Vor langer
Zeit!
Anna wurde
vor langer Zeit geboren, vor genau 100 Jahren. Sie hatte in mehrfacher Hinsicht
Pech: Erst einmal war diese Zeit sehr schwer, dann war sie ein Mädchen und auch
noch Erstgeborene und stammte außerdem - als ob das alles nicht schon genug
wäre - aus der so genannten
„Arbeiterklasse“.
Sie war
meine Großtante und ich, die ich zwei Generationen später zur Welt gekommen war,
hörte ihr stets fasziniert zu, wenn sie von „damals“ berichtete.
Anna war
das Älteste von zwölf Geschwisterkindern. Nur vier davon erreichten das
Erwachsenenalter - die Kindersterblichkeit war damals sehr hoch. Der Zweitgeborene
war mein Großvater. Da er der erste Junge war, erhielt er, wie es damals
Tradition war, den Namen seines Großvaters. So hießen die männlichen Mitglieder
dieses Familienzweiges im Wechsel Wilhelm und Konrad.
Dann gab es
noch Eugen und Dorette. Beide starben im Kindesalter an Diphtherie. Auf dem
Heimweg von einem Sonntagsspaziergang waren beide schlapp und müde.
Urgroßmutter Adele beachtete es nicht weiter, denn eine Arztkonsultation
kostete damals ein Vermögen. Am nächsten Tage hatten beide Kinder über 40 Grad
Fieber und es war zu spät. Urgroßvater Konrad schrie in seiner Verzweiflung:
„Weib, Du bringst meine Kinder um!“
1911
brachte Adele Zwillinge zur Welt. Als älteste Tochter im Alter von sechs Jahren
musste Anna die Aufgabe der Hebamme
übernehmen. Sie berichtete mir später davon: Die Kinder waren ganz mit Blut und
Schleim bedeckt gewesen. Die Mutter aber hatte Anna weismachen wollen, das wäre
„schwarze Seife“, die Kinder würden sauber zur Welt kommen.
Anna, die
Schmerz und Angst ihrer Mutter hautnah erlebt hatte und diese Stunden zu den
schwärzesten ihres Lebens zählte, verzichtete sie später auf eigene Kinder.
Als
Erstgeborene hatte Anna gewissermaßen die Aufgabe einer „Zweitmutter“. Sogar
für ihren nur ein Jahr jüngeren Bruder hatte sie als Vorbild zu dienen. Wenn
Anna ein „böses Wort“ gebrauchte, wusch die Mutter ihr den Mund mit schwarzer
Seife aus. Wen wundert es da, dass Anna
ein Muster an Disziplin wurde. Dabei lachte sie so gerne und hatte viel Humor,
dem sie aber strenge Zügel anlegte.
So wuchs Anna
mit vielen Pflichten heran. Als die Zeit gekommen war, sich eine Lehrstelle zu suchen, entschied sie
sich dafür, in der Kruppschen Villa Hügel als Dienstmädchen zu arbeiten. Ihr
Vater arbeitete ebenfalls in der Krupp Fabrik und auch ihr Bruder wurde dort
später Modellschreiner. So bestand die Familie aus den so genannten „Kruppianern“.
Anna war
von dem Glanz und Reichtum dort begeistert, ihre anerzogene Disziplin und
höfliche Bescheidenheit ließ sie zur persönlichen Zofe von Berta Krupp von
Bohlen und Halbach werden. Damals wussten die Zofen als erste alle Neuigkeiten,
denn die Binden der Damen wurden mit der Hand gewaschen. Tauchten keine auf,
war die „Gnädige“ schwanger. Eine Zofe musste also verlässlich und äußerst
diskret sein.
Der
elterlichen Aufsicht unter der Woche entronnen, kam Annas Humor in der Freizeit
wieder zum Vorschein. Sie stiftete die Kolleginnen zu mancherlei Unsinn an: Aus
der Küche wurde eine angebrochene Flasche Likör stibitzt, mit der sich die
Dienstboten dann einen lustigen Abend machten. Oder man unternahm einen
verbotenen, nächtlichen Ausflug.
Und um ein
Haar wäre genau einer dieser nächtlichen Ausflüge einmal aufgeflogen: Als alle
zurückkamen, war das Tor geschlossen und beim Hinüberklettern verlor Anna ihre
Schuhe - diese fielen auf der Außenseite hinab. Anna besaß aber nur dieses eine
Paar. So blieb ihr nichts anderes übrig, als am Morgen barfuss zum Dienst zu
erscheinen, denn ihr Dienst begann um fünf Uhr in der Frühe, das Tor wurde aber
erst um acht Uhr geöffnet…. Das gab ein Gekicher, aber keiner petzte.
Ein anderes
Mal mopste Anna die Livree des Kammerdieners und verkleidete sich als Mann.
Ihre Haare hatte sie mit viel Wasser eng an den Kopf gekämmt und in ihrem
Mundwinkel hing eine Zigarette. Mit dieser Parodie erheiterte sie das Personal
sehr.
Am
Wochenende besorgte Anna weitgehend den elterlichen Haushalt. Eines Samstags,
es war der Karsamstag, hatte sie gerade den Flur geputzt, als ihr Bruder Heinz
vom Fußballspiel nach Hause kam. Ohne sich weiter etwas dabei zu denken, lief
er mit seinen Lehm verschmierten Schuhen
durch den frisch geputzten Flur.
„Ich
wollte, Du kämest nie wieder mit solchen Schuhen heim“, rief Anna ihm böse
hinterher.
Heinz
lachte nur: „Bin schon wieder weg!“ meinte er, nachdem er sich einen Apfel
genommen hatte.
Auf der Straße
spielte - wie damals üblich - gerade
eine Straßenkapelle. Heinz lief zu den Musikern und bezahlte zwei Groschen, um
sich die Lieder „Weiß ich den Weg auch nicht“ und „So nimm denn meine Hände“
anzuhören.
Danach
setzte er sich wieder auf sein Rad. Als er um die nächste Ecke bog, fuhr er
frontal in einen Kohlenlastwagen, der die Kurve geschnitten hatte. Anna hörte das
Krachen und rannte von schlimmen Ahnungen geplagt dorthin. Sie schrie
fürchterlich und warf sich über ihren Bruder:
„Das wollte
ich nicht, ich habe es nicht so gemeint!“ jammerte sie.
Die
Anwohner hatten derweil den Krankenwagen bestellt, aber damals dauerte das eine
ganze Zeit und Anna wiegte derweil den
blutenden, schwer verletzten Bruder weinend in ihren
Armen. Heinz sah schrecklich aus, sein rechtes Auge war herausgerissen und hing
auf der Wange. Er kam ins Krankenhaus, wo sein Bruder Willy die ganze Zeit bei
ihm Wache hielt. Am Morgen des Ostersonntag verstarb er.
Anna befiel
daraufhin ein schweres Nervenfieber. Sie war wochenlang krank und erholte sich nur langsam. Lange
Jahre danach galt sie als schwermütig.
So kam es,
dass sie über vierzig Jahre alt wurde und immer noch unverheiratet war. Ihre
beiden Zwillingsschwestern überlegten, wie sie Abhilfe schaffen könnten.
Eine von
ihnen hatte einen Schwager, Karl, der in Annas Alter war. Auch dieser Karl war
allein stehend und „Kruppianer“.
Karl war
vom Naturell her ein ruhiger Mensch und auch nicht mehr gerne alleine. Also
heirateten diese beiden.
Nun kann
man sich vorstellen, dass der Beginn des gemeinsamen Ehelebens bei Annas
Vorgeschichte nicht unproblematisch war: Anna hatte große Angst vor dem „danach“.
In der Hochzeitsnacht bat sie Karl, ihr ein Glas Wasser zu holen. Als er
unterwegs in das Hotel Restaurant war, verschloss Anna die Türe und Karl
verbrachte die Nacht auf der Treppe sitzend. Trotzdem lebten sie lange glücklich
und miteinander und auch wenn Anna oft über Karls „Fisematenten“ schimpfte,
schmunzelte sie heimlich darüber.
Anna war
ein sehr wertvoller Mensch, passte aber immer weniger in die moderne Neuzeit. Mir
blieb zum Beispiel fast das Herz stehen, als sie auf dem Weg in den U-Bahn-Schacht
einem Punker den Schirm auf den Kopf schlug, weil dieser für die Dame nicht
seinen Sitzplatz auf der Treppe geräumt hatte. Gottlob war der „Bengel“ über
Annas Aktion so verblüfft, dass er nicht
reagierte.
Auch
Verkehrsregeln interessierten Anna nicht sonderlich, sie lief über die Straße,
wo und wie es ihr gefiel, denn es gab sie ja schön länger als diese Autos.
Anna wurde
88 Jahre alt und sie fehlt mir sehr. Wenngleich ihr Verständnis von „Disziplin“
und „Moral“ heute antiquiert erscheint - sie war eben ein Spiegelbild ihrer Zeit.
© By Gitte