Warum Heinz mit 16 Jahren
sterben musste!
Dies ist die Geschichte
meines Großonkels, der mit 16 Jahren einen tödlichen Fahrradunfall erlitt.
Es war Samstagmittag, Karsamstag
um genau zu sein. Anni, die Schwester von Heinz, putzte gerade den Hausflur. Anni
arbeitete als Dienstmädchen in der Villa Hügel, sie war gerade zwanzig Jahre
alt und wenn sie frei hatte, unterstützte sie ihre Mutter, die fünf Kinder
großzog. Sie war gerade dabei den Flur zu trocknen, als ihr Bruder nach Hause
kam. Heinz war sechzehn Jahre alt und unbekümmert. Er kam vom Fußballspiel und
da es geregnet hatte waren seine Schuhe voller Matsch.
„Jesus, Maria!“ schimpfte
Anni los: „Kannst du nicht die Schochen ausziehen? Nun kann ich noch einmal
wischen!“
Heinz tätschelte ihr die Wange:
„Nicht böse sein, Schwesterchen.“
„Du mit deinem verdammten
Rad, ich wollte, du kämst nicht wieder damit“, schimpfte Anni weiter.
Betroffen schaute Heinz sie
an, dann fing er an zu pfeifen, nahm sich einen Apfel und ging wieder hinaus.
Anni blickte ihm nach. Heinz
bekam seitdem er arbeitete einige Groschen Taschengeld. Damals gab es noch
Straßenkapellen, bei denen man für zwei Groschen ein Lied wünschen durfte.
Heinz ließ sich die Lieder „So nimm denn meine Hände“ und „Weiß ich den Weg
auch nicht“ spielen.
Die Texte, für die Leser,
die diese Lieder nicht kennen:
So nimm denn meine Hände und führe mich
Bis an mein selig Ende und ewiglich!
Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt;
Wo Du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.
In Deine Gnade hülle mein schwaches Herz,
Und mach es endlich stille in Freud und Schmerz.
Lass ruhn zu Deinen Füssen Dein schwaches Kind;
Es will die Augen schließen und folgen blind.
Wenn ich auch gar nichts fühle von Deiner
Macht,
Du bringst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht.
So nimm denn meine Hände und führe mich
Bis an mein selig Ende und ewiglich!
Weiß ich den Weg
auch nicht, Du weiß ihn wohl;
Das macht die Seele still und friedevoll.
Ist's doch umsonst, dass ich mich sorgend müh,
Dass ängstlich schlägt das Herz, sei's spät, sei's früh.
Du weißt den Weg ja doch, Du weißt die Zeit,
Dein Plan ist fertig schon und liegt bereit.
Ich preise Dich für Deiner Liebe Macht,
Ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht.
Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht,
Und Du gebietest ihm, kommst nie zu spät;
Drum wart ich still, Dein Wort ist ohne Trug,
Du weißt den Weg für mich - das ist genug.
Danach setzte
er sich auf sein Rad und fuhr los. Anni stand in der Türe und beobachtete ihn.
Rasant bog er um die Ecke. Plötzlich hörte Anni Bremsen quietschen, dann gab es
einen lauter Knall. Erst war sie wie erstarrt, dann rannte sie entsetzt los.
Das durfte nicht sein!
Als sie den
Unfallort erreicht hatte, sah sie ihren blutüberströmten Bruder und das
verbeulte Rad auf der Straße liegen. Passanten hatten schon einen Krankenwagen
gerufen. Anni begann zu schreien, sie schrie und schrie und konnte nicht mehr
aufhören. Man brachte Heinz in eine Klinik und Anni in eine Nervenheilanstalt.
Willi, mein
Großvater, war zu diesem Zeitpunkt neunzehn Jahre alt. Er hielt in der Klinik am
Bett seines schwer verletzten Bruders Wache. Ein Auge war bei dem Unfall
herausgerissen worden und der Kopf war rundum bandagiert. Heinz starb am Ostersonntag
um fünf Uhr in der Frühe. Es war ein unglaublich trauriges Osterfest für meine
Vorfahren. Nach Ostern wurde er beigesetzt.
Heinz watete durch
ein Meer von Schmerzen. Er wusste nicht wie lange er das schon ertrug, er hatte
jedes Zeitempfinden verloren.
Plötzlich
waren die Schmerzen vorbei, er atmete auf. Der Verband um seinen Kopf löste
sich, er fühlte sich ausgeruht und frisch. Warum nur saß sein Bruder an seinem
Bett und weinte, es ging ihm doch wieder gut.
„Heinz!“ rief
ihn jemand an.
Er drehte sich
herum: „Wer bist du? Du kommst mir so bekannt vor...“ überlegte er laut.
„Der Heinrich
bin ich, dein Freund Heinrich. Als du noch klein warst, hast d immer mit mir gespielt.
Erinnerst du dich?“
„Stimmt!“
entsann sich Heinz. „Wo kommst du denn her? Woher weißt du, dass ich hier bin?
Ich hatte wohl einen Unfall...“
Heinrich nimmt
Heinz in seinen Arm. „Das weiß ich alles Heinz, du lebst nicht mehr. Ich bin
gekommen, um dich abzuholen. Ich bin dein Schutzengel.“
„Mein
Schutzengel?“ Heinz riss erstaunt die nun wieder gesunden Augen auf.
„Wo warst du denn dann, wenn ich jetzt hier bin?“ überlegte er laut.
Heinrich nahm ihn
bei der Hand und beide traten durch einen Tunnel in die andere Welt.
Es ist war hell,
aber eine schöne, sanfte Helle, nicht grell, dass sie in den Augen schmerzt. Die
Luft war weich wie Seide und aus der Ferne erklang eine liebliche Melodie.
„Es ist schön
hier.“ bemerkte Heinz. „Aber sag mir, warum musste ich so früh sterben? Ich
werde einsam sein, Freunde und Familie sind doch alle noch auf der Erde!“ Das
Herz will ihm schwer werden.
„Sag Heinz,
glaubst du an Gott?“ wollte Heinrich wissen.
„Aber sicher.“
entgegnete Heinz.
„Glaubst du
dann, dass er Fehler macht?“ fragte Heinrich.
„Kannst du mir
den Sinn erklären?“ bat Heinz verwirrt.
„Das kann ich
tun.“ gab Heinrich zur Antwort. „Denn ich wollte auch wissen warum du sterben
musstest. Also hör gut zu, denn der Herr ist weise und seine Wege richtig.
Deine Schwester, die dir einen Fluch nachgesandt hat, hat nun schmerzhaft
lernen müssen, ihre Worte besser zu bedenken. Sie wird nicht mehr gedankenlos
fluchen. Kennst Du den Spruch: Schnell hat ein Wort zuviel gesprochen schon so
manches Glück zerbrochen?
Der Autofahrer, Euer Kohlenhändler, fährt immer viel zu schnell und trinkt auch
gerne ein Schlückchen. Von nun an wird ihm immer dein Bild vor Augen
erscheinen, wenn er leichtsinnig ist.
Dein Bruder wird seinen ersten Sohn im Gedenken an dich „Heinz“ nennen. Aber
dieser Heinz wird keinen guten Charakter haben und dein Bruder wird lernen,
dass man keinen Menschen durch einen anderen ersetzen kann, denn jeder Mensch
ist einzigartig.
Du, Heinz, hast nun gelernt: Achtsamkeit im Straßenverkehr ist wichtig, nicht
ungestüm drauflos rasen, sondern Acht geben, um sich und andere nicht zu
gefährden. Du wirst nun auch ein Schutzengel werden, du wirst ein Kind zur
Aufsicht bekommen, das für sein Leben gerne Rad fährt.“
Heinrich gab
Heinz lächelnd die Hand: Dazu wünsche ich dir Gottes Segen.
© By Gitte