Versunkene Zeit
Gestern besuchte ich das Heimatmuseum in Nieder-Werbe. Um 11.00 Uhr schellte ich bei einer der Verwalterinnen. Sie hatte Zeit, mich gleich zu begleiten.
Schon im Eingangsbereich befindet man sich in der Jahrhundertwende. An einem Kleiderständer hängt ein Hemd, das die Bauern um diese Zeit trugen. Einen riesigen Korbkinderwagen von ca. 1880 findet man auch dort, mit einer wertvollen antiken Puppe darin. Meine Begleiterin berichtet, man habe diese Sachen auf dem Dachboden des alten Schulhauses gefunden. Die letzte Bewohnerin sei Herzkrank gewesen und hätte deshalb schon lange den Dachboden nicht mehr betreten können. Nach ihrem Tod habe man diese herrlichen vergessenen Schätze dann entdeckt.
Neben dem Korbkinderwagen steht eine große Puppendame, die eine Kirchentracht aus dieser Zeit trägt. Im folgenden Raum betritt man das Wohnzimmer. Dort befindet sich eine festlich gedeckte Tafel, belegt mit einer Spitzendecke, in Waldecker Handarbeit gefertigt, auch Gardinen und Lampe sind so gestaltet. Hier steht ebenfalls eine Kleiderpuppe, aber diese ist alt, auch sie trägt eine Tracht.
Meine Begleiterin geht schon voraus, ins nächste Zimmer, ich bin noch in die Betrachtung der Puppe versunken. Fast scheint mir, sie blinzelt mir zu, erstaunt trete ich näher, ihre Augen glänzen und fast unmerklich bewegt sich ihr Mund. Das kann doch nicht sein, ich schüttele den Kopf. Unmöglich!!! Erneut wende ich mich dem Gesicht zu. Tatsächlich, es sieht aus, als flüstere sie, ich konzentriere mich und glaube zu verstehen: “Komm um Mitternacht.“
„Um Mitternacht?“ frage ich ziemlich fassungslos nach.
Bejahend senken sich einen Herzschlag lang ihre Wimpern.
„Schauen sie hier, das ist die Küche“, vernehme ich nun meine Begleiterin. Den Rest der Führung erlebe ich verständlicher Weise nicht ganz so konzentriert mehr. Meine Gedanken kreisen den ganzen Tag um die folgende Nacht, soll ich der Einladung Folge leisten, oder habe ich mir das alles doch nur eingebildet? Am Abend habe ich große Probleme einzuschlafen. Gegen 23.30 Uhr stehe ich seufzend auf, ich habe begriffen, ich muss dorthin, also ziehe ich mich an und mit einer Taschenlampe bewaffnet ziehe ich los. Als ich mir vorstelle, jemandem zu begegnen und zu erklären, was ich vorhabe, muss ich lachen, sicher wird man die freundlichen Männer mit den weißen Jacken holen, ich kann ja selbst kaum glauben was ich hier mache.
Inzwischen erreiche ich das Museum. Leise steige ich die Treppe hinauf. Die Türe ist im Gegensatz zu heute Morgen nur angelehnt. Vorsichtig öffne ich sie ein wenig. Auf Zehenspitzen betrete ich den Raum und schalte meine Lampe ein. Leise schleiche ich durch die Diele, ich halte nervös die Luft an und gehe weiter in den nächsten Raum, inzwischen haben sich meine Augen langsam an das Halbdunkel gewöhnt.
Als ich zu der Stelle schaue, an der am Morgen die Puppe stand, erstarre ich, sie ist fort.
„Hier sitzen wir, bitte gesellen Sie sich zu uns“, höre ich eine leise Stimme. „Es ist sehr anstrengend, den ganzen Tag bewegungslos zu verharren.
Als ich mich zum Kanapee wende, sitzen dort beide Damen, die aus der Diele und die aus dem Wohnzimmer, die eine hat das Baby aus dem Kinderwagen im Arm.
„Gestatten Sie, dass wir uns vorstellen, mein Name ist Agathe Kremer und das hier neben mir ist meine Cousine, Adele Schuster mit ihrem Baby Emma.“
„Es freut mich, Sie kennen zu lernen“, bringe ich wider Erwarten heraus. „Mein Name ist Gitte Hedderich“, stelle ich mich den Damen nun auch vor.
„Dürfen wir ihnen auch eine Tasse Kaffee anbieten?“ fragt die nette Frau Kremer
„Sehr gerne, das ist sehr freundlich von Ihnen“, erwiderte ich.
„Bitte nehmen sie doch Platz.“ Sie deutet auf einen der Stühle.
Dankend setze ich mich auf den Stuhl und trinke einen Schluck von dem dampfenden Kaffee.
Erschrocken verziehe ich das Gesicht, denn ich habe Kaffeesatz im Mund.
„Sie müssen eine Weile warten, bis sich der Satz gesetzt hat“, lächelt Frau Agathe mich an. „Nehmen Sie denn keine Filtertüten?“ frage ich erstaunt.
„Filtertüten, was ist denn das?“ werde ich gefragt.
„Wenn man den Kaffee aufbrüht, nimmt man einen Filterbehälter, den setzt man auf die Kanne, da hinein kommt ein Papierfilter, dann gibt man das Kaffeemehl hinein und gießt das kochende Wasser darauf, der Kaffeesatz bleibt im Filter zurück“ erkläre ich.
Frau Agathe klatscht in die Hände:
„Hast Du das gehört Adele, man kocht den Kaffee ohne den lästigen Kaffeesatz, kaum zu glauben, Sie bringen fabelhafte Neuigkeiten in unser eintöniges Dasein, was gibt es sonst noch für neue Erfindungen? Ein klein wenig hat ja schon hier Einzug gehalten, zum Beispiel das Licht, man legt den Schalter um und die Lampe leuchtet, ganz ohne Petroleum, auch die Leute kleiden sich ganz anders, viele Frauen tragen Beinkleider, nicht mehr die langen Röcke, in denen man sich so schlecht bewegen kann.“
„Hosen“ sage ich „Man nennt diese Beinkleider heute Hosen. Ja was gibt es Neues … Autos kannten Sie ja schon zu ihrer Zeit.“
„Autos? Was sind Autos?“
„Autos sind Wagen, Fahrzeuge.“
„Ach Kraftwagen, ja da haben wir schon von gehört, gibt es heutzutage viele davon?“
„Aber sicher, fast jede Familie hat eines.“
„Tatsächlich“, staunen die Damen, besitzen Sie auch eines?“
„Aber natürlich, es hat uns hierher gebracht, wir machen hier Urlaub“, erkläre ich meinen neuen Bekannten.
„Können Sie uns nicht einmal mitnehmen“, wollen die Damen wissen?
Ich überlege … was wenn und jemand sieht … man würde annehmen, ich entführte die wertvollen Puppen aus dem Museum … andererseits würde ich ihnen gerne den Gefallen tun und wer ist in der Nacht schon unterwegs hier im Dorf?
Plötzlich ertönt eine Melodie, mein Handy meldet sich, erschrocken fahren die Damen zusammen, nur mein Handy erkläre ich und melde mich.
Es ist mein Mann: „Wo steckst du“, will er wissen?
„Das erzähle ich dir, wenn ich wieder zu Hause bin“, informiere ich ihn „ich komme gleich.“
„Mein Mann macht sich Sorgen“, berichte ich den Damen, nachdem ich die Verbindung unterbrochen habe.
„Wo steckt der denn?“ wollen sie wissen und blicken sich erstaunt um.
„Natürlich im Ferienhaus“, sage ich ein wenig verwirrt.
„Ist das hier um die Ecke? Wie konnten Sie ihn hören“, möchten sie wissen.
Ach so, ein Telefon kannte man ja auch damals noch nicht….
„Also eines dieser Sprechgeräte, man nennt sie Handy, habe ich und eines hat er. Wenn er dann meine Nummer wählt, werde ich angefunkt und wir können miteinander reden, ganz gleich, wo wir sind“, erkläre ich.
„Das ist die schönste aufregendste Nacht seit langem, oh je, es ist gleich eins, dann fallen wir wieder in unsere Starre. Bitte, bitte kommen sie morgen wieder und berichten sie uns mehr.“
Das verspreche ich gerne, wir spülen schnell das Geschirr und punkt ein Uhr nehmen die Damen wieder ihre Position ein und erstarren, ich mache mich auf den Weg zu meinem Mann. Der wartet voller Sorge auf mich. Also erzähle ich ihm, was mir widerfahren ist. Eine Weile schaut er mich nur nachdenklich an.
„Warum sagst du nichts“, hake ich nach?
„Deine Fantasie nimmt bedenkliche Formen an“, meint er voller Sorge.
„Du glaubst mir nicht“, will ich empört wissen? „Sieh mich an, ich bin es deine Frau, sehe ich aus als hätte ich einen Schaden, oder einen Sonnenstich?“
Nun bin ich wirklich ärgerlich.
Begütigend legt mein Mann seine Hand auf meinen Arm: „Bitte beruhige Dich. Nimmst du mich morgen Abend mit?“
„Aber gerne, dann kannst Du Dich überzeugen, das ich nicht spinne“, entgegne ich immer noch leicht verärgert.
„Überleg mal, jemand erzählt dir so eine Geschichte, würdest du sie so ohne weiteres glauben?“
Nun muss ich doch schmunzeln, er hat ja Recht, es ist wirklich sehr ungewöhnlich, ein Treffen mit zwei Kleiderpuppen zu haben.
Da ich Puppen sammle, werde ich auch mein Reborn Baby Lucy, das ich für Fotostories mit in den Urlaub genommen habe, mitbringen.
„Das wird morgen ein nächtlicher Familienausflug“, teile ich meinem Mann mit.
„Und Wölfchen bleibt hier, sein Gebell würde das ganze Dorf wecken“, mahnte er.
„Da hast du sicher Recht, ich nehme Lucy mit.“
„Na aber wenn uns jemand anspricht, was wir da mitten in der Nacht machen, erklärst Du es“, lacht er.
Wir gehen endlich zu Bett.
Am nächsten Tag gönnen wir uns einen Mittagsschlaf, denn es wird ja wohl eine lange Nacht werden. Um zwanzig Minuten vor Mitternacht gehen wir los. Es ist nicht weit, ca. 10 Minuten entfernt.
Als wir ankommen stehen wir vor verschossener Türe.
Mein Mann feixt. „Deine Damen haben verschlafen.“
„Es ist noch nicht Mitternacht“, gifte ich ihn an.
Wir warten eine Weile, dann schlägt die Kirchturmuhr Mitternacht.
„Huhuuuuuuu“, albert mein Mann herum.
„Pst, still, so hör doch.“
Schlurfende Schritte nähern sich der Türe, die knarrend auf geht.
Mein Gatte erbleicht und ich muss lächeln.
Frau Agathe heißt uns willkommen: „Nein, wie schön! Sie haben noch Besuch mitgebracht, kommen Sie doch herein!“
Mein Mann steht stocksteif und staunend, grinsend schiebe ich ihn vorwärts. Wir gehen hinter Frau Agathe her ins Wohnzimmer, dort sitzt Frau Adele schon mit ihrem Baby auf dem Kanapee, ich stelle den beiden Damen meinen Mann vor.
„Bitte nehmen sie doch Platz“, bittet Frau Agathe „ich gehe rasch in die Küche und koche Kaffee.“
„Oh, bitte bleiben Sie sitzen; ich habe Filterkaffee mitgebracht“, bitte ich und stelle die Thermoskanne auf den Tisch.
„Der ist doch sicher kalt“, rümpfen die Damen das Näschen.
„Sicher nicht, das ist doch eine Warmhaltekanne.“
Gleich schraube ich sie auf und gieße den dampfenden Kaffee in die schon bereitgestellten Tassen.“
„Was bekomme denn ich“, hört man ein feines Stimmchen aus meiner Tasche?“
Das kann ich fast nicht mehr glauben, ich öffne die Tasche und nehme Lucy heraus.
„Warst du das?“
„Ja sicher, Du siehst doch, dass wir um Mitternacht reden können“, piepste sie.
„Warum hast Du das nie getan“, will ich wissen?
Luca kichert. „Wo bist du denn um Mitternacht?“
Nun muss ich auch lachen, na klar, da schlafe ich ja längst.
Wir verbringen wieder eine sehr angenehme Plauderstunde, die beiden Damen sind einfach reizend.
Am nächsten Abend kommen also noch eine Thermoskanne Kakao und eine Babyflasche dazu, für Lucy und ihre neue Freundin. Außerdem besorge ich noch Kuchen, worauf meine beiden neuen Bekannten in Entzücken ausbrechen.
„Picknick um Mitternacht, das kennt nicht jeder“, meint mein Mann dazu.
Lucy und Emma krabbeln derweil auf dem Boden herum. Emma zeigt Lucy ihr Spielzeug, ein Stück gedehnten und getrockneten Truthahnhals mit Erbsen gefüllt, eine Babyrassel der damaligen Zeit. Sie spielen mit dem alten Holzpferdchen und verstehen sich prächtig.
In diesem Urlaub zählen nur noch die Nächte, wir schlafen morgens verständlicher Weise lange….
Viel zu schnell vergeht die Zeit und es kommt der Abschiedsabend heran.
Noch einmal sitzen wir in traulicher Runde in der gemütlichen alten Stube, am Ende fließen doch einige Tränen.
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Wir haben Abwechslung in das ansonsten sehr eintönige Dasein der Damen gebracht und sie haben uns durch ihre Erzählungen Einblick in ihre Welt gegeben.
Das Urlaubsziel für das nächste Jahr steht natürlich fest!
Solltest du, lieber Leser vor uns nach Nieder-Werbe kommen, dann grüß die Damen bitte recht schön von uns!
© By Gitte