Zauberhaftes
Kleid!
In der
Umwelt Werkstatt bekommt man hauptsächlich gebrauchte Sachen, manchmal ist auch
etwas Wunderschönes dabei, wie das Kleid, von dem ich euch hier berichte.
Vor einigen
Tagen hing dort bei der Abendmode dieses einfach wunderschöne Kleid. Es sah
aus, als wäre es für eine Nixe gefertigt worden, über und über mit schillernden
Plättchen benäht. Magisch zog es mich an. Im Geiste hörte ich meine Freundin
Susanne gequält seufzen:
„Aber
Gitte, wann willst Du das denn anziehen!?“
Hatte sie
mich doch erst neulich am Kauf eines essbaren Bikinis gehindert.
„Nur einmal
anprobieren, Susannchen“, flüsterte ich, „vielleicht passt es ja gar nicht.“
Als ich
mich umdrehte, stand hinter mir eine Frau, die mich mit merkwürdigem Blick
musterte, ich lächelte sie an und sie schaute fort; ich muss mir unbedingt diese Selbstgespräche
abgewöhnen.
Mit meiner
Beute ging ich zur Kabine. Es war ein merkwürdiges Gefühl beim Überstreifen,
das Kleid schmiegte sich an, wie eine zweite Haut und saß wie angegossen. Die
Pailletten funkelten und ich drehte mich vor dem Spiegel, die Begutachtung fiel
zu Gunsten des Kleides aus, trotz seines gewagten Schnittes wirkte es nicht
frivol.
Ach, wenn
ich doch ein Glas Cola hätte, dachte ich, denn ich verspürte entsetzlichen Durst.
Währenddessen
schälte ich mich aus diesem herrlichen Kleid. „Fünfzehn Euro“ las ich auf dem
Etikett - für die Umwelt Werkstatt ein
hoher Preis, aber das Kleid ist es wert, beschloss ich.
Dabei
entdeckte ich in der Ecke der Kabine ein Glas Cola. Wie aufmerksam! Sicher
hatte Tanja, die nette Verkäuferin, meinen Wunsch vernommen und es gebracht,
während ich in der Anprobe versunken war.
Zufrieden
begab ich mich zur Kasse. Die Dame an der Kasse riss die Augen auf: „Das ist ja
zauberhaft“, meinte sie, „ich kann mich gar nicht erinnern, wann das herein
gekommen ist!“
Sie
betrachtete das Kleid mit begehrlichen Augen.
… Na also
Susanne, denen hier gefällt es auch, dachte ich stolz lächelnd.
„Ach ja,
beinahe hätte ich es vergessen, ich muss noch die Cola bezahlen.“
„Welche
Cola?“ wollte die Dame erstaunt wissen. „Wir verkaufen hier nur Kaffee.“
„Aber mir
wurde doch eine Cola in die Kabine gestellt, warten Sie, ich hole schnell das
Glas.“
In der
Kabine aber stand kein Glas. An der Stelle lag stattdessen eine der Pailletten.
Die hob ich auf, ich würde sie zu Hause annähen. Peinlich berührt ging ich
wieder zur Kasse, dort zahlte ich die fünfzehn Euro unter den verständnislosen
Blicken der Kassiererin.
Zu Hause
führte ich das Kleid meinem Mann Jürgen vor. Der lächelte, kannte er doch meine
Vorliebe für Glanz und Glitter.
„Schon eine Robe für Sylvester“, meinte er
schmunzelnd, „Du hast Recht, immer schön vorsorgen.“
Dann wandte
er sich seiner Eisenbahnanlage zu.
„Mir fehlt
noch die Dampfanlage“, informierte er mich.
„Die werde
ich Dir holen“, versprach ich ihm.
Als ich das
Kleid in den Schrank hängen wollte lag wieder eine Paillette auf der Erde, ich
würde vorsichtig sein müssen.
„Komm
einmal schnell!“ rief mein Mann aufgeregt aus dem Nebenraum. „Sieh Dir das an!“
Seine
Eisenbahn dampfte bei der Fahrt.
„Das glaub
ich jetzt nicht! Wie kann das sein?“ Ratlos blickte er mich an und ich schaute
auf die Paillette in meiner Hand.
„Das ist
ein Zauberkleid“,…..“ flüsterte ich ergriffen.
Jürgen tippte sich bezeichnend an die Stirn,
er war ja einiges gewöhnt von mir, aber das ging ihm eindeutig zu weit.
„Wie
erklärst Du Dir denn das hier?“ fragte ich und wies auf seine Anlage.
Stumm und
überfordert sah er mich an.
Das Leben
war so herrlich, nun konnte ich meine Wünsche erfüllen, ohne Rücksicht auf die
ständig leere Geldbörse. Herz, was begehrst du? Zuerst musste ein
Strasshalsband für Wölfchen her, wollte Susanne nicht auch eines für ihren Hund
Nero, oder war das wieder einer ihrer Scherze. Die Aura von Himstedt wünsche
ich mir schon lange, eine neue Küche auch …… Eigentlich wäre ein Lottogewinn
das Richtige, glaube ich zu wissen.
Immer
maßloser wurden meine Wünsche, die Pailletten rieselten. Der Samstag kam,
gebannt saß ich vor dem Fernsehgerät, das Kleid zur späteren Kontrolle am
Kleiderschrank. Wie viel Geld würde ich wohl bekommen? Es kam nicht der
geringste Zweifel in mir auf. Ungläubig
starte ich auf die Zahlen……
Nichts.
Nicht mal
einen Dreier.
Als ich das
Kleid in den Schrank hängen wollte, bemerkte ich zehn Pailletten, die am Boden
lagen und im Gegensatz zu früher zerbrochen waren.
Das musste
ich nun ausprobieren: Ich wünschte mir ein Eis.
Und nichts
geschah.
Traurig
berichtete ich Jürgen davon.
„Das war zu
erwarten.“ meinte er. „Du warst zu gierig und hast das Glück nicht verdient.“
Betreten senkte ich den Kopf, er hatte ja Recht. Er hatte die innere Weisheit,
wie sie einst mein Großvater gehabt hatte und dafür liebe ich ihn unter
anderem.
Das Kleid
verschwand im Schrank.
Dann kam
der Tag, an dem ich mit Peter, einem Mitglied aus meinem Puppenforum, ein
Kinderheim besuchte. Wir hatten gesammelt und wollten diese Sachen dorthin
bringen. Lange überlegte ich, was ich anziehen sollte, dann entschied ich mich
für das Paillettenkleid, das nun schon einige Zeit ein Schattendasein in meinem
Schrank gefristet.
Peter
grinste breit, als er mich in dem Kleid sah.
„Wir wollen
nicht in den Zirkus, sondern in ein Kinderheim“, meinte er mich aufklären zu
müssen. Ich streckte ihm die Zunge heraus, aber das Kleid behielt ich an.
Die Kinder
staunten: „Bist Du eine Prinzessin?“ wollte eines der Mädchen wissen. Es fasste
nach einer Paillette, um sie zu betrachten und plötzlich hatte sie sie in der
Hand. Erschrocken sah sie mich an und Tränen traten in ihre Augen.
„Das wollte
ich nicht“, weinte sie und hielt plötzlich eine wunderschöne Puppe in ihrer
Hand.
Ach war das
herrlich, ich freute mich sehr! Das unschuldige Kind hatte den Zauber neu
belebt. Nun stellte ich mich vor die staunenden Kinder hin und bat sie nun
einzeln zu mir zu kommen, jedes sollte eine Paillette berühren und einen Wunsch
äußern.
So ziehe
ich nun ab und zu durch die Lande, in Kinder- und Altenheime und lasse mein
Wunschkleid arbeiten, meine eigene Chance habe ich leichtfertig vertan, aber
anderen erfüllt as Kleid noch heute Wünsche.
Und weil
ich gelernt habe, mit dieser Eigenschaft verantwortungsvoll umzugehen,
werden die Pailletten nicht weniger. Sie
erneuern sich auf geheimnisvolle Art und Weise…
© By Gitte