aus den Fußbodenritzen gesprossen war.
Aber das geschah nur an wenigen Tagen. Meist brütete er still vor sich hin.
Er hörte die Erde schreien und wenn wir es hören wollten, könnten auch wir das
vernehmen. Allerdings öffnen wir unsere Ohren lieber dem Ruf nach mehr
Reichtum, größeren Häusern, schönen Kleidern und Luxusnahrung.
Wenn wir den Schrei der Erde wieder weltweit vernehmen, wird es vermutlich zu
spät sein.
Denn nicht immer ist ein Peter-Willi da, der sich engagiert.
© By Gitte