Wenn das Schicksal es will!

 

Carla wurde in eine ganz normale Familie geboren. Sie war erst vier Jahre alt, als ihre Mutter einen anderen Mann kennen lernte. Sie hatte dem Freund ihrer Schwester, Fritz,  etwas miteilen sollen.

 

Fritz war Busfahrer. Und so wartete Waltraud mit Carla am Busbahnhof auf ihn. Dort lernte sie dann Heinz kennen. Heinz war ein Kollege von Fritz.  Waltraud fragte ihn nach den Dienstplänen und so kamen sie ins Gespräch.

 

Später lud Heinz Waltraud und Carla auf einen Kaffee und Kakao ein. Sie unterhielten sich prächtig. Zu prächtig, denn sie trafen sich nun immer öfter. Waltraud versuchte, Carla in den Kindergarten zu bekommen, aber Carla hatte mit ihrem kindlichen Instinkt Gefahr gewittert und weigerte sich strikt. Also schleppte Waltraud Carla mit.

 

Während Waltraud Heinz näher kennen lernte, musste Carla bei zwei alten Leuten in der Küche auf ihre Mutter warten. Diese bekamen Geld von Heinz und stellten dafür ihr Schlafzimmer zur Verfügung. Jedes mal auf dem Heimweg schärfte Waltraud Carla ein, ja nichts dem Papa Thorsten, Waltrauds Mann und Carlas Vater, zu verraten. Carla war darüber sehr traurig, denn sie liebte beide Elternteile. Da sie Waltraud das Versprechen gegeben hatte zu schweigen, tat sie das auch, zumal Waltraud ihr gesagt hatte, Thorsten wäre sehr traurig, wenn er davon erfahren würde.

 

 Wochenlang dachte Carla darüber nach, wie sie ihren Vater informieren könnte, ohne ihr Versprechen zu brechen. Dann hatte sie die Lösung: Wenn sie gefragt wurde, würde sie antworten müssen. Als sie in der folgenden Zeit, mit Papa Thorsten allein war, begann sie:

 

“Vati, willst du nicht mal wissen, was Mama und ich gemacht haben?“

„Sicher“, meinte Thorsten, „erzähl doch mal!“

„Nein, das geht nicht. Du musst schon fragen“, meinte Carla.

Thorsten horchte auf, versuchte Carla ihm etwas zu sagen?

„Was habt Ihr beiden denn heute gemacht?“ fragte er genauer nach.

„Wir waren am Busbahnhof und haben dort Onkel Heinz getroffen.“

„Wer ist Onkel Heinz?“ wollte Thorsten wissen.

„Onkel Heinz ist Mamas Freund.“ erklärte Carla.

„Was macht Ihr dann?“ fragte Thorsten weiter.

„Wir gehen zu Familie Korten, dort muss ich in der Küche warten, bis Mama und Onkel Heinz wieder kommen“.

 

Für Thorsten brach eine Welt zusammen, er erkannte Carlas seelische Not und ließ sich nichts anmerken. Carlas Mutter war eine Weile böse auf sie, aber sie nahm Carla nicht wieder mit zu Onkel Heinz und Carla war froh, dachte sie doch, die Gefahr sei vorbei. Sie waren wieder eine ganz normale Familie, dachte Carla.

 

Es kam der Tag der Einschulung. Endlich war es soweit, Carla war groß, ihre Freundin Renate war schon im vergangenen Jahr eingeschult worden und Carla hatte sie sehr beneidet. Nun war sie auch ein Schulmädchen, auch wenn Nati, so nannte Carla Renate, verächtlich meinte, sie sei ja nur ein I-Dötzchen. Eine Woche nach der Einschulung wurde Carla von Ihrer Oma abgeholt.

„Was machst du hier, Oma?“ fragte Carla erstaunt.

„Ich hole Dich heute ab; Deine Mutter ist nicht da.“ sagte Carlas Oma.

„Wohin ist sie denn?“ hakte Carla nach.

„Das wissen wir nicht so genau, komm, wir gehen erst einmal nach Hause.“

„Was wird nun aus mir?“ wollte Carla wissen, „bleibe ich bei Dir?“

„Das geht nicht, ich arbeite doch“, meinte ihre Oma.

Carla verbiss sich tapfer das Weinen. Sie ging mit zu ihrer Oma, was blieb ihr auch übrig?

 

 

Am Abend kam ihr Vater auch dorthin. Als nun auch Großvater von der Arbeit zurückgekehrt war, überlegten sie gemeinsam, was mit Carla zu geschehen hatte.

Nacheinander rief ihr Vater alle an, Onkel und Tanten, keiner wollte sich mit Carla belasten.

 

 

Blieb nur noch ihre Großtante Anna, die Schwester von Carlas Opa. Tante Anna war wegen ihres strengen Regiments gefürchtet. Sie war bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahr allein geblieben, dann hatte man ihr den ebenfalls ledigen Bruder ihres Schwagers vermittelt. Die beiden hatten auf  Drängen der Familie geheiratet.

 

 

Großtante Anna war die älteste der Geschwister und hatte diese mit erzogen, sie trug den Spitznamen „der General“ und das nicht zu Unrecht. Bei ihr sollte Carla nun wohnen.

Vater und Opa nahmen das Mädchen ins Gebet: Entweder Großtante Anna oder Heim.

„Und warum kann ich nicht zu Oma und Opa im Waldhaus?“ wollte Carla von ihrem Vater wissen.

„Das geht nicht, Du weißt doch, sie wohnen mitten im Wald, wie willst Du da jeden Morgen zur Schule kommen?“ fragte ihr Vater.

 

 

Man brachte Carla also zu  Großtante Anna. Carla war todunglücklich. Sie sollte die Mansarde beziehen, das Zimmer lag ein Stockwerk höher. Dort hatte jede Wohnung einen Zusatzraum und alle standen leer. Zudem war in dieser Mansarde Carlas Urgroßmutter gestorben. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen.

„Wenn ich hier schlafen muss, laufe ich weg.“ drohte sie.

Seufzend richtete Großtante Anna ein Gästebett in ihrem Schlafzimmer her.

Carla wurde zu Bett gebracht und die Erwachsenen gingen ins Wohnzimmer, um die Sachlage zu besprechen. Leise stand Carla wieder auf und schlich durch die Diele zur Wohnzimmertüre. Sie lauschte.

 

 

„Also steckt dieser Kerl dahinter“, hörte sie Großtante Anna schimpfen.

„Das ist wohl leider so“ entgegnete Carlas Opa.“ Wir dachten alle die Affäre sei vorbei. Da haben wir uns wohl getäuscht“.

„Na, sie soll sich mit ihm hierher wagen, den schmeiße ich die Treppe runter“, schimpfte Großtante Anna.

 

 

Leise schlich Carla zurück in ihr Bett, sie hatte genug gehört. Zum ersten Mal wurmte
sich der Hass in ihre Kinderseele und sollte sie nie mehr verlassen. „Heinz“, murmelte sie, „irgendwann werde ich dich töten.“

Und mit diesem Versprechen, das sie sich selbst gab, schlief sie ein.

Die Zeit bei Großtante Anna war nicht leicht, für keinen von ihnen.  Am nächsten Morgen gab es Haferschleim, Carla schüttelte sich vor Entsetzen, doch Großtante Anna kannte kein Pardon. Nachdem sie das Zeug mit Todesverachtung in sich hinein geschaufelt hatte, ging Großtante Anna mit ihr zu der neuen Schule, um sie dort anzumelden. Es gefiel ihr überhaupt nicht dort. Die Kinder waren hier in der Stadt viel weiter, als in dem kleinen Vorort, aus dem Carla kam.

 

 

Tatsächlich schellte eines Tages Carlas Mutter mit ihrem Freud. Großtante Anna machte ihre Drohung wahr. Sie schaffte es nicht, ihn die Treppe hinab zu werfen. Er floh schneller, als ihm der Besen entgegenkam, mit dem sie ihm drohte.

 

Die Zeit verging und Carlas Hass wuchs ins Unermessliche. Mit zehn Jahren wechselte Carla wieder zu ihren Großeltern, ihre Oma arbeitete zwar immer noch, aber Carla war nun alt genug, sich morgens alleine zu versorgen. Es wurde auch eine Besuchsregelung getroffen. Samstags holte ihr Vater sie zu sich, in sein Zimmer, das er im Hause seiner Eltern bewohnte.

Montags – immer nachmittags – kam ihre Mutter mit ihrem Freund Heinz.

 

 

Heinz gab sich große Mühe mit Carla, aber sie würdigte ihn keines Blickes. Was er auch tat, sie war höflich, aber abweisend.

Wieder gingen einige Jahre ins Land. Carla war nun zwölf Jahre alt. Sie hatte sich immer Geschwister gewünscht, dann wäre sie wenigstens nicht mit allem allein gewesen. Carla hatte ein Hobby entdeckt, sie fing an,  sich mit Künstlerpuppen zu beschäftigen. Sie hatte einen Kurs „Rebornen“ belegt und machte sich so ihre eigenen Geschwisterchen.

  

 

 

Eines Tages, als sie so bei der Arbeit war, betrachtete sie sinnend das feine Glasgranulat. Wenn das nun jemand schluckte. Carla war wie elektrisiert, dass war es. Sie füllte etwas davon in ein Glasröhrchen und trug es immer bei sich. Eines Tages war die Gelegenheit da. Mutter und ihr Freund luden sie zum Essen ein. Es war ein kleines Restaurant. Heinz trank immer ein Bier zu seiner Mahlzeit. Die Getränke standen auf der Theke, da klingelte das Telefon. „Entschuldigt mich, ich muss schnell zur Toilette“, sprach Carla. Schon im Laufen nahm sie das Röhrchen in die Hand, als sie an der Theke vorbei kam, ließ sie den Inhalt schnell in das Bierglas rieseln. Danach ging sie zur Toilette. Sie ließ sich Zeit, sie wusste, Heinz würde das erste Glas wie immer gierig herunter schütten. Was ihre Mutter nur an diesem Ekel fand.

 

 

Aus der Gaststätte hörte sie Tumult, sie lächelte, sollte es so schnell gegangen sein. Das wäre ja fast zu einfach. Als sie die Gaststätte wieder betrat, setzte sie eine betont gleichgültige Mine auf. Was sie sah, gefiel ihr sehr. Heinz lag auf der Erde und wand sich vor Schmerzen. Ihre Mutter kniete neben ihm und heulte hysterisch. Der Wirt redete auf sie ein: „Der Krankenwagen ist unterwegs“, sprach er, „er muss jede Minute hier sein“.

„Man sollte kaltes Bier auch nicht so hinuntergießen“ sprach Carla kalt.

„Mach, dass Du wegkommst!“, schrie ihre Mutter sie an.

 

 

 

Carla zuckte die Schultern und machte sich auf den Weg zu ihren Großeltern. Sie fühlte sich wunderbar, endlich konnte sie sich wehren und ihrem Hass ein Ventil verschaffen. Sie berichtete ihren Großeltern, Mutters Freund sei krank geworden und ging früh zu Bett, um ihren Triumph allein genießen zu können. Sechs Jahre hatte sie darauf warten müssen. Am anderen Tag teilten die Großeltern ihr mit, dass Mutters Freund gestorben sei, er habe innere Verletzungen gehabt und die Kripo ermittelte nun gegen den Gastwirt. So einfach ist das also, dachte Carla.

 

 

Wieder ging einige Zeit ins Land. Carla hatte mittlerweile einigen Ärger mit ihrer Handarbeitslehrerin. Einige Male hatte sie diese Carla ziemlich bloßgestellt. Nun hatte sie ihr zu allem Überfluss eine fünf als Zeugnisnote gegeben. Fräulein Bellinger bereitete sich immer gewissenhaft auf den Unterricht vor. Carla wusste, sie betrat die Klasse immer zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn. Eine Viertelstunde vor Beginn der nächsten Handarbeitsstunde fragte Carla ob sie zur Toilette gehen dürfe. Sie lief zum Handarbeitsraum. Dort spannte sie in Knöchelhöhe einen unsichtbaren Plastikfaden. Frau Bellinger trug eine starke Brille und würde ihn sicher nicht bemerken.

 

Nachdem Carla wieder Platz genommen hatte, ertönte plötzlich ein schriller Schrei. Carlas Lehrer stützte auf den Flur. Neugierig und betroffen sahen sich die Schüler und Schülerinnen an. Nach einer Weile kam der Lehrer zurück, Fräulein Bellinger ist böse gestürzt, die Handarbeitsstunde findet heute nicht statt.

Das übliche Gejohle fiel heute aus, betreten gingen alle nach Hause, bis auf Carla, die in einem unbeobachteten Moment die Reste des Plastikfadens entfernte, den in der Aufregung niemand bemerkt hatte.

 

Am nächsten Morgen erfuhren alle Schüler und Schülerinnen, dass Fräulein Bellinger sich bei dem unglücklichen Sturz das Genick gebrochen hatte,

Alle waren sehr betroffen, zumindest schien es so, Carla fühlte sich großartig, keiner sollte sich mehr mit ihr anlegen. „Nummero zwei“ … sagte sie sich insgeheim.

 

 

 

 

Inzwischen arbeitete Carla im Krankenhaus und zwar am Sonntag. Freiwillig übrigens, denn  sie hatte sich mit einem Pastor überworfen und statt des Gottesdienstes angeboten,  unentgeltlich im Krankenhaus zu arbeiten. Es machte ihr Spaß; nur mit ihrer Oma zankte sie sich in der letzten Zeit ständig, immer hatte sie was an Carla zu monieren.

Oma war zuckerkrank. Carla begann - fast gegen ihren Willen -  im Krankenhaus Informationen zusammenzutragen.

So wusste sie schon bald, dass Kaliumchlorid eine klare medikamentöse Flüssigkeit ist, die schnell zu einem Herzstillstand führen kann.

 

 Oma sollte ja nicht leiden, wie Mutters Freund, da machte Carla schon einen Unterschied.

Sonntags war in der Klinik immer nur Notbesetzung, der Schlüssel zum Medikamentenschrank hing in der Teeküche. Carla konnte nicht widerstehen. Sie entwendete eine Ampulle. Nach einigen Tagen war Omas Zuckerspiegel wieder sehr hoch. „Ich ziehe schon deine Spritze auf“, bot Carla an, ich habe das im Krankenhaus gelernt“. Oma lächelte und Carla hätte fast einen Rückzieher gemacht, aber dann dachte sie an alle Kränkungen der letzte Zeit. Sie seufzte, es musste sein. Oma setzte sich die vermeintliche Zuckerspritze. Kurze Zeit später griff sie sich ans Herz und sackte zusammen. Carla rief den Notarzt, aber es war zu spät. Nummer drei, meinte Carla .. hütet Euch mich zu ärgern.

 

 

Nach einer Weile musste Carla zum Zahnarzt. Er war ziemlich grob zu ihr, „Stellen Sie sich nicht so an!“ meinte er. Er wusste ja nicht, zu WEM er das sagte….

Auf dem Heimweg dachte Carla intensiv über ihn nach, kam es nicht vor, dass ein Zahnarzt einen Stromschlag erhielt, bei diesen vielen elektrischen Geräten? Eine ganze Weile tüftelte Carla an ihrem Plan herum. Dieser ließ sich nicht so ohne weiteres durchführen, denn sie hatte  von Strom überhaupt keine Ahnung. Gummi leitet nicht, wusste sie noch aus dem Schulunterricht, beim nächsten Zahnarztbesuch achtete sie auf das Schuhwerk des Doktors und wieder war Doktor Eichmann sehr grob zu ihr.

„Okay!“ dachte sie „Das war’s jetzt. Du hattest Deine Chance…

 

 

Sie hatte beobachtet, dass der Doktor wegen der Hitze in der Praxis seine Schuhe gegen leichte Sandalen mit einer dünnen Ledersohle getauscht, dass Problem war also gelöst, sie musste nur einen der nächsten heißen Tage abwarten und überlegen, wie es ihr gelänge die Bohrer unter Strom zu setzen.

 

 

 Ihr Vater kannte sich als Mann ein wenig mit Elektrizität aus, sie fragte ihn:

„Sag mal einmal, Vati, wie kann es eigentlich passieren, dass man einen Stromschlag bekommt?“

Ihr Vater lachte: „Warum willst Du das wissen, planst Du, mich um die Ecke zu bringen?“

Carla stimmte in sein Lachen ein. „Nein, ich wollte nur ein wenig lernen, worauf ich achten muss.“

Ihr Vater begann zu erklären und Carla hörte sehr aufmerksam zu. „Wenn ein Fön in die Badewanne fällt, bekommt man einen Stromschlag.“ berichtete er ihr. Das war sehr interessant, dass musste Carla sich merken, wer weiß, wann man diese Information gebrauchen konnte.

„Was ist denn mit Kabeln, an elektrischen Geräten?“ erkundigte sie sich weiter.

„Na, wenn das Kabel blank ist, steht das ganze Gerät unter Strom“ erklärte ihr Vater.

Carla grübelte.

Ihr Vater beobachtete sie und meinte: „Na, was brütet Dein hübsches Köpfchen aus?“.

Carla zwang sich zu einem unverbindlichen Lächeln, während die Gedanken in ihrem Kopf kreisten. Übermorgen war der nächste Zahnarzttermin, sie konnte es kaum erwarten. Als sie dann an dem besagten  Tag morgens aus dem Fenster blickte, war sie sehr enttäuscht. Es goss wie aus Eimern  ….

Na, heute würde Doktor Eichmann sicher keine Sandalen tragen, aber er hatte seine Strafe verdient und Carla konnte ihn nicht mehr sehen, sie griff zum Telefon und verschob den Termin, weil ihr angeblich etwas Dringendes dazwischen gekommen war.

Carla lächelte in sich hinein ….gut, das keiner ahnte, dass es das Wetter war.

 

Ihre Zeit würde kommen. Sie konnte ihre Ungeduld kaum zügeln, bald würde wieder ein unfreundlicher Zeitgenosse weniger auf Erden weilen. Am nächsten Tag lachte wieder die Sonne vom Himmel, es war ein heißer Sommer in diesem Jahr,  der letzte, den Doktor Eichmann erleben würde.

Gegen Mittag rief sie in der Praxis an.

„Ich habe Schmerzen bekommen“, flunkerte sie, „können Sie mich dazwischen schieben?“ „Kommen Sie vorbei, ich werde sehen, was sich machen lässt“, meinte die Arzthelferin. „Es kann aber etwas dauern.“

 

Carla war das nur recht, endlich könnte sie ihren Plan ausführen. Sie schlenderte zur Praxis. „Bitte nehmen Sie im Wartezimmer Platz“, sagte die Helferin an der Anmeldung zu ihr. Carla hatte sich ein Buch mitgebracht, aber sie konnte sich kaum auf den Text konzentrieren, sie war zu aufgeregt. Endlich erschien die Sprechstundenhilfe und bat sie, in einem der drei Behandlungszimmer zu warten. Dort blieb Carla dann alleine.

Sie zog einen Seitenschneider aus der Handtasche, dabei musste sie grinsen, Heute quälte Doktor Eichmann das letzte Mal. Sie hatte genau aufgepasst, welchen Bohrer er das letzte Mal genommen hatte. Diesen nahm sie nun und entfernte mit einem raschen Schnitt den Gummimantel, direkt unter dem Bohrer, hier würde er mit Sicherheit hinfassen. Eine Weile musste sie sich noch gedulden, dann ging die Türe auf und Doktor Eichmann kam wie ein König im Gefolge zweier Arzthelferinnen in den Raum.

 

Carla blickte auf sein Schuhwerk und lächelte, sie hatte Glück, er trug Sandalen.

„Sie haben aber gute Laune heute“, meinte er. „Mal sehen, ob das so bleibt“.

Er war eben ein richtiges Ekel. Er zog die Bohrerleiste zu sich heran und griff ………  nach dem falschen, Carla stöhnte.

„Das war die Vorarbeit“, sprach er danach. „Nun kommt die feine.“

 Er griff nach dem kleinen Bohrer, den er beim letzten Male benutzt hatte. Er schaltete ihn ein und schrie auf, dann begann er zu zittern und Carla stieß ganz aus Versehen, auch noch ihr bereitstehendes Wasserglas um, denn sie wollte auf Nummer sicher gehen. Eine Arzthelferin wollte ihm zu Hilfe eilen und stürzte, als sie ihn berührte, mit ihm zu Boden. Carla sprang vom Behandlungsstuhl.

 „Nicht berühren!“ warnte sie die andere Arzthelferin. „Das könnte ein Stromschlag sein!“

Die Vorzimmerdame rief den Krankenwagen, doch -  wie Carla sich schon bei einem Blick in die verdrehten Augen gesagt hatte, beide waren tot.

Die polizeilichen Ermittlungen ergaben Verschleiß, denn Carla war klug genug gewesen, die Schnittränder mit Schleifpapier zu bearbeiten, damit man den Schnitt nicht bemerkte.

 

Zufrieden ging Carla heim, sie musste sich schnell einen neuen Zahnarzt suchen und ihr Loch behandeln lassen. Nur musste sie wohl eine Weile verstreichen lassen, sonst kam man ihr womöglich auf die Schliche und das durfte nicht geschehen.

 

 

Einige Jahre gingen ins Land. Carla hatte nun eine eigene Wohnung, sie war erwachsen.

Eines Tages lernte sie auf der Fahrt zur Arbeit Georg kennen. Sie kamen im Zug ins Gespräch und weil sie sich so angeregt unterhielten, bat Georg um ein Treffen. Carla sagte gerne zu, denn auch sein Äußeres war sehr ansprechend, nur eines störte Carla, er redete viel zu oft von seiner Mutter. Mindestens dreimal in der Woche trafen sie sich und unternahmen viel miteinander, sie gingen spazieren, machten Ausflüge in die nähere Umgebung, besuchten In-Kneipen, oder kuschelten im Auto. Dieses war zu der Zeit, als sie sich kennen gelernt hatten, in der Werkstatt gewesen, so dass Georg ausnahmsweise mit dem Zug gefahren war.

 

 

Eines Tages war es dann soweit, Georg wollte Carla seiner Mutter vorstellen. Sie hatte mittlerweile begriffen, dass er trotz aller Vorzüge ein Muttersöhnchen war, aber das konnte man ja ändern. Am nächsten Samstag zog sich Carla extra konservativ an, denn Georgs Erzählungen hatte sie entnommen, das seine Mutter noch vom „alten Schlag“ war.

Sie wählte ein schlichtes Kostüm und eine weiße Bluse. Sie wusste die alte Dame zu nehmen, Mathilde war begeistert von ihr, jedenfalls, soweit man von einer möglichen Rivalin um die Gunst des Sohnes begeistert sein kann. Carla lernte Mathilde immer besser kennen, diese vergötterte ihren Sohn.

 

Die Besuche bei ihr liefen immer nach dem gleichen Schema ab. Mathilde rief zuvor an und fragte, was Georg zu essen wünschte. Nie fragte sie danach, was Carla gerne aß. Zum Mittagessen fuhren sie zu ihr, danach legte sich Mathilde ins Bett und Carla durfte den Abwasch erledigen. Carla fing an, Mathilde zu hassen. Manchmal fuhren Georg und Carla schon am Morgen zu ihr, Georg ließ dann auf Mathildes Kosten das Auto reparieren, oder vergnügte sich im nahen Einkaufscenter, immer gab Mathilde ihm einen Blankoscheck mit. Auf die Idee, dass Carla auch gerne mal einen Einkaufsbummel gemacht hätte kam sie nie.

 

 

Mathilde hatte schweres Asthma. Carla wartete. Eines Samstags Morgen war es dann soweit. Mathildes Atem ging schwer. „Bist Du so lieb und holst mein Asthma Spray aus dem Bad, fragte sie Carla?“

„Natürlich“, entgegnete diese und ging ins Bad. Sie ließ sich Zeit.

Nach einer Weile klopfte Mathilde an die Türe, sie röchelte schwer.

„Bitte mache die Türe auf, ich brauche mein Spray.“

Carla ließ das Flehen der alten Frau ungerührt. Sie öffnete den Wasserhahn der Badewanne. Es klopfte und polterte an der Türe. Carla machte das Radio an und entkleidete sich langsam, nur leise drang Mathildes Gejammer zu ihr. Als die Wanne voll war, ließ sie sich in den duftenden Schaum gleiten, hinter der Türe war es mittlerweile still geworden. Nach einiger Zeit hörte sie die Wohnungstüre, Georg war wohl zurückgekommen. Carla hörte einen lauten, verzweifelten Schrei. Schnell stieg sie aus der Wanne, wickelte sich in ein Badetuch und öffnete die Türe. Mathilde fiel ihr entgegen, ihr Gesicht war blau angelaufen und sie sah furchtbar aus. Carla brauchte ihr Entsetzen nicht zu spielen. „Mutter“, rief Georg entsetzt. Er weinte, Carla nahm ihn in den Arm. „Du hast ja noch mich“,  tröstete sie ihn.

……….  Jedenfalls so lange Du mich nicht ärgerst, …………..setzte sie in Gedanken hinzu, aber das brauchte Georg nicht zu wissen.

 

© By Gitte