Wintermärchen2
Zauber der Jahreszeiten!(Fortsetzung Wintergeschichte)
Die Zeit verging und der Wirbel um meine Person ließ nach. Mein Leben veränderte sich in negativer Weise. Einige Mal hätte ich mich fast verplappert und von der Winterwelt berichtet. Das Ergebnis war, das ich mir nun meine Worte genau überlegte, was mich in den Augen meiner Mitmenschen zum Sonderling machte. Sie hat von dem Unfall doch etwas zurück behalten, tuschelten die Leute hinter vorgehaltener Hand. Dazu kamen die Neider, da ich ja meine neuen Fähigkeiten in Bezug auf Kleider Entwürfe und Malen nicht immer verbergen konnte und wollte, gab es natürlich auch Mitschüler die neidisch waren. Mein Leben wurde immer einsamer, denn selbst meinen Eltern konnte ich ja nicht von meinem Erleben berichten, sie hätten mich für Geisteskrank gehalten, auch wenn sie es mir nicht ins Gesicht sagen würden, aber ihre mitleidigen Minen hätte ich nicht ertragen. Wochen gingen ins Land, dann Monate. In der ersten Zeit zehrte ich noch von meinen Erlebnissen, sie waren die Einsamkeit wert, doch dann begannen die Erinnerungen zu verblassen und mein Alltag wurde trist und grau. Meine Isolation verstärkte sich immer mehr. Meine ehemaligen Freundinnen verabredeten sich, gingen ins Schwimmbad, oder machten Radtouren, mich fragten sie nicht ob ich daran teilnehmen wollte, ich war ein Sonderling geworden. So zog ich mich immer mehr zurück, grübelte malte und war unausstehlich. Selbst meine Mutter verlor langsam die Geduld mit mir. „Sieh dich nur mal an, deine mürrische Mine, ich kann verstehen, das man dir aus dem Weg geht, wann warst du das letzte Mal bei Nati“, wollte sie wissen. „Ach Nati, was weiß denn die“, entgegnete ich. Da platzte ihr der Kragen. „Sag mal hörst du dir eigentlich selbst manchmal zu? Du bist ein völlig überheblicher Mieseprim geworden, ich kann verstehen, das niemand mehr etwas mit dir zu tun haben will.“ Völlig fassungslos sah ich sie an. „So denkst du also über mich“, fragte ich traurig. Sie selbst war wohl auch erschrocken. „Das hab ich nicht so gemeint“, versuchte sie ihre harschen Worte abzuschwächen, doch ich winkte ab. „Du hast ja Recht, ich kann mich selbst nicht mehr leiden“, antwortete ich ihr. Dann drehte ich mich um und ging in mein Zimmer, sie sollte meine Tränen nicht sehen. Niemand sollte mich weinen sehen. Ach könnte ich doch zurück in diese herrliche, wundersame harmonische Welt. Halt mal, warum sollte ich nicht zurück können, ich wusste wie ich dort hinkomme, ich brauchte es nur noch einmal zu machen und zwar genauso. Der Plan begann sich in meinem Kopf festzusetzen. Immer wenn ich wieder enttäuscht war tröstete ich mich damit, dass ich ja jederzeit wieder gehen konnte, an einen Ort den niemand außer mir kannte. Fieberhaft erwartete ich den Winter. Mein Pfeifchen wollte ich nicht benutzen, um Bruder Frost herbeizurufen, denn ich war zwar traurig, aber ein Notfall war das nicht. Vater schmunzelte. „Na freust du dich schon auf das Schlittschuhlaufen, oder hast du nun Angst?“ Ich schüttelte den Kopf. Quälend langsam verging der Herbst. Nässe, Kälte, aber kein heiß ersehnter Frost. Täglich schaute ich die Wettervorhersage an und dann endlich war es soweit, man sagte ihn an, der Winter sollte in den nächsten Tagen seinen Einzug halten. In der folgenden Nacht bekam ich kaum ein Auge zu, ich saß in meinem Zimmer und starrte aus dem Fenster, würde er kommen? Zu mir, mein Freund der Bruder Frost, hatte er mich vergessen, oder hatte er zuviel Arbeit? Fragen über Fragen.
Ein leises Klopfen an der Fensterscheibe weckte mich aus meinem Schlummer in den ich auf dem Sessel am Fenster gesunken war. Aufgeregt klopfte mein Herz. Da war er, sein altes zerfurchtes gütiges Gesicht lachte mich durch die Scheibe an. Endlich war er da, ich riss das Fenster auf und umarmte ihm stürmisch, dabei merkte ich den Eiseshauch, der von ihm ausging. „Na na“, gerührt tätschelte er meinen Rücken und ich schluchzte. „So schlimm?“ „Bitte, bitte lieber Bruder Frost, nimm mich mit, ich möchte zurück zu euch“, bat ich ihn. Er schob mich ein Stück fort und sah mich ernst an. „Damals wolltest du zurück zu den Deinen, was ist passiert?“ „Ach ich komme hier nicht mehr zurecht, alle meiden mich, ich habe mich verändert, bei euch mag man mich, bitte nimm mich mit“, bat ich ihn noch einmal. Er betrachtete mich sinnend. „Das geht nicht“, antwortet er schließlich. „Stell dir mal vor, ich würde alle Sterblichen mit in unser Reich nehmen. Wir sind ein Zwischenreich zwischen Himmel und Erde und das soll es auch bleiben, kein Ausflugsziel für unverstandene Kinder. Du bist durch eine große Gnade zu uns gekommen, dein Weg hätte zurück, oder in die Ewigkeit führen können. Aber du tust mir leid, du hast mein Herz gerührt mit deinem Mut und deshalb schlage ich dir folgendes vor: Du bedenkst dich ein Jahr lang, heute auf den Tag genau in einem Jahr komme ich wieder und wenn du bis dahin bei deiner Meinung geblieben bist, dann nehme ich dich mit, aber das ist dann endgültig, du wirst dann eine der Unseren sein, dein Auge wird herrliche Dinge sehen, aber dein Herz wird erstarren in ewigen Eis. Denk gut darüber nach und nun lebe wohl.“
Traurig blickte ich ihm nach und ergab mich in mein Schicksal, zumindest versuchen wollte ich es. Wieder verstrich die Zeit und immer besorgtere Blicke warf mir mein Großvater zu, ich wich seinen Augen aus, denn oft war es mir, als könne er meine Gedanken lesen und bis auf den Grund meiner Seele blicken. Langsam wurde es wärmer, der Frühling begann und dann kam dieser Samstag. Eigentlich war der Grund unseres Streites völlig belanglos, ich weiß nicht einmal mehr um was es ging. Jedenfalls beschloss ich am anderen Tag zu Gehen, in eine Welt, die nur ich kannte, in der meine Freunde lebten, die mich nicht ignorierten, die sich freuen würden mich zu sehen. Und wenn etwas schief geht? Eine mahnende Stimme hörte ich in meinem Kopf. Wenn du wirklich ertrinkst dieses mal? Ach was und wenn schon, keiner mag mich und keiner würde mich vermissen, ich beschloss es zu wagen, Morgen am Sonntag. Das erste Mal nach langer Zeit, ging ich zu meiner Mutter und entschuldigte mich, ich hatte ja nichts mehr zu verlieren. Sie war völlig gerührt und kurz dachte ich vielleicht klappt es ja doch wieder mit meinem Umfeld, doch dann begann sie auf mich einzureden, was ich alles falsch machte ihrer Meinung nach und da kam mir zu Bewusstsein, das es so nicht weiter gehen konnte. Früh ging ich zu Bett und entschuldigte mich mit Kopfweh.
Als der Wecker klingelte dämmerte es gerade. Es war halb fünf, genau wie damals, vor über einem Jahr. Heute allerdings wusste ich wo ich hinwollte und ich kleidete mich dementsprechend völlig in Weiß. Weißer Pulli, weiße Jacke, weißer Faltenrock, weiße Kniestrümpfe, weiße Schuhe. Dann machte ich mich auf den Weg. Dieses Mal würde ich nicht wie ein Fremdling in der Winterwelt wirken. Zielsicher steuerte ich den Heyerstrang an. Am Ziel setzte ich mich für eine Weile zögernd ans Ufer. Schaudernd starrte ich in das bleigraue Wasser. Da war die Eisfläche wesentlich anziehender erschienen. Ob ich es nun wollte, oder nicht begannen meine Gedanke um schwammige Wasserpflanzen und glitschige Fische zu kreisen, damals war durch die Eiseskälte das Leben fast erstorben gewesen, aber nun war es Frühling. Wie würde es sein, würde viel ekeliges Zeug meine Beine streifen? Würde ich viel faules Wasser trinken, bevor ich ertrank? Ach was, fort mit den Gedanken, konzentriere dich auf das Ziel befahl ich mir selbst in Gedanken. So begann ich Ausschau zu halten, nach einem Menschen auf der Brücke. Wenn niemand mich sah und früh genug aus dem Wasser zog, dann war es wirklich aus und ich würde nicht in der Winterwelt, sondern im Fegefeuer landen, da wo die Selbstmörder hinkommen. War es eine Sünde was ich vorhatte? Aber warum hatte ich dann diesen Ort kennen und lieben lernen dürfen, warum sehnte ich mich so sehr dorthin? Da, endlich erschien ein früher Jogger hoch über mir auf der Brücke. Das war sicher ein Zeichen, auf ihn hatte ich ja gewartet. „Huhu“, schrie ich und winkte, dann schloss ich die Augen und sprang. Das der Mann auf der Brücke entsetzt aufschrie bekam ich nicht mehr mit. Das Wasser schlug über meinen Kopf zusammen und die Eiseskälte des frühen Morgens lähmte meinen Körper und meine Sinne. Impulsiv begann ich zu strampeln, doch dann, wie aus weiter Ferne kamen meine Gedanken zurück. Nicht, tönte es im meinem Kopf, wehr dich nicht, sonst kommst du nicht dahin wohin du willst. Einen Moment lang war der Impuls leben zu wollen stärker und ich machte einige verzweifelte Anstrengungen über Wasser zu kommen, aber plötzlich wusste ich die Richtung nicht mehr, wo war oben? Die Panik verwirrte mich völlig. Ich wollte es nicht, aber meine Lungen schienen zu platzen und fast gegen meinen Willen öffnete ich den Mund und schnappte. Allerdings war es keine erlösende Luft, die in meine Lungen drang, sondern Wasser. Wie werde ich aussehen wenn man mich findet, dachte ich noch, Wasserleichen sollen furchtbar aussehen, blau und aufgedunsen, sicher halb so furchtbar wie ich mich fühlte, mein Kopf schien durch den Sauerstoffmangel zu platzen, doch dann war plötzlich alles gut, friedlich und freundlich schimmerte ein Licht zudem ich hingezogen wurde. Freunde ich komme wieder war der letzte bewusste Gedanke.
Im Lande des Frühlings
Ein leises Summen ertönte an meinem Ohr. Schläfrig öffnete ich einen Spalt weit die Augen. Doch welche Enttäuschung, statt des blendenden Weißes, das ich erwartet hatte erblickte ich Farbe. Langsam entschloss ich mich dazu mich meiner Umgebung zu stellen, war etwas schief gegangen? War ich doch im Himmel statt im Winterland? Als ich die Augen nun endgültig öffnete fand ich mich in einem pastellfarbenen Zimmer wieder. Neugierig schaute ich mich um. Der Teppich sah aus wie eine Blumenwiese. Hellgrünes Gras das mit Gänseblümchen und kleinen Veilchen durchsetzt war. Vor dem Fenster stand ein Obstbaum in voller Blüte. Vorsichtig richtete ich mich auf und setzte meine Füße auf die Erde. Es sah nicht nur aus wie Gras, es war Gras und es roch nach Frühling. Ach du liebe Zeit, das war er, mein Fehler, ich hatte nicht nachgedacht, damals war ich ins Eis eingebrochen im WINTER und war im WINTERLAND gelandet. Nun war ich ins Wasser gegangen im FRÜHLING, also landete ich logischerweise im FRÜHLINGSLAND. Das Summen das mich geweckt hatte kam von den Bienen die umherschwirrten. Eigentlich fürchtete ich mich vor Insekten, aber hier war einfach alles anders. Als mein Blick auf die Türe fiel, sah ich dort eine schöne Frau stehen.
Der Tag!
Willkommen“, sagte sie schlicht. „Guten Morgen“, antwortete ich schüchtern und staunte sie an, was sie sich lächelnd gefallen ließ. Sie trug ihr langes blondes Haar lockig. Ihr Körper steckte in einem weißen Wollkostüm, das mit braunem Pelz besetzt war. Ein Band aus dem gleichen Material lag um ihren Kopf. Um ihren schlanken Hals trug sie an einer Kette eine goldglänzende Sonne. Ihr langer Rock war bis zum Knie geschlitzt und ihre zarten Füße steckten in weißen Wollschuhen die den gleichen Pelzrand trugen wie ihr Kostüm. Um ihren Hals baumelte ein Muff, der auch mit einer Sonne verziert war und diese hatte in der Mitte einen Kristall. Eine wunderschöne Erscheinung. „Nun“, fragte sie ein wenig spöttisch, „hast du genug gesehen.“ Sogleich kam mir das Ungehörige meines Anstarrens zu Bewusstsein und ließ mich heftig erröten. „Verzeihen sie bitte“, entschuldigte ich mich sogleich, „aber sie sind so schön und ungewöhnlich, dass ich sie einfach anstarren musste.“ Sie lächelte, was ihrem wunderschönen, aber etwas kühlen Gesicht einen warmen Hauch gab. „Mein Name ist Gitte“, stellte ich mich nun endlich vor. „Eigentlich hoffte ich in der Winterwelt zu landen, ich war schon einmal dort, als ich im vergangenen Winter fast ertrunken wäre, ich habe nicht bedacht das es nun Frühling ist.“ Fragend sah ich sie an. „Dann will ich mich auch einmal vorstellen, mein Name ist der Tag, ich eröffne im Frühling den Morgen, indem ich die Sonne die im Winter ja immer ein wenig länger schläft wecke und auf die Reise schicke. Wenn du magst, dann begleite mich.“ Natürlich wollte ich sehen, wie die Sonne geweckt wurde. Der Tag ging hinaus und stellte sich vor dem Haus auf einen Fleck, der wie ein großer Spiegel aussah. Dann nahm sie die kleine Sonne von ihrem Muff und aus dem Kristall rieselte so etwas wie Goldstaub, als der den Spiegel berührte begann ein ungeheures Glänzen und Gleißen, Gleichsam wie auf einer Wolke aus Diamantstaub flog die Sonne in den Himmel und auf ihrer Reise wurde sie größer und größer bis endlich ein goldener Feuerball am Himmel stand. „So, meine Arbeit ist getan“, sagte der schöne Tag und gähnte, ich werde mich noch ein wenig ausruhen. Ach ja ins Winterland wolltest du? Das ist in den Schlaf gesunken. Du musst dir das so vorstellen, du weißt doch dass die Erde sich um die Sonne dreht, genauso ist das in dieser Welt und als wenn es in eurer Welt Nacht ist und alles schläft, so hat sich hier unsere Welt weitergedreht. Die Winterwelt ist vergangen und schläft und der Frühling eingezogen.“ „Ach so“, begriff ich „und wenn der Sommer kommt legt ihr euch Schlafen bis zum nächsten Jahr.“ „Genau so ist es“, bestätigte der schöne Tag schläfrig. „Sieh dich hier in Ruhe um, warte mal, wenn du Fragen hast kann Knöspchen sie dir beantworten. Knöspchen, wo steckst du“, rief sie ein wenig lauter und hinter einen Baum kam ein kleines kugelförmiges Wesen hervor, das uns offensichtlich belauscht und bestaunt hatte. Der Tag lächelte, sie hatte es sicher schon zuvor bemerkt.
Knöspchen!
Es war ein kleines Mädchen in einem lindgrünen Ballonkleid, dessen Kragen aus grünen Blättern bestand. Die Schühchen waren aus dem gleichen glänzenden Material mit dunkelgrünen Aufschlägen. Es hatte rotes schulterlanges Haar und trug eine Mütze aus gleichem Material und Farbe in Form einer Glockenblume. Staunend musterten wir uns, um dann zögernd aufeinander zuzugehen. Knöspchen ergriff meine Hände und langsam begannen wir auf der Wiese einen Ringelrein zu tanzen. Ein Sonnenstrahl traf uns und endlich durchströmte meinen Körper wieder die unbändige Lust am Leben. Jauchzend tanzten und lachten wir im Sonnenschein. Es begann leicht zu regnen und im Licht funkelten die Tropfen wie Diamanten. Dann bildete sich zu unseren Füßen ein herrlicher Regenbogen. „Nun muss ich an meine Arbeit, magst du mich begleiten“, wollte Knöspchen wissen? Na was für einen Frage. Sie zog mich zum Regenbogen und stellte ihre grünen Schühchen genau in die grüne Bahn, meine Hände zog sie über ihre Schultern, so dass ich wie ein Rucksack über ihrem Rücken hing und los ging die rasante Fahrt Richtung Erde. Unter angekommen betrachtete sie mich noch einmal kritisch. „So geht das nicht, man soll uns ja nicht sehen und du in deinen weißen Sachen leuchtest Meilenweit“, sie schüttelte den Kopf und schälte einfach die oberste Schicht ihres Pflanzenkleides ab und wickelte mich darin ein. Nun war ich auch nur ein grüner Fleck auf grüner Wiese. Zufrieden nickte sie und zog mich mit sich. Vor einem Baum hielt sie an. Sie umrundete ihn und streichelte seine Rinde. Dann blies sie den Atem in ihre Handflächen und pustete in den Baum hinauf und wie durch einen Zauber sprossen die Knospen und Blüten verteilten sich auf den Ästen. Mein Mund stand auf vor Staunen. Knöspchen lachte. „Willst du auch mal“, wollte sie wissen? „Au ja“, ich nickte begeistert und pustete bis mein Kopf rot anlief. „Nichts“, stellte ich traurig fest, nicht die kleinste Knospe. Knöspchen hielt sich den Bauch vor Lachen. „Was ist denn so lustig, ich kann es nicht“, sagte ich traurig. „Oh doch“, versicherte mir Knöspchen. „Es ist nur ein Geheimnis dabei. Hauche in deine Hände. Ganz zart. Nun schließe deine Augen, siehst du wie dein Atem den Baum belebt? Wie sich Knospen und Blüten bilden?“ Ich nickte und vorsichtig öffnete ich die Augen wieder, es war mehr ein Blinzeln. Dann riss ich sie auf und umarmte meine neue Freundin. „es hat geklappt, es hat tatsächlich geklappt“, jubelte ich und blickte in den Baum hinauf, der nun in seinem schönsten Blütenkleide prangte. Den ganzen Tag liefen wir durch die schöne Welt und verzauberten sie mit unseren Gaben, wir erweckten die Natur aus ihrem Winterschlaf. Am Abend begann es wieder leicht zu regnen. „Das ist unser Zeichen, wir bekommen einen Regenbogen und kehren heim, unsere Arbeit ist getan, du hast mir fleißig geholfen“, lobte mich Knöspchen und ich platzte fast vor Stolz. „Niemals hätte ich gedacht dass die Jahreszeiten so viel Arbeit haben“, gestand ich ein. Wieder nahm meine neue Freundin meine Arme über ihre Schultern, stellte ihren Fuß in die grüne Spur und hui ging es wie in einer Seilbahn hinauf ins Himmelszelt. Am Ende des Regenbogens stand schon der Tag und erwartete uns. Im so genannten „grünen Salon“, in dem ich am Morgen erwacht war stand ein Abendessen für uns bereit. Es gab Milch und Ouark mit herrlichen frühlingsfrischen Kräutern. „Nachtisch“, rief Knöspchen und was dann geschah werde ich wohl nie vergessen. Einige fast Handteller große Bienen flogen herbei, in ihrem Mäulern trugen sie kleine Eimerchen, die sie in Schälchen auf unserem Tisch leerten. „Probier mal“, bat Knöspchen, „Blütenfrisch sozusagen“, und sie fuhr mit ihrem Fingerchen in den Honig und schleckte ihn dann genüsslich ab. Selbstverständlich machte ich es ihr nach und wir genossen den ersten Honig des Jahres. Er schmeckte köstlich. Danach verabschiedete sich Knöspchen von mir und auch ich ging zu Bett.
Blumenwiese!
Am anderen Morgen krachte die Türe gegen die Wand, während ich erschrocken im Bett auffuhr und mir die Augen rieb. Herein stürzte ein Knöspchen, das ein wunderschönes Mädchen an der Hand hinter sich herzog. „Du musst unbedingt meine Schwester kennen lernen“, trompete sie los und schob ein ebenfalls rothaariges Kind an mein Bett. Sie trug das Haar hochgesteckt mit Blumen verziert. Ihre Ohrringe bestanden aus kleinen Veilchen. Ihr Kleid war ein meergrüner Traum aus feinstem Material, vorn mit Längsstreifen aus Blumen bestickt. Ihr Halsband war mit Perlen und weißen Röschen bestickt. In der einen Hand hielt sie ein Blumen Bukett und auf der anderen saß ein allerliebstes Elfchen. Ausschnitt und Taille zierte ein Schmetterling. Der weite Rock bauschte sich um sie und schimmerte bei jedem ihrer graziösen Schritte. Unten war der Saum mit pastellfarbenen Blumen besetzt. „Darf ich vorstellen, die Blumenwiese“, trompetete Knöspchen. „Na nun komm schon du Faultier“, trieb sie mich an. „Moment mal, was ist mit waschen und Frühstück“, wollte ich wissen?“ „Meinst du nicht du bist mopsig genug“, neckte sie mich? Als ich betroffen an mir heruntersah lachte sie und beruhigte mich. „Komm schon, es war ein Scherz, wir waschen uns in einem klaren Bach und trinken den köstlichen Tau der Wiesen. Blumenwiese lief voraus und tanzte und wieder kam zuerst der Regen und dann der Regenbogen, auf dem wir hinab glitten. Diesmal hielten mich beide Schwestern zwischen sich an den Händen. Unten auf der Erde begannen Beide mit ihrer Arbeit. Blumenwiese tanzte und während sie sich drehte fielen die Blumen von ihrem Kleid und begannen auf der Wiese zu blühen. Seltsamer Weise wurden es nicht weniger, sie wuchsen einfach nach. Auf unserem Weg kamen wir auch auf einen Schulhof, dort war nur ein kleines Stückchen Rasen, ich merkte dass Blumenwiese mich forschend ansah und als ich mich umblickte sah ich es, es war „meine Schule.“ Einige meiner ehemaligen Freundinnen standen herum. Die Stimmung wirkte bedrückt. „Können sie mich sehen“, wollte ich wissen? Blumenwiese schüttelte den Kopf. So ging ich näher heran und hörte was sie sprachen. „Wir waren in der letzten Zeit nicht nett zu ihr“, sagte Elvira mit der ich vor über einem Jahr befreundet gewesen war. „Schon, aber sie war auch so komisch“, meinte Rita. Dann seufzte sie. „Trotzdem hätten wir versuchen sollen ihr zu helfen, statt sie auszugrenzen“, ergänzte sie bedrückt. „Nun liegt sie wieder im Koma und wir haben einen Teil Schuld daran“, meinte Käthe. Dann klingelte es und die Pause war vorüber. Die Worte hatten mich nachdenklich gemacht, scheinbar war ich doch nicht so unbeliebt, wie ich gemeint hatte. Ziemlich schweigsam machten wir uns auf den Heimweg und ein wenig bedrückt ging ich zu Bett.
Am nächsten Morgen allerdings schien die Sonne und ich tollte mit Knöspchen und Blumenwiese herum. „Sie mal was ich kann“, sagte Blumenwiese. Als ich hinter ihr herging, sah ich dass in jedem Fußandruck von ihr Blumen wuchsen. Das sah so wunderschön aus, dass ich begeistert Beifall klatschte. „Versuch es mal“, sagte sie, „du kannst das auch, du denkst: All ihr Samen in der Erde, ich ziehe euch ans Licht.“ Also schloss ich die Augen und lief los, ich konzentrierte mich auf die Erde und zog in Gedanken die Blumen hervor. Dann blieb ich stehen und sah mich um. Tatsächlich, hinter mir wuchs eine Spur bunter Frühlingsblumen. In meiner Freude umhalste ich Blumenwiese und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Es ist so schön hier“, jubelte ich. Die Tage vergingen unter Spiel und Arbeit, auf der Erde grünte und blühte es wie bei uns.
Beim Osterhasen!
An einem Morgen taten meine beiden Freundinnen sehr geheimnisvoll. „Ist es so weit“, tuschelten sie? Leise hatte ich mich herangeschlichen. „Was ist soweit“, fragte ich neugierig und die Beiden zuckten vor Schreck zusammen. „Pst, kommt wir sehen nach.“ Sie zogen mich einfach mit sich. Wir liefen über die Wiese in den Wald hinein. Hier war ich noch nicht gewesen. Was mochte uns hier erwarten? Die beiden kannten den Weg und huschten elfengleich voraus. Ich hatte ein wenig Mühe ihnen zu folgen. Endlich kamen wir an eine Lichtung. Darauf stand ein entzückendes Haus. Die Form hatte es von einem Riesenpilz. Allerdings war es bunt, es strahlte in Pastellfarbe. Hellblau, rosa, gelb, hellgrün. „Nein ist das schön“, rief ich entzückt. Meine Freundinnen stürzten sofort zu mir und hielten meinen Mund zu. „Bist du wohl still. Wir wissen doch gar nicht, ob er schon erwacht ist.“ „Wer ist erwacht“, wollte ich wissen? Dann trat er aus der Türe. Er war etwa einen Meter groß und mit braunem Fell bedeckt. Er gähnt und reckte seine langen Ohren in die Luft. Er trug eine blaue Latzhose und reckte beide Arme in die Luft. Nun gab es kein Halten mehr. „Der Osterhase“, schrie ich begeistert und riss mich los. Kurz vor ihm bremste ich ab und rannte um ihn herum um ihn genau anzusehen. „Tatsächlich, der Osterhase, er ist es wirklich.“ Verblüfft schaute mich dieser unter seinen buschigen Augenbrauen her an. Er drehte sich nun auch um, um seinerseits mich zu betrachten. Dann fiel mein Blick auf die Türe und da stand doch tatsächlich seine Frau, eine wunderschöne weiße Häsin, aufrecht in einem roten Kleid und hinter ihrem Rock schauten drei kleine gefleckte Häschen neugierig hervor. „Was ist das denn für ein Radau hier“, wollte Frau Osterhase wissen? Knöspchen und Blumenwiese schauten betreten. „Wir wollten nicht stören, wir wollten nur schauen, ob ihr schon erwacht seid.“ „Na dann kommt mal herein, aber bitte, Hasen haben empfindliche Ohren, nicht so laut.“ Dabei sah er mich unmissverständlich an und ich senkte errötend meine Augen. Dann tapste ich hinter ihm her und meine Freundinnen schlossen sich an. Was gab es da zu sehen. Die ersten Räumen waren ganz normal eingerichtet, ein gemütliches Wohnzimmer, eine praktische Küche, ein Kinderzimmer in dem Spielzeug herum lag und ein Schlafzimmer, alles ziemlich klein, der Größe ihrer Bewohner angepasst, für uns Kinder gerade noch begehbar, aber dann wurde es spannend. „Das ist der Arbeitsraum“, erklärte unser Führer Papa Hase. Auf Tischen standen große Kessel mit Farbe, Schürzen lagen daneben, Abtropfgitter lagen bereit. Zudem gab es einen Tisch, an dem gemalt werden konnte. „Gleich geht es los, es ist ja Karsamstag und Morgen bringt der Osterhase die Eier“, sagte Papa Hase. Moment mal, wieso Morgen? Der Frühling hatte doch gerade erst begonnen, ich dachte nach. Ach ja, damals war ich drei Tage im Winterland gewesen und in dieser Zeit waren auf der Erde drei Wochen vergangen. Nun war ich zehn Tage hier, der Frühling musste fast zu Ende sein. Lange Zeit zum Überlegen hatte ich nicht, denn draußen begann ein Riesenspektakel. „Da sind sie ja.“ Papa Hase öffnete die Türe und ich konnte eine lange Reihe von Hennen sehen, von denen jede einen Korb mit Eiern am Flügel hängen hatte. Sie spazierten herein, füllten die Eier aus ihren Körben in große Schüsseln, die ebenfalls im Arbeitsraum bereitstanden und gingen dann zur Hintertüre hinaus. Sie benahmen sich zwar diszipliniert, aber das Gegacker war kaum zum Aushalten. Als die Schlange der anstehenden Hühner zu Ende ging, folgten die Hasen. „Ach du liebe Zeit“, erschrak ich, „die passen doch nie alle hier herein.“ „Na dann sieh mal genau hin“, meinte Papa Hase schmunzelnd und schob mit einer Hand die Hinterwand des Arbeitsraumes einfach zurück. Der Raum war nach belieben zu verbreitern. „Weißt du es gibt ja nicht immer die gleiche Anzahl an Hasen auf der Welt und wir wollen ja nicht jedes Jahr neu bauen müssen“, erklärte er mir. Die Hasen hoppelten herein und begannen unverzüglich mit der Arbeit. Sie tauchten und malten, polierten und klebten, jeder wie er mochte und es seiner Kreativität entsprach. „Und heute Nacht werden sie verteilt“, wollte ich wissen? „Oh ja, magst du uns helfen“, fragte er mich? Na und ob ich wollte, eifrig nickte ich. Das die Zeit hier ja viel schneller verging und ich außerdem so viel zu Gucken und zu Staunen hatte, kam der Abend in Windeseile herbei. Papa Hase packte ein besonders schönes Körbchen. „Verteilst du etwa auch“, fragte ich erstaunt. Ernst nickte er. „Das ist ein besonderer Korb, er ist für dich. Freudig wollte ich danach greifen, aber er hielt ihn fest. „Komm mit“, forderte er mich auf. Ein Stück vom Haus weg war ein Streifen mit Rasen, der steil hinab führte. Dort standen Schlitten bereit und auf einem nahmen Papa Hase und ich Platz. Wie auf einer Sommerrodelbahn glitten wir den Berg hinab zur Erde. Als ich bemerkte, wo wir gelandet waren klopfte mein Herz. Es war das Krankenhaus, indem ich schon damals gelegen hatte. Papa Hase nahm meine Hand und drückte ein Mützchen hinein. „Das musst du tragen, es macht uns Hasen unsichtbar.“ „Tarnkappen, ihr benutzt also Tarnkappen und deshalb sieht man euch nicht?“ Er nickte „Und nun komm, du warst mutig genug ins Wasser zu springen, nun sei auch mutig und komm mit.“ Wir gingen zu einem Zimmer in dem lag ein Mädchen und das Mädchen war ich. Es war die Osternacht und ein einsamer Mann wachte an meinem Bett. Es war mein über alles geliebter Großvater und er sprach mit mir. „Ach Kind“, seufzte er. „schon einmal habe ich in der heiligen Osternacht einen Menschen verloren, meine Bruder Heinz. Bitte bleib du wenigstens bei uns. Du warst immer mein Sonnenschein, ich habe sieben Enkel, aber du warst meinem Herzen immer am Nächsten, vielleicht fordert dich der Herr gerade deshalb von mir.“ Bei diesen Worten weinte er und mir zerriss es fast das Herz. Papa Hase beobachtete mich stumm. „Willst du zurück?“ Einen Moment besann ich mich, ich war leichenblass, aber ich schüttelte den Kopf. So sehr ich meinen Großvater liebte, ansonsten war ich bestenfalls geduldet in der Welt, außer ihm liebte mich keiner. „Darf ich“, fragte ich und griff nach einem Ei. „Aber sicher, es sind deine“, gab Papa Hase Antwort und reichte mir das Körbchen. Ein Ei nahm ich heraus, es war ein Wachsei. Mit dem Kreuzchen das ich um den Hals trug und das ein Geschenk meines Opas gewesen war ritze ich ein : -Es geht mir gut, ich hab dich lieb Gitte hinein- Papa Hase nickte und stellte das Körbchen auf den Tisch, wo es Augenblicklich sichtbar wurde. „Ostern, danke lieber Hase“, sagte Opa traurig. Da nahm ich das Ei und drückte es in seine Hand. Wie riss er die Augen auf, als er meine Botschaft las. „Du bist also wieder im Wunderland meine Kleine, ich danke dir“, sagte er. Papa Hase fasste meinen Arm. „Zeit zu gehen“, sagte er und zog mich hinaus. Es war mir nicht möglich zu reden, ich hatte einen Kloß im Hals. Zurück ging die Fahrt. Als ich Papa Hase die Tarnkappe zurückgeben wollte schloss er meine Hand darum. „Behalte sie, sie soll dich an dein Erleben erinnern“, sprach er und stumm brachten mich zu Knöspchen und Blumenwiese heim, in meine Wohnung im Frühlingsland. Am nächsten Tag bemühte ich mich zu meiner Ungezwungenheit zurückzufinden und dank meinen zwei Freundinnen gelang mir das auch.
Abschied!
Am Ende des nächsten Tages setzten wir und am Abend zusammen. „Nun heißt es Abschied nehmen“, begann der Tag, die sich zu uns gesetzt hatte. Erschrocken zuckte ich zusammen. „Abschied nehmen, ja wollt ihr mich denn nicht mehr“, fragte ich traurig. Blumenwiese stand auf und nahm mich in den Arm. „Du Dummchen, wir mögen dich gern, aber unsere Zeit ist gekommen, wir begeben uns nun zur Ruhe und machen dem Sommer Platz, noch in dieser Nacht hält er seinen Einzug. Wir bekamen vom Tag jeder ein Gläschen Nektar. „Vergiss uns nicht“, baten mich meine Freundinnen. „Ganz sicher nicht, hier vergeht die Zeit so schnell, nur einige Tage und ihr seit wieder hier“, tröstete ich sie. „Wenn du nicht Heimweh bekommst“, warnten sie mich. Eine Weile dachte ich nach und antwortete dann: „Das glaube ich nicht.“ „Wie dem auch sei, du warst uns ein lieber Gast und darum wollen wir dir Gaben verehren. Der Tag begann. Sie füllte etwas von dem Goldstaub ihrer Sonne in ein kleines Medaillon, das an einer Kette hing die sie mir umband. „Verliere es nicht, wenn du zurückgehen solltest und die Verzweiflung packt dich, dann nimm etwas von diesem Goldstaub und atme ihn ein, er wird dir das Licht der Sonne bringen. Knöspchen stand auf und trat zu mir. „Von mir hast du gelernt wie man Bäume zum blühen bringt, du sollst diese Gabe behalten.“ Blumenwiese gesellte sich zu uns. „Deine Spuren sollen Blumen wachsen lassen, wie du es bei mir gelernt hast, wenn du es befiehlst“, meinte sie. „Knöspchen kam herbei und sprach: „Warte ich hab eine Idee.“ Sie rollte ein Blatt ihrer Kleidung zusammen und steckte die Tarnkappe des Osterhasen hinein. Mit etwas Pflanzenleim fertigte sie daraus ein Armband und das wand sie im meinen Arm. „So nun hast du sie immer bei dir, wenn du sie brauchen solltest.“ Völlig gerührt bedankte ich mich bei allen für ihre Gaben. Wir umarmten einander noch einmal und dann gingen wir zu Bett. Eigentlich wollte ich ja wach bleiben, aber gegen Mitternacht wurden meine Augen bleischwer und ich schlief ein.
Der Sommer!
Wie hatte sich alles über Nacht verändert, kaum traute ich meine Augen, als ich erwachte. Die Wände strahlten in einem leuchtenden Orange und der Boden bestand aus krumiger sattbrauner Erde. Mein Herz klopfte aufgeregt, was würde mich erwarten?
Ein Wind kam auf und fächelte mein Gesicht. Wind? Moment einmal, ich war in einem Raum, war ein Fenster auf und es zog? Als ich meinen Kopf wendete sah ich das Wesen, das hinter meinem Bett stand. Es kicherte, ich hatte ja mittlerweile viele schöne Wesen hier im Jahreszeitenreich kennen gelernt, aber nun saß ich doch da und staunte.
Butterfly!
Ein herrliches Mädchen stand am Kopfende und lächelte mir zu. Sie trug ein eng anliegendes Kleid aus schimmernder Seide. Es war schwer die Farbe zu bestimmen, es war fast weiß, doch es schimmerte auch rosa, lila, bleu und lindgrün. Unterhalb der Knie wurde es sehr weit und der Saum, wie auch die eng anliegenden Ärmel waren mir einer weißen Federboa abgesetzt. Ihr dichtes, lockiges, rotes Haar reichte bis zur Hüfte hinab. Um ihren schlanken Hals wand sich eine Kette mit einem Schmetterling und auch auf ihrer Hand saß einer. Im Haar trug sie einen Reif aus weißen Rosen, durch den vorn zwei gewundene schwarze feine Fühler ragten. Das herrlichste aber trug sie auf ihrem Rücken, zwei wunderbare feine blaugrüne große Flügel. Die waren es auch gewesen, die den Lufthauch erzeugt hatten, der mich aufmerksam gemacht hatte. „Sieh mal einer an, wir haben Besuch bekommen“ stellte sie fest. „Na los, auf auf, die Sonne lacht schon lange vom Himmel.“ Sie eilte voraus und ich folgte ihr schnell. Die Sonne schien nun täglich kräftiger vom blauen Himmel, die Farben der Natur waren kräftiger geworden, die Blumen bunter, das Gras mehr sattgrün und der Himmel kräftiger blau. Butterfly huschte als ein großes pastellfarbenes Etwas durch die Sommerpracht. Immer schneller wurde sie und dann hob sie sich in die Luft und kreiste über meinem Kopf. Ach wie ich sie beneidete, wie sie da so schwerelos dahin glitt. Ihr Kleidchen glitzerte wie mit unzähligen Diamanten bestäubt. „Ach wie herrlich ist dass wieder seine Flügel auszubreiten und in der sommerlichen Luft dahinzusegeln“, jauchzte sie. „Ja du hast gut reden, du kannst fliegen, ich nicht“, murrte ich vor mich hin. „Ja aber warum kommst du nicht mit“, hörte ich eine Stimme neben mir und erschrak. Lautlos war sie wieder an meine Seite geglitten. „Wie soll denn das gehen“, fragte ich? „Na wie schon, du ziehst dein Sommerkleid an.“ „Ach ja und wo soll ich das bitte hernehmen“, wollte ich von ihr wissen? „Na da hängt es doch, dort am Zweig, am Ufer des kleinen silbernen Baches, schau nur.“ Meine Augen wurden kugelrund. Wirklich, da hing ein Kleid wie Butterfly es trug. Hastig rannte ich dorthin und nahm das hauchzarte Gebilde aus den Zweigen. „Wo kommt denn das her“, fragte ich entzückt? „Das ist mein Ersatzkleid, ich schenke es dir“, behauptete Butterfly. „Na los, zieh es über und dann lernen wir fliegen“, meinte sie ungeduldig. „Fliegen? Sagtest du fliegen? Wie soll denn das gehen?“ „Warte es nur ab“, beschwichtigte sie mich. Als ich das Kleid überstreifte war das ein seltsames Gefühl, es fühlte sich so lebendig an, so als verwachse es mit meiner Haut. Ja ich SPÜRTE die Flügel auf meinem Rücken, sie gehörten einfach zu mir. Butterfly flog vor Begeisterung lauter Achten. „Es stimmt, was man sagt, Kleider machen Leute.“ „Meinst du?“ Ich beugte mich über den Bach und konnte kaum glauben das das mein Spiegelbild war, was ich sah, ich trug haargenau so ein Kleid wie meine neue Freundin. Unbeabsichtigt hatte ich vor lauter Begeisterung mit den Flügeln gewedelt und plötzlich bemerkte ich, das ich in der Luft stand, nicht hoch, aber es reichte um mich zu erschrecken. Augenblicklich erstarrte ich und plumps saß ich auf der Erde und Butterfly lachte mich aus. „Na komm schon“, sie reichte mir ihre Hand und ich startete dieses Mal einen erneuten Versuch, nun bewegte ich die Flügel bewusst und ich konnte es kaum glauben, es klappte. Seite an Seite flogen wir dahin durch eine Luft wie Samt und Seide. Wir übten den ganzen Tag und am Abend kam ich perfekt mit meinen Flügeln zurecht. Die kommende Nacht schlief ich tief und traumlos und am nächsten Morgen konnte ich es kaum erwarten mich wieder in die Lüfte zu erheben. Wieder ein brennend heißer Tag und wir flogen Seite an Seite immer weiter. Dann plötzlich veränderte sich der Geruch, was war das nur? Plötzlich hatte ich es, es roch salzig, nach Meer?! „Sag mal, kann es sein, das hier das Meer in der Nähe ist“, wollte ich von Butterfly wissen? Sie nickte. „Schau nur da vorne.“ Tatsächlich, am Horizont schimmerte blaugrünes Wasser. „Oh bitte lass uns hinfliegen“, bat ich und dann waren wir auch schon da. Sachte rollten die Wellen zu unseren Füßen aus. Ich stieß Butterfly aufgeregt an. „Sieh mal, was ist das?“ Es glitzerte, wie erhoben uns wieder in die Luft und flogen hin. Da saß doch mitten in der Brandung auf einer goldenen Säule wahrhaftig eine Nixe.
Sirena, das Nixlein.
Die Augen geschlossen, das feine Gesichtchen der Sonne zugewendet saß sie da. Die schimmernde goldene Säule schien ein Stück eines antiken Bauwerkes gewesen zu sein. Butterfly landete auf ihrem Schoß, ich neben den beiden. Die Nixe schreckte aus ihren Träumereien auf und lachte Butterfly an, ich stand noch da und prägte mir ein, was ich sah. Ihre Haut hatte einen zarten Elfenbeinton, ihr Haar war lockig, fein, lang und schneeweiß. Um den Hals trug sie eine Perlmutt schimmernde Muschel. Sie hatte ein Blauschillerndes Bauchfreies Oberteil an und ihr Fischschwanz glitzerte in der gleichen Farbe. Ihre Augen hatten den gleichen Ton, sie schimmerten in der Farbe des Saphirs. Sie wirkte unglaublich graziös. Beide betrachteten mich, die ich staunend dastand lächelnd. „Na, Lust auf einen Ausflug in meine Welt“, wollte Sirena wissen? „Ja geht das denn“, fragte ich staunend zurück? „Dort unten kann ich doch nicht atmen?“ „Wenn ich dir einen Fischschwanz gebe schon“, bekam ich zur Antwort. Nur unsere liebe Freundin Butterfly kann leider nicht mitkommen, denn ihre Flügel sind fest mit ihrem Körper verbunden und lassen sich nicht ablegen wie die deinen.“ „Darf ich“, wollte ich wissen, „nicht das du traurig bist, wenn ich dich alleine lassen?“ „Geh nur mit Sirena“, forderte mich Butterfly auf, wir treffen und am Abend hier wieder, ich bin schon gespannt, wie es dir gefällt und was du mir zu berichten hast.“ Mit diesen Worten flog sie davon. Sirena löste die Muschel von ihrem Hals und blies hinein. Nach kurzer Zeit schwamm tatsächlich ein Fischschwanz heran, der dem Ihrem haargenau glich. Einige Seepferdchen zogen ihn. Sirena nahm in Empfang und hielt ihn mir hin. „Was mache ich mit dem Schmetterlingskleidchen“, fragte ich sie? „Das Gleiche was du mit dem Pflanzenkleid gemacht hast“, riet Sirena. „Die Naturkleider sind hauchdünn, du kannst es auch zusammenrollen und als Armband am anderen Arm tragen“, riet sei mir. So schlüpfte ich heraus und rollte es zusammen, wie ich es bei Knöspchen gesehen hatte und siehe da, es funktionierte. Dann schlüpfte ich in den Fischschwanz, der sich gleich wie das Schmetterlingskleid an meinen Körper anpasste und wie angewachsen saß. „Komm schon“, rief Sirena. Ich zögerte. „Ich kann doch unter Wasser nicht atmen“, gab ich zu bedenken. „Komm her“, bat Sirena, Ich robbte zu ihr, als ich sie erreicht hatte umarmte und küsste sie mich. „Nun schon“, bemerkte sie und glitt dann elegant von ihrer Säule ins Meer. Noch zögerte ich. Zu furchtbar war der Kampf beim Ertrinken gewesen, die entsetzliche Atemnot, die Panik. Sirena winkte. „Trau dich nur.“ Ich schaute auf meinen schillernden Fischschwanz. Wollte ich mir aus Angst ein solches Erlebnis entgehen lassen? Oh nein, entschied ich und stürzte mich todesmutig in die Fluten. Sirena klatschte vor Freude in ihre Hände. „So ist es gut, schwimm her zu mir.“ Sie nahm mich an ihre Hand und tauchte. Meine Augen hielt ich fest geschlossen und wartete darauf, dass sich die Luftnot einstellen würde, aber sie kam nicht. Da hörte ich ein Kichern neben mir. „Wenn du deine Augen geschlossen hältst, hättest du auch an Land bleiben können. Bist du denn gar nicht neugierig? Da hatte sie eigentlich Recht. Vorsichtig öffnete ich meine Augen und sah in eine herrliche Welt. Es war, als befinde man sich im Inneren eines blaugrünen Kristalls. Bunte Fische glitten vorbei und herrliche Korallen wuchsen am Boden. „Hol einmal tief Wasser“, kicherte Sirena und als ich einatmete durchströmte mich wie sonst an Land Frische und Wohlbehagen. Eine Weile schwamm ich noch an ihrer Hand, aber dann würde ich sicherer. Elegant schlängelte ich mich durch die Fluten. „Du lernst schnell“, lobte Sirena „nun zeige ich dir mein Heim. Wieder blies sie in ihre Muschel und dieses Mal schwamm ein Delphin herbei. Er trug goldenes Zaumzeug und Sirena bestieg ihn wie ein Reitpferd. Dann winkte sie mich hinter sich. Pfeilschnell ritten wir nun durch das Wasser. Plötzlich tauchte ein Gebäude auf und je näher wir kamen, umso größer wurde es. Es schimmerte wie ein Regenbogen, ich konnte mich gar nicht satt sehen daran. „Gefällt es dir“, wollte Sirena wissen und stieg von dem Fisch. Ich glitt hinter ihr her und sie bedankte sich, indem sie ihm den Kopf streichelte. Da ich nicht wusste ob ich das auch durfte begnügte ich mich mit einem Dankeschön, was der Fisch mit einem Lächeln und einem leichten Nicken seines Kopfes beantwortete bevor er davon schwamm. Sirena stand schon vor der roten Türe des Unterwasser Palastes. Schnell glitt ich ihr nach. „Sag was ist das für ein herrliches Material das so schimmert“, wollte ich wissen? „Das Haus ist aus geschliffenem Perlmutt und die Türe aus Koralle“, erklärte sie mir. Dann führte sie mich ins Haus. „Ihr habt Teppichboden“, fragte ich naiv, weil der Boden sich unter unserem Schwanz plötzlich so weich anfühlte. Sirena kicherte. „Das ist Seegras mein Liebe“, klärte sie mich auf und glitt geradewegs in ein Esszimmer. An einem langen Tisch, ebenfalls aus glänzendem Perlmutt saß ein riesengroßer Mann, der auf dem Kopf eine goldene Krone trug. „Wo ist dein Krönchen schon wieder, mein Kind“, grollte er. Flink sauste Sirena in eine Ecke und nahm von einem Schrank eine kleine Krone, die sie auf ihren Kopf setzte. „Hier Papa“, kicherte sie fröhlich und auch der Mann musste nun lächeln, ob er wollte, oder nicht. Erstaunt blickte ich von dem einen zum Anderen. „Du bist eine Prinzessin“, stotterte ich und versuchte einen Knicks, was mit Fischschwanz nicht so einfach war. Sirenas Vater brach in lautes dröhnendes Gelächter aus und Sirena selbst kicherte. „Das ist nur eine Formsache“, meinte sie leichthin, was wiederum ihren Vater den Kopf schütteln ließ. „Du ahnst es sicher schon, das ist der große Neptun“, mein Vater“, stellt sie nun vor. Mit gesenktem Kopf glitt ich näher. „Guten Tag Majestät“, begrüßte ich ihn, was ihm sichtlich schmeichelte. „Bitte setzt euch Kinder, wir wollen nun essen“, bat er. Die Tafel war schon gedeckt, hatte ich immer für schönes Porzellan geschwärmt, sah ich hier zum ersten Mal goldene Teller. Du glaubst nicht, was man auf dem Meeresgrund so alles findet“, sagte Neptun, der meinen Blick bemerkt hatte. Nun war ich aber gespannt, was aß man denn so bei Familie Neptun? Ein riesengroßer Karpfen eilte herbei, er trug eine Smoking Jacke und sah ungeheuer vornehm aus. An der Wand befand sich eine Art Speiseaufzug und daraus nahm er goldene Platten, die mit allerlei Köstlichkeiten belegt waren. Es gab tatsächlich frisches Brot, Butter, Schinken, Eier Käse und sonst alles was ich kannte. Wo das wohl herkam? Egal, wir ließen es uns schmecken, fragen konnte ich später noch, denn Abenteuer machen hungrig. Plötzlich ertönte eine Alarm Sirene. Sofort standen meine Gastgeber auf und Sirena forderte mich auf mitzukommen. Wir schwammen Seite an Seite und sie erklärte mir, dass es ein Schiffsunglück gegeben habe. Die Aufgaben der Unterwasser Bewohner war es nun die guten Menschen zu retten, sie brachten ihnen Planken an die sie sich klammern konnten. „Was geschieht mit den Bösen“, wollte ich wissen? „Die kommen hier in die Unterwasserstadt und arbeiten für uns.“ „Wie erkennt ihr wer Gut, oder Böse ist“, fragte ich weiter? „Das sehen wir, an den Gesichtszügen, die der Guten sind rein und edel, die der Bösen verkniffen und hart“, antwortete Sirena. Da kamen auch schon die ersten gesunken. Neptun schwamm mit einem großen Netz herbei und fischte sie auf. Dann brachte er sie in die Unterwasserstadt. Wir schwammen hinterher, wie staunte ich, als ich sie sah. Unter einer unglaublich großen gläsernen Kugel stand eine echte Stadt, Fluoreszierende Fische schwammen unter der Decke und sorgten für Licht. In der gläsernen Stadt arbeiteten die Leute, sie züchteten Vieh, säten und ernteten, hier war das Versorgungssystem. Da kamen also die Köstlichkeiten her. Wir schwammen weiter und als wir auftauchten kam mir die Gegend seltsam bekannt vor. Es war der Heyerstrang, in den ich gesprungen war. Sirena legte den Finger an die Lippen und wie verbargen uns im Ufergebüsch. Stimmen waren zu hören und sie klangen traurig. Vorsichtig lugte ich durch die Zweige, und sah meine Freundinnen. "Hier ist sie hineingesprungen", sagte Elvira. "Wie einsam und traurig muss sie gewesen sein", meinte Rita. "Sie liegt immer noch im Koma", fügte Käthe an und alle seufzten. „Ach je“, meinte Sirena plötzlich, „es ist schon Abend, Butterfly wird in Sorge sein, ich muss dich zurückbringen. Wirst du mich auch nicht vergessen?“ „Niemals“, versprach ich ihr. Sie nahm die Muschel von ihrem Hals und reichte sie mir. „Wenn du mich brauchst, gehe zu einem öffentlichen Gewässer und blase hinein, ich höre dich und eile zu dir“, bat sie mich. „Aber du brauchst sie doch auch“, gab ich zu bedenken. „Mach dir keine Sorgen, ich habe noch welche“, beruhigte sie mich. Dann blies sie noch einmal darauf und der Delphin eilte wieder herbei und trug uns an den Strand zurück, wo Butterfly schon auf uns wartete, es war schon dunkel geworden. „Verzeih bitte“, entschuldigte sich Sirena, „es gab ein Schiffsunglück und wir mussten Helfen.“ Dann winkte sie und tauchte hinab. Wieder war ein Tag dahingeeilt. Butterfly brachte mich heim und ich schlief tief und fest.
Die nächsten Tage wurden immer heißer. Schon früh am Morgen brannte die Sonne vom Wolkenlosen Himmel und die meisten Tage verbrachten wir träge an einem der viele Kristall klaren Bäche. Wir ernährten uns von Beeren und Butterfly zeigte mir wie köstlich Rosenblätter schmecken, mittlerweile war ich braun gebrannt. Der Tag der Sommersonnenwende war gekommen und mitten in der Nacht weckte mich Butterfly. „Was ist los, es ist doch noch dunkel.“ Verschlafen rieb ich meine Augen. „Komm schon, heute Nacht wird gefeiert“, sagte sie nur und zog mich mit sich. Draußen war es fast hell. Ein herrlicher Vollmond hing am Himmel und auf der Wiese herrschte reges Treiben. Elfen, Kobolde und Zwerge tollten und tanzten. Singen, Lachen und Jauchzen erfüllte die Luft. Das war ansteckend. Übermütig fasste ich einen Zwerg an den Händen und wollte mittanzen. Misstrauisch musterte er mich. „Willst du vielleicht mein Gold“, fragte er mich? Zuerst schaute ich völlig verdutzt und dann lachte ich los. „Dein Gold? Was soll ich denn mit deinem Gold? Siehst du hier irgendetwas das ich mit Gold bezahlen könnte?“ Der Zwerg überlegte, dann lachte er auch, nahm meine Hände und los ging ein lustiger Ringelreintanz. Später, gegen Mitternacht wurde ein Feuer entzündet um das wie uns scharrten. Meine Gedanken ließen den Tag noch einmal Revue passieren. Willst du mein Gold hatte der Zwerg gesagt. Ist Gold wirklich wichtig? Nun war ich schon so lange hier, hatte die herrlichsten Dinge erlebt, war von allen freundlich aufgenommen worden, aber Gold hatte niemand gewollt. Die schönsten Sachen gab es eben umsonst. Naturwunder, Gastfreundschaft und Liebe. Da erhielt ich einen unsanften Stoß in die Rippen. „Träumst du“, wollte Butterfly wissen? „Es geht gleich los.“ „Was? Was geht los? Nun sag schon.“
Sternschnuppe!
„Schau“, antwortete sie nur und deutete nach vorn. Mitten auf der Wiese stand eine Frau in einem silbernen Kleid. Sie trag hüftlanges schwarzes Haar und auf dem Kopf einen silbernen Stern. In der Hand hielt sie einen Stab, an dessen Ende ebenfalls ein Stern steckte. Es wurde Mucksmäuschen still. „Wer ist das“, flüsterte ich Butterfly zu? „Das ist die Sternschnuppe“, flüsterte sie zurück. „Hast du nie gesehen, wenn eine Sternschnuppe vom Himmel fällt?“ „Nein noch nie“, antwortete ich aufgeregt, „aber ich weiß, dass man sich dann etwas wünschen darf.“ „Na dann mal los“, bekam ich zur Antwort. Sternschnuppe schwenkte ihren Stab, es sah aus als winke sie und dann löste sich ein Stern vom Himmel. Er zog einen silbernen Schweif hinter sich her. Es ertönte ein lautes Oh und Ah überall. „So ein Stern ist wohl sehr groß“, wollte ich wissen. „Oh nein“, wusste Butterfly, „es sind kleine Meteoriten, die meisten sind nur einen Gramm schwer. Aber nun schau hin.“ Sternschnuppe ließ ihren Stab kreisen und plötzlich lösten sich eine ganze Reihe von Sternen und stürzten hinab. Alle erhoben sich und liefen los. „Wo laufen sie hin“, wollte ich wissen? „Sie suchen die kleinen ausgeglühten Sterne, sie sollen Glück bringen“, berichtete Butterfly mir. „Lass uns auch suchen“, bat ich sie und wir hatten Glück, unweit der Stelle, an der wir saßen lag so ein Stückchen Stern. Butterfly reichte ihn mir. „Er soll dir Glück bringen“, wünschte sie mir. Nun wollte ich mir Sternschnuppe noch einmal genauer ansehen, aber sie war fort. „Wo ist sie hin“, wollte ich enttäuscht wissen? „Sie ist sehr scheu“, berichtete Butterfly, „sie kommt immer nur kurz und verrichtet ihre Arbeit.“ Eine Weile saßen wir noch beisammen, dann suchte jeder sein Lager auf und wir alle schliefen weit in den neuen Tag hinein. In den nächsten Tagen wurde Butterfly immer träger und es schien, als leuchteten die Farben ihres Kleides nicht mehr so schön, sondern begannen blasser zu werden. Die Hitze ließ auch nach. „Was geschieht“, wollte ich wissen? „Ahnst du es nicht? Der Herbst kommt, es wird Zeit Abschied zu nehmen.“ Betroffen blickte ich sie an. „Nicht traurig sein, das ist nun einmal der Lauf der Natur“, bat sie mich. Am Abend ging ich früh heim, es fröstelte mich. Auch in meiner Wohnung verblassten die Farben. Nun kam wohl er Herbst, ich war schon gespannt was ich mit ihm erleben würde.
Der Nebel!
Als ich erwachte fröstelte ich wieder. Es herrschte ein diffuses Licht, der Glanz und die Helligkeit der Sonne fehlten, alles wirkte grau. Aber im Raum stand eine Dame. Anders konnte man diese Erscheinung nicht bezeichnen. Sie trug ein graues Chiffonkleid und einen ebensolchen Hut. Um Hut und Saum bauschte sich eine weiße Tüllwolke. Sie hatte langes, lockiges, feines weißes Haar und um ihren Hals lag eine Perlenkette an der ein Medaillon hing. Ein großer, grauer, weiß gemaserter Stein. „Guten Morgen mein Kind, ich bin der Nebel, ich mache das Licht weich und verhülle alle harten Konturen gnädig“, begrüßte sie mich. „Mein Element ist der Herbst, wenn du mich begleiten möchtest, dann zeige ich dir meine Arbeit.“ Natürlich folgte ich ihr, dabei zitterte ich vor Kälte. Lächelnd bemerkte es der Nebel. „Komm mit mir.“ Sie fasste meine Hand und hast du nicht gesehen waren wir in meinem Zimmer. „Nimm dir was du brauchst“, forderte sie mich auf, dankbar nahm ich eine lange Hose und einen dicke Jacke und schlüpfte hinein. „Dann fasste ich wieder ihre Hand und zurück ging es in das in der Nacht entstandene Herbstreich. Wie hatte sich alles verändert. Die ehemals sattgrünen Bäume begannen sich zu färben. Das Gras wurde fahler. Der Nebel stellte ich auf die Wiese und blies in seine Hände. Wie Rauch quoll es hervor, immer mehr. Es verdichtete sich zu einzelnen Wolken und die sanken auf die Erde hinab. „Das ist meine Arbeit“, erklärte sie mir, „ich bereite der Natur ein weiches Sterbebett.“ „Das hört sich ja schlimm an“, bemerkte ich betroffen. „Aber nein, es ist ja nicht für immer, auf jeden Tot folgt neues Leben. Der Same fällt in die Erde und aus dem kleinen winzigen Korn wächst etwas Neues, das trägt wieder Samen und stirbt, ein ewiger Kreislauf. Stell dir vor, alles wird alt und gebrechlich und bleibt dann so, das wäre doch schrecklich.“ Da war etwas dran, sie hatte Recht, so hatte ich das noch nie gesehen. „Schau hinab, sieht es nicht schön aus?“ Ich erblickte eine verzauberte Welt, über Wiesen und Wasser wallte feiner weißer Nebel, wie ein Märchenreich sah es aus. „So, meine Arbeit ist getan, ich gebe dir einen Gefährten und dann ziehe ich mich zurück. Zischzerrr“, rief sie und sogleich eilte das ulkigste Wesen herbei, das ich je gesehen hatte.
Zischzerrr der Kugelblitz!
Er rollte mehr herbei statt das er lief, zumindest wirkte es so. Sein Körper war ein Blauer Ballon mit silbernen Punkten und er war mit zwei Blitzen verziert. Seine Beine steckten in silbernen Strümpfen und die Füßchen in blauen Seidenpuschen. Auf dem Kopf trug er ein silbernes Mützchen, dass vier Ecken hatte an denen jeweils ein Silberkügelchen hing. Obendrauf ein Streifen, ähnlich wohl wie ein Blitzableiter. In der Hand hielt er einen silbernen Stab, mit einem ebensolchen Streifen daran. „Magst du Blitz und Donner“, wollte er wissen? Ich überlegte, ich wollte den symphatischen kleinen Kerl nicht beleidigen, aber wirklich wohl war mir bei Gewitter nicht. „Hm, bei einer heißen Tasse Tee im Warmen und Trockenen schon“, antwortete ich ihm. „Hast du wirklich noch nie gesehen, welche wunderschönen Formen und Farben ich zustande bringe“, fragte er mich ungläubig? Zaghaft schüttelte ich den Kopf. Er drehte sich und begann einen wilden Tanz. Die Atmosphäre veränderte sich, die Luft wurde gelblich und fahl, die Wolken begannen sich zu ballen und färbten sich dunkel. Zischzerrr fasste meine Hand und zog mich einfach mit sich, auf eine besonders große schwarze Wolke. Mir wurde angst und bange, hatte ich doch immer gelernt Blitz und Donner zu meiden und wie es schien, war ich nun mittendrin. „Blitz und Donner müssen sein, sie reinigen die Atmosphäre und machen die Luft wieder klar und rein.“ Er holte mit seinem Stab aus und das silberne Band schleuderte Blitze, dabei erklang es wie Zischzerrr und nun wusste ich auch, wie mein Begleiter zu seinem Namen gekommen war. Dann folgte ein kräftiger Donnerschlag, der die Wolke erbeben ließ. Ängstlich schloss ich die Augen. Da fühlte ich einen kleinen Arm um meine Schultern. „Sieh doch mal hin, ein Babyblitz nur für dich, ist er nicht einfach schön?“ Um Zischzerrr nicht zu enttäuschen öffnete ich meine Augen ein wenig. Er schnippte nur ein wenig mit seinem Stab und ein kleiner feiner silberner Blitz kam heraus, ihm folgte nur ein leises Grollen. „Mehr“, forderte ich und er schnippte ein wenig doller. Nun wirkte der Blitz golden und er teilte sich wie eine Fleischgabel. Mittlerweile hatte ich mich an den Donner gewöhnt und bemerkte ihn kaum noch. „Mehr“, bat ich leise, ich schwebte zwischen Faszination und Grauen. Zischzerrr holte etwas aus und nun flammte der Blitz violett auf. „Darf ich auch einmal“, bat ich nun etwas mutiger? Er reichte mir den Stab. Wie ich es bei ihm gesehen hatte schnippte ich nur ein wenig und ein winzig kleiner Blitz fuhr heraus. Stolz blickte ich Zischzerrr an und der lächelte ermutigend. Dann holte ich ein wenig aus und nun kam schon ein respektabeler Blitz dabei raus, dem ein tüchtiger Donner folgte. Dann war ich im meinem Element zisch und rumps, ich konnte gar nicht mehr aufhören. Endlich nahm Zischzerrr mir seinen Stab aus der Hand. „Nun ist es aber genug sagte er, du ersäufst ja die Erde.“ Wie erwachend kam ich zu mir, völlig außer Atem. „Das war schön“, sagte ich begeistert. „Nun hast du wohl keine Angst mehr vor Gewitter“, wollte Zischzerrr wissen und ich schüttelte den Kopf. „Nun weiß ich ja woher die Blitze kommen.“ Der Tag war wieder in Windeseile zu Ende und erschöpft ging ich zu Bett. Am Nächsten Morgen nahm mich die Nebelfrau mit auf die Reise und noch einer war mit von der Partie, der Harlekin. Sein Anzug war knallbunt, rot, gelb und braun. Aufregt hüpfte er neben uns her. Auf einer großen weißen Wolke glitten wir zu Erde. Dann hüllte die Nebelfrau Bäume und Sträucher die noch vor Nässe tropften in ihren kalten weißen Hauch. Das Grün verblasste und danach hüpfte der Harlekin hinauf und überall wo er sich hinsetzte, blieb die Farbe von seinem bunten Anzug zurück. Es sah wunderschön aus, wie die Bäume in ihrem nun bunten Kleid da standen. Und wieder kamen wir an den Häusern meiner Freundinnen vorbei. Ich konnte es nicht lassen und blickte durch ein Fenster, Die drei saßen an einem Tisch und tranken Tee. „Das war ein Unwetter gestern“, hörte ich durch einen Spalt. „Nun kommt schon bald wieder der Winter, vor einem Jahr begann Gittes Unglück und nur, weil sie sich so sehr Schlittschuhe gewünscht hatte.“ Stimmt, besann ich mich, damit hatte alles begonnen. Der Nebel stand sinnend vor mir. „Du wünscht dich zurück in deine Welt, hab ich Recht“, sagte sie sanft? Eine Weile überlegte ich, ich wollte ehrlich sein. „Ja, irgendwie schon, aber geht das denn? Ich glaube es war das Abenteuer das mich lockte, raus aus meiner Welt, wenn nun alles vor vorn beginnt, ist das fast wie auf der Erde. „Du hast Recht und die Wunder der Natur siehst du auch dort, nur die Verursacher nicht, aber nun kennst du uns ja, alle, bis auf eine. „Wer ist diese Eine“, wollte ich wissen. Doch die Nebelfrau lächelte nur, „Warte es ab, du lernst sie kennen.“ Dann formte sie eine Wolke auf der wir Platz nahmen und hoch ging es in das Herbstreich. „Leb wohl“, verabschiedete sie sich von mir. „Das hört sich nach Abschied an“, sagte ich, doch sie lächelte nur und wendete sich ab.
Die Nacht!
Mitten in der Nacht wachte ich auf. An meinem Bett stand eine Frau. Sie war in ein dunkelblaues Kleid gehüllt, das mit silbernen Sternen bestickt war, Langes lockiges rötliches Haar umwallte sie. An ihrem Hals trug sie eine Kette mit einem Mond und einen ebensolchen an einem Stab in ihrer Hand. Sie hatte ein hauchfeines blaues Tuch dabei, das mit silbernem Pelz besetzt war. Ihr Gesicht wirkte unglaublich sanft und lieblich. Wie das einer Freundin, der man alles erzählen kann und die alles versteht. „Ich bin die Nacht“, stellte sie sich vor. Meine Cousine, die Nebelfrau hat mir berichtet, dass du nun zurück in deine Welt möchtest und ich bin hier, um dich zu begleiten. „Schlaf mein Kind“, sagte sie und hüllte mich in ihr dunkelblaues Tuch.
Zurück und Ende!
„Sie kommt zu sich. Doktor, kommen sie schnell.“ Das waren die ersten Worte, die ich vernahm. Langsam tauchte ich aus dem Nebel auf und sah meinen Großvater, wie er sich mit Tränen in den Augen über mich beugte. „Mein Gott Kind, wenn ich das nur geahnt hätte, niemals hätte ich dir Schlittschuhe geschenkt.“ Schlittschuhe? Wovon redete er nur? Das war doch schon so lange her. „Ach Opa“, sagte ich matt, ich habe so viel erlebt. Warum ist es so dunkel hier im Zimmer“, wollte ich wissen? „Es schneit“, antwortete Opa. „Im Herbst? Es kann doch noch nicht schneien, gerade haben sich die Bäume gefärbt.“ „Ruhig Kind, du hast geträumt, vor drei Tagen bist du mit den Schlittschuhen eingebrochen, wie bin ich froh, das wir mit dir das neue Jahr beginnen können und du wieder erwacht bist.“ „Ich bin so müde“, klagte ich. Opa nahm mich in den Arm. „Schon gut, schlaft schön“, bat er und wiegte mich in den Schlaf, wie er es als Kind oft gemacht hatte. Meinen Traum aber vergaß ich nie. War es überhaupt ein Traum? Seht ihr sie nicht auch manchmal? Schneeflöckchen und Weißröckchen im wirbelnden Schnee, das zarte Gesicht von Eisblümchen in einem großen Eiszapfen, die große und trotzdem flinke Gestalt von Bruder Frost, wenn er im Winterwald hinter einem der Bäume verschwindet und dabei lacht. Der Tag, der plötzlich da ist und die Sonne an den Himmel wirft. Im Frühjahr das Knöspchen, wie es lachend in den Bäumen hockt, die Blumenwiese, die wie durch Zauber schnell eine ganze Wiese mit ihrer Pracht schmückt. Dann Butterfly, wie sie sonnensselig durch die Lüfte segelt. Sirena die Nixe, die sich versteckt wenn jemand kommt, so das man nur das schimmern ihres Schwanzes bemerkt und manchmal ihr Haar das im Wasser wogt. Sternschnuppe allerdings sieht man nicht, selbst ich hatte ja nur kurz das Vergnügen. Der Kugelblitz, wenn er mit seinem Zischzerrr die Blitze schleudert und dabei lacht. Die Nebelfrau, die die Welt im Herbst gnädig verhüllt wenn sie sich zum Sterben bettet, der Harlekin, der die Bäume noch einmal in aller Pracht entflammen lässt und zu guter Letzt die Nacht, die alles verhüllt und Trost und Ruhe schenkt. Kennt ihr sie auch?
©By Gitte